Andreas Weigend, Data for the people

„DEM EINZELNEN MUSS DER WERT SEINER DATEN KLAR SEIN“

Andreas Weigend ist Autor des Buchs „Data for the people“ und Experte in Sachen Big Data und Privatsphäre. Im Interview mit dem ARTE Magazin spricht er darüber, wie der Einzelne die Kontrolle über seine Daten zurückgewinnen kann.

Ist Massenüberwachung ein überholtes Konzept? © Getty Images

ARTE Magazin: Herr Weigend, Sie sagen, die Masse an Daten, die wir aussenden, lässt sich nicht mehr reduzieren. Warum?

Andreas Weigend: Sehen Sie sich doch mal um. Alle tippseln auf ihren Telefonen herum und verwanzen sich so laufend selbst. Dort zum Beispiel. Da macht der Tourist ein Bild von sich vor der Anschlagtafel. Das ist ein Bild vom Bild. Er ortet sich so Millimeter genau. Und ist so längst nicht mehr einer von sieben Milliarden Menschen, sondern einer von den zehn Leuten, die um dort herumstehen. Und damit ist das Problem relativ deutlich. Die Technik ist bereits so weit, dass wir laufend kontrollierbar sind.

Sie hatten selbst ja auch einmal dieses Erlebnis, wo nur die Google Suchmaschine schon wusste, dass Ihr Flug aus Shanghai abgesagt ist.

Ja, genau. Google begrüßte mich quasi mit dieser Nachricht. So wie Facebook mittlerweile dazu rät, einen Regenschirm mitzunehmen, weil es doch heute noch regnen soll. Ich rief also bei der Fluggesellschaft an, doch die meinten, es sei alles in Ordnung. Eine Stunde später war der Flug gecancelt.

In Ihrem Buch „Data for the People“ plädieren Sie dafür, dass wir die Selbstbestimmung über unsere Daten zurückerobern sollen. Also wieder zum Subjekt werden, nicht nur Objekt sind – unsere Daten selbst nicht aus der Hand geben.

Unsere Welt funktioniert, weil Vieles automatisiert und auf Datenverarbeitung basierend abläuft. Das ist nicht nur schlecht. Es ist jedoch wichtig, dass der Einzelne die Hoheit über die Daten behält.

Sie waren früher Chefanalyst bei der Verkaufsplattform Amazon und haben da das Geschäft mit den Kundendaten aufgebaut. Wollen Sie jetzt etwas wieder gut machen?

Nein, bei Amazon ist es nach genau diesem Prinzip aufgebaut. Es gibt Erklärungen, warum etwas Korrespondierendes angezeigt wird. Man kann angeben, dass nur die Kategorie gespeichert wird, nicht das genaue Produkt. Das ist grundlegend anders als früher, wo es darum ging, Mauern aufzubauen, die es dem Kunden schwer machen sollen, alles zu wissen. Zum Beispiel der Gebrauchtwagenhändler, der natürlich weiß, dass es sich hier um ein Unfallauto handelt, was ein halbes Jahr in der Nordsee unter Wasser stand. Aber das natürlich nichts erzählen wird. Heute, ob es sich um ein Auto handelt oder um Hotelzimmer, um Kaffee oder die Partnerschaftssuche, ist ja so, dass die Firmen Geld machen, die es einfacher machen, alles zu finden.

Trotzdem fühlt man sich doch wie der gläserne Mensch, der ausgehorcht wird.

Als ich das letzte Mal in China war, entdeckte ich auf einer öffentlichen Toilette eine Kamera mit Gesichtserkennung. Nach offiziellen Angaben, um den Klopapierklau zu reduzieren. Alle sieben Minuten gibt es 30 Zentimeter aus dem Spender. Und dazu muss natürlich die Polizei Gesicht kennen.

Allerdings machen Privatunternehmen mit ihren Informationen über uns ja auch viel Geld. Das ist der Unterschied zum abhörenden Staat.

Ja, auf den zweiten Blick ist es aber genau dasselbe. Da ist nämlich dieses kleine Persönchen, das eigentlich nur auf die Toilette will. Auf die Toilette muss man gehen dürfen. Wenn Google sich hinstellt und sagt: Ihr braucht ja Google nicht zu benutzen, wenn Euch die Privatsphäre zu wichtig ist, dann geht das genauso wenig. Wir brauchen alle unsere Anbindung ans Internet. Deshalb ist es richtig, dass auf europäischer Ebene Internetfirmen mit Telekomfirmen gleichgestellt werden, was die Datenverwendung anbetrifft. Denn, ob ich jetzt mit WhatsApp jemanden anrufe oder mit einer üblichen Telefonverbindung, spielt ja für den Endnutzer keine Rolle. Historisch bedingt war es natürlich so, dass da Amazon, Facebook, Google und Co. aus einer anderen Ecke kamen. Aber heutzutage wird die Kommunikationsstruktur natürlich unwichtig, ob das über Messenger läuft oder über SMS.

Muss da das Gesetz hinterherkommen?

Rechte wie das Briefgeheimnis müssen für alle gelten. Und es muss hohe Strafen für Datenmissbrauch geben. Bisher sind es was? Zwei Prozent des Umsatzes? Und wie viel ist der Gewinn? Hinzukommt die Wahrscheinlichkeit, überhaupt entdeckt zu werden – und schon wird das gemacht. Und deshalb hohe Strafen. Und dem wirklich dann nachgehen.

„Willkommen in der Illusion!“

Und was kann der Einzelne konkret selbst tun?

Dem Einzelnen muss der Wert von Daten klar sein. Also, wenn ich jetzt mit Google Maps hierher gefunden habe, davor mit der EC-Karte einen Kaffee und ein Croissant gekauft habe und mir mein Email-Anbieter dann anzeigen kann, dass mein Hotel ja ganz in der Nähe ist, dann habe ich erst einmal die Masse an Daten, die aber ganz leicht verknüpft werden kann. Der Wert dieser Daten ergibt sich daraus, dass die Informationen Entscheidungen herbeiführen und Einfluss auf unser Verhalten nehmen können. Das sind Datenraffinierien, die verarbeiten und veredeln. „Geh doch hier rein für den Kaffee“, wird mir dann gesagt, weil es Zeit für meinen Kaffee ist.

In Ihrem Buch geben Sie da auch das Beispiel, wie Sie einen Freund besuchen, der über einem Haschischladen lebt. Schon waren Sie digital als Kiffer abgestempelt. Ist das kein Problem für Sie?

Für mich als Wissenschaftler ist es erst einmal wichtig, das aufzuzeigen. Deshalb gebe ich auf meiner Webseite auch automatisch meinen Standort an, oder den, an dem Google mich vermutet. Ich war einmal mit ein paar Studenten verabredet und auch spät dran. Da riefen sie mich an und fragten nach mir. Ich sagte, ich sei in fünf Minuten da. Aber sie konnten ja nachsehen und sagten: „Nein. Wir haben gerade geschaut. Du brauchst noch 20 Minuten.“ Und so sieht es dann aus, wenn alles einsehbar ist.

In Deutschland hört man dann oft: Ich habe ja auch nichts zu verbergen.

Nein, das ist ja ein ganz schlechtes Argument. Trotzdem will man nicht, dass alle alles wissen und alles sehen können.

Aber woher kommt dieses verträumte Bild dann?

Das ist die reine Liebe zur romantischen Illusion, so wie Daniel Kahnemann es schreibt: die Illusion von der Kontrolle. Dass wir unsere Daten kontrollieren können. Und da sage ich: Willkommen in der Illusion!

Ein Leben in Illusion also.

Ich habe ja nichts dagegen. Ich kann auch zu den Philharmonikern gehen und sagen: Wenn ich jetzt besser geübt hätte, wäre ich einer aus der Bratschengruppe. Dass wir jetzt die Datenmenge eindämmen könnten, das sind theoretische Gedankenspiele. Das kann nicht unser Ziel sein. Sondern es muss sein, die Forderungen an Unternehmen und Staaten zu stellen, dass wir wissen wollen, was sind unsere Daten, wo sind sie und was wird mit ihnen gemacht? Also: Zugang zu eigenen Daten bekommen und Einblicke darin, wie diese Datenraffinerien funktionieren.

Und solange dies nur Forderungen sind, müssen wir einfach hinnehmen, dass unsere Daten genutzt werden?

Wir können noch nicht alle Gefahren absehen, die mit unseren Daten verbunden sind. Theoretisch ist es möglich, dass ich dieses Wasser trinke und das Pfandgeld, das ich für die Flasche bekomme, eigentlich die Bezahlung dafür ist, dass ich damit meine DNA weitergegeben habe. Man muss die Leute ja für ihre Daten bezahlen.

Zur Person

Andreas Weigend ist Autor des Buches „Data for the People“ (Basic Books, 2017) und war früher Chefwissenschaftler bei Amazon. Er ist promovierter Physiker und studierte zudem Philosophie.

Das Interview führte Shila Meyer-Behjat

ARTE Thema: Welt 3.0 – Die Macht der Algorithmen

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Kategorien: September 2017