Choi Eun-hee, Diktatur, Kim Kong, Nordkorea, Shin Sang-ok

IM DIENSTE DES DIKTATORS

In der ARTE-Miniserie „Kim Kong“ wird ein französischer Regisseur gekidnappt, um für Nordkorea einen Film zu drehen. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit.

Choi Eun-hee (l.) und Shin Sang-ok kurz nach ihrem Wiedersehen bei der Geburtstagsfeier von Kim Jong-il (M.) © Alamy

Der Regisseur Matthieu Stannis (Jonathan ­Lambert) steckt in einer Krise. Er hat keine Lust, seinen Actionfilm zu Ende zu drehen. Tatsächlich wird er von der Aufgabe befreit, jedoch auf äußerst unsanfte Art. Er wird gekidnappt und bekommt in einem nordkoreanischen Hotelzimmer von einem gut gelaunten Mann eröffnet, dass er auserwählt wurde, einen Film zu drehen – für den Herrscher persönlich. Die Story: „King Kong“ mit propagandistischem Unterton.

So absurd und albern der Plot der ARTE-Miniserie anmutet: Satire und Wirklichkeit liegen oft nah beieinander. So auch im Fall von „Kim Kong“: Die Serie beruht auf einer wahren Begebenheit.
Südkorea, 1953: Der Filmemacher Shin Sang-ok und die Schauspielerin Choi Eun-hee geben sich das Jawort. Gemeinsam revolutionieren sie das südkoreanische Kino – er als Filmemacher, der mit Orson Welles verglichen wird, sie als Schauspielerin, die mit Größen wie ­Marilyn Monroe posiert. Das Paar adoptiert zwei Kinder. Ihr Glück scheint perfekt.

In den 1970er Jahren endet die Glückssträhne. Die neuen südkoreanischen Machthaber zensieren die Filme von Shin und Choi, ihre Produktionsfirma muss schließen. Shin lernt eine junge Schauspielerin kennen und lässt sich scheiden. Choi steckt nach der Trennung in finanziellen Schwierigkeiten.

Die Entführung

Wohl auch deshalb sagt sie zu, als sie 1978 nach Hongkong eingeladen wird, um ein Engagement zu besprechen. In ein paar Tagen werde sie zurück sein, sagt sie den Kindern zum Abschied. Die können nicht ahnen, dass sie ihre Mutter viele Jahre nicht wiedersehen werden. Choi wird in Hongkong zu einem Boot gelockt, an Bord gezogen und betäubt. Auf einem Frachtschiff kommt sie wieder zu sich. Acht Tage geht die Überfahrt. „Ich dachte, sie würden mich umbringen“, erinnert sich Choi, die heute 90 Jahre alt ist, im Dokumentarfilm „Die Liebenden und der Diktator“. In Nordkorea legt das Frachtschiff an. Choi wird an Land vom Diktator Kim Jong-il begrüßt.

Derweil hat sich Ex-Ehemann Shin nach Hongkong auf den Weg gemacht. Den Kindern verspricht er: „Ich werde eure Mutter finden.“ Doch dann fehlt auch von ihm jede Spur. Während eines Ausflugs wird er entführt – ebenfalls nach Nordkorea. „Innerhalb kurzer Zeit hatten wir beide Elternteile verloren“, sagt Shins Sohn.

Das Wiedersehen

In Nordkorea lebt Choi abgeschieden in einem Haus und wird einem Umerziehungsprogramm unterzogen. Shin wird erst ins Gefängnis und dann ins Arbeitslager gesteckt. Sie erfahren nichts vom anderen. Fünf Jahre vergehen.

Eines Tages lädt der Diktator beide zu seiner Geburtstagsfeier ein. Choi erinnert sich an den Moment, als sie Shin dort erblickte: „Kim lachte triumphierend.“ Später erklärt der Diktator, es habe „Missverständnisse“ gegeben. Sie hätten nicht getrennt voneinander leben sollen und es tue ihm leid, dass er sie so lange habe warten lassen.

Der Auftrag

Kim eröffnet Choi und Shin seinen Plan: Sie sollen dem nordkoreanischen Kino zu Renommee verhelfen. Den beiden ist klar, dass der Diktator ihnen nicht freistellt, ob sie das Angebot annehmen wollen. Auch in Kims Vorschlag, wieder zu heiraten, willigen sie ein. In den folgenden zweieinhalb Jahren produzieren sie 17 Filme, unter anderem eine nordkoreanische Version von „Godzilla“. „Wir schliefen kaum, arbeiteten Tag und Nacht“, so Choi.

Die Kinder des Paars sehen Bilder ihrer Eltern in der Zeitung. „Ich glaubte, sie niemals wiederzusehen“, sagt der Sohn heute. In der Schule wird er damit aufgezogen, dass seine Eltern dem nordkoreanischen Diktator dienen. Die meisten Südkoreaner sind davon überzeugt, dass zumindest Shin freiwillig in den Norden übergelaufen ist. Doch Choi und Shin denken immer wieder daran, zu fliehen. Der Diktator lässt sie zwar zu Filmfestivals auf der ganzen Welt fahren, aber seine Wachleute haben das Paar immer im Blick.

Die Flucht in die Freiheit

Bei einem Besuch in Wien schließlich sehen sie den richtigen Zeitpunkt gekommen. Die Wachleute sind unaufmerksam, spielen Karten. Shin und Choi schleichen sich aus dem Hotelzimmer, steigen in ein Taxi. Sie werden von einem weißen Wagen verfolgt, doch das Glück ist auf ihrer Seite. Im Verkehr hängen sie den Verfolger ab und erreichen die US-amerikanische Botschaft. „Obwohl ich so schnell zum Eingang rannte, wie ich konnte, fühlte es sich an wie in Zeitlupe“, erinnert sich Choi.

Das Paar bekommt in den USA Asyl, glücklich wird es dort aber nicht. Shin versucht vergebens, in L. A. an seine Erfolge als Filmemacher anzuknüpfen. 1999 kehren die beiden nach Südkorea zurück. 2006 stirbt Shin. In ihrer Heimat wird die Entführung bis heute angezweifelt. Die Regierung hat dem Paar jegliche Unterstützung verweigert.

Carla Baum

Kim Kong

Mini-Serie

Der höchst erfolgreiche Regisseur Mathieu Stannis ist schwer frustriert von den simplen Killerszenen seines nächsten Mega-Blockbusters. Da wird er von dem Kommando eines filmbegeisterten nordasiatischen Diktators entführt. Dieser erpresst von Stannis für seine Freilassung nichts weniger als die Verfilmung eines Drehbuchs des „Großen Kommandanten“ für eine regimetreue Neuauflage von „King Kong“. Angesichts der absurden Handlung, der unfähigen Crew und eines ahnungslosen Begleitoffiziers ist die Aufgabe, den unberechenbaren Machthaber zufriedenzustellen, aber nahezu unlösbar.

Ab Donnerstag, 14. September, 21.45 Uhr

Bis 21. September online verfügbar

Die Liebenden und der Diktator

Dokumentarfilm

Der südkoreanischen Filmemacher Shin Sang-ok und seine Exfrau, die Schauspielerin Choi Eun-hee, wurden 1978 auf Geheiß des Diktatorsohnes Kim Jong Il nach Nordkorea entführt und dort gezwungen, Propagandafilme zu drehen. Die Dokumentation erzählt die unglaublichen Erlebnisse der beiden Protagonisten und von ihrer wiedergefundenen Liebe.

Bis 15. Oktober online verfügbar

Kategorien: September 2017