Katholiken, Nordirland, Protestanten

EIN FUNKE REICHT

20 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs ist die Gesellschaft in Nordirland­ nach wie vor gespalten. Der Filmautor Christian­ Frey schildert seine Eindrücke.

Eine kleine protestantische Enklave mitten zwischen katholischen Vierteln. Und von drei Seiten von Peace Walls umgeben © Spiegel TV/Christian Frey

Mauern quer durch die Stadt? Um Angehörige verfeindeter Konfes­sionen daran zu hindern, aufeinander ein­zuschlagen? In Europa? Heute noch? Am Anfang war Erstaunen. Warum gibt es, 20 Jahre nach dem offiziellen Ende des blutigen Konflikts in Nordirland, immer noch Mauern, die die katholischen von den protestantischen Vierteln trennen?

Wir kommen Anfang Juli nach Belfast, Nordirlands größte Stadt. Sie macht einen freundlichen, prosperierenden Eindruck. Gar nicht düster, ärmlich und bedrückend, wie das Klischee im Hinterkopf es will. Es geht sichtlich aufwärts hier: moderne Architektur in der Innenstadt, die Universität gepflegt, überall Restaurants und Coffeeshops. Wo ist der Konflikt?

Die Mauer erfüllt immer noch einen Zweck

Aber dann stehen wir vor ihr. Der sogenannten Peace Wall in West Belfast,­ einer der bekanntesten Friedenslinien in Nordirland und nur eine von vielen in nordirischen Städten. Das recht monströse Bauwerk würde der abgerissenen Berliner Mauer von den Dimensionen her locker Konkurrenz machen. Und vor allem: Diese Mauer erfüllt immer noch einen Zweck. Sie trennt die protestantische Shankill Road von der katholischen Falls Road.

„Wenn es die Mauer nicht mehr gäbe, dann könnte es hier heute Abend schon zu Ärger kommen. Schlägereien, Steinwürfe. Und es braucht nur einen Dummkopf, der einen Stein wirft, und alles explodiert“, sagt Norman Reilly. Norman ist hier aufgewachsen, hat als Jugendlicher die „Troubles“, wie die Nord­iren den Bürgerkrieg nennen, miterlebt. In der Shankill Road wird er 1993 Zeuge eines blutigen Bombenattentats der IRA. Und als 15-Jähriger hat er selbst Steine auf Katholiken geworfen. „Das haben wir alle“, sagt Norman, „wir lebten hier wie in einem Kriegsgebiet, waren Opfer der Umstände, abgestumpft.“

Es geht um Identitäten

Heute ist Norman Reilly Taxi-Unter­nehmer und versucht, Besuchern von Belfast einen Konflikt zu erklären, der über 3.000 Menschen auf blutigste Weise das Leben gekostet hat – und heute zwar eingedämmt ist, aber immer noch nicht gelöst. „Weißt du, Christian, es geht dabei nicht vorrangig um Religion. Es geht vor allem um Identitäten. Die meisten Protestanten fühlen sich als Briten und wollen bei Großbritannien bleiben. Die Katholiken sehen sich mehrheitlich als Iren, wollen eigentlich zur Republik Irland gehören, wollen weg vom Vereinigten Königreich.“

Taxifahrer Norman Reilly © Spiegel TV/Christian Frey

Jetzt wird mir einiges klar: Der Nordirland-Konflikt ist also gar kein „Religionskrieg“, wie er in Deutschland im 17. Jahrhundert geführt wurde, sondern ein Konflikt mit ganz handfesten politischen und sozialen Ursachen und unterschiedlichen, konfligierenden Interessen. Die Frage der Religionszugehörigkeit ist da nur die oberste Schicht.

In Nordirland, in Belfast leben zwei „Religions“-Gemeinschaften immer noch weitgehend getrennt nebeneinander, in weitgehend homogenen Stadtvierteln. Die Kinder gehen zumeist in getrennte konfessionelle Schulen. Die Eltern besuchen entweder protestantische oder katholische Pubs. Zu dieser „Segregation“, hier und jetzt, im 21. Jahrhundert, sagt Norman: „Das muss dringend geändert werden.“

Volksfest oder Provokation?

Uns fällt auf, dass die protestantischen Viertel in diesen Juli-Tagen über und über mit britischen Fähnchen dekoriert sind. „Damit markieren die Protestanten sozusagen ihr Territorium“, sagt Norman. Es ist die „Marching Season“ – Marschkapellen aus allen protestantischen Stadtteilen werden am 12. Juli durch die Stadt ziehen, anlässlich des Sieges eines protestantischen Königs über ein irisch-katholisches Heer im Jahre 1690.

Hatte ich doch gerade begonnen, den Nordirland-Konflikt auch als einen „modernen“ Konflikt zu begreifen – dieses durchaus militante Spektakel, das hier bevorsteht, mutet für mich als Deutschen dann doch recht seltsam an. Es sei für die Protestanten nun mal Tradition. Und ein großes Volksfest, sagt Norman. Ganz harmlos. Man wolle auch niemanden damit provozieren.

Doch viele Katholiken fühlen sich dadurch sehr wohl provoziert. Regelmäßig kam es in den vergangenen Jahren zu Ausschreitungen und Schlägereien. In diesem Sommer kommt noch hinzu, dass die Unsicherheiten, die der Brexit mit sich bringt, die Spannnungen zwischen den Konfessionen noch verschärfen könnten: Die meisten Katholiken sind für einen Verbleib in der EU, die meisten Protestanten folgen treu der Londoner Brexit-Politik. Ein Konfliktfeld mehr. Doch der „Orange March“ verläuft diesmal friedlich. Zur Erleichterung und Überraschung aller. Die Protestanten haben Spaß, bei Marschmusik und viel irischem Bier. Die Katholiken versuchen das Spektakel zu ignorieren.

Besser ist besser

„ Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Toleranz, auf beiden Seiten“, sagt Norman Reilly. Grundsätzlich ist er optimistisch: „Es mag hin und wieder noch hoch hergehen, es gibt immer noch Spannungen. Aber niemand will zurück in die alten Zeiten. Das Leben hier ist heute besser. Die Menschen haben zu viel zu verlieren.“

Als wir nach sehr vielen interessanten Begegnungen und mit tollen Bildern Nordirland verlassen, habe ich einiges über diesen für einen Kontinentaleuropäer ziemlich undurchsichtigen Konflikt gelernt. Mein persönliches Fazit: Katholiken und Protestanten in Nordirland mögen sich immer noch nicht. Aber sie prügeln nicht mehr so oft aufeinander ein. Und, noch viel wichtiger: Sie bringen sich nicht mehr
gegenseitig um. Die unansehnlichen Peace Walls sollte man aber wohl tatsächlich noch eine Zeit lang stehen lassen. Besser ist besser.

Christian Frey

Re: Nordirlands zerbrechlicher Frieden

In Nordirland, insbesondere in der Metropole Belfast, bestimmten „Peace Walls“ nach wie vor den Alltag der Einwohner – 20 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs. Die sogenannten Friedenslinien sollen Katholiken und Protestanten voneinander fernhalten und so Gewalt verhindern. Das „Re:“-Team hat sich vor Ort genauer umgesehen.

Montag, 4. September, 19.40 Uhr

Bis 3.10 online verfügbar

Kategorien: September 2017