Arte, JUBILÄUM, Peaches, Tracks

20 JAHRE WAHNSINN

„Tracks“-Urgestein Peaches über ihre Erinnerungen an die wilden 1990er und frühen 2000er in Berlin – und die besondere Rolle des ARTE-Formats in ihrer Musikkarriere.

Die kanadische Sängerin Peaches war schon immer gern unangepasst © Getty Images

Es ist schon verrückt: Zur Geburtsstunde von ARTE „Tracks“ vor 20 Jahren gab es noch ernsthaftes Musikfernsehen. MTV und Viva waren in Deutschland die zwei TV-Kanäle, die die Popkultur abbilden wollten. Aber nicht sie waren es, die zur Jahrtausendwende Peaches entdeckten. „Tracks“ war das erste Format, das sich getraut hat, mich im Fernsehen zu zeigen.

Die Menschen, auch die Journalisten, reagierten damals meist sehr verwirrt auf meine Auftritte und suchten nach Kategorien. Ist das jetzt Kunst? Oder Satire? Oder nur Musik? Die ersten Medienleute, mit denen ich zu tun hatte, wollten nur über mich schrei­ben. Mich mit Bild zeigen wollten sie nicht. Ich war ihnen wohl zu radikal oder schmutzig. Keine Ahnung. Bei „Tracks“ war das definitiv ganz anders. Hier war man neugierig auf Peaches als Ganzes. Zwei Jahrzehnte später haben MTV und VIVA praktisch abgedankt, Peaches und „Tracks“ sind aber immer noch da. Was sagt uns das?

„Das Konzept dahinter ist großartig“

Im Jahr 2000 hatte ich gerade mein erstes Album in Kanada aufgenommen, „The Teaches of Peaches“, und war mit meinem Musikerfreund Chilly Gonzales nach Berlin gezogen, wo wir schnell gleich gesinnte Bands wie Jeans Team und Honeysuckle Company kennenlernten. Die Energie der Stadt war außergewöhnlich und irgendwie machte es dort für mich am meisten Sinn, Electro mit Rock ’n’ Roll zu fusionieren – zu dieser Zeit noch etwas sehr Neues und Überraschendes. Elektronischer Musik haftete zuvor immer dieses nerdy Image an. Bei einer meiner Live-Shows in Berlin tauchte dann plötzlich ein Filmteam von ARTE auf, interviewte mich und zeigte von der ersten Sekunde an sehr viel Respekt für meine Musik und meine Art der Performance. Für mich eine ungewohnte, aber sehr ermutigende Erfahrung.

Als ich mir „Tracks“ dann zum ersten Mal angeschaut habe, musste ich gleich an eine kanadische TV-Show namens „The New Music“ denken. Die gab es schon vor MTV und dank ihr lernte ich Nina ­Hagen, The Ramones und viele andere abgefahrene Künstler kennen. Abgesehen davon, dass „Tracks“ mich von Beginn an unterstützt hat, finde ich: Die Sendung ist einfach unglaublich gut gemacht und das Konzept dahinter großartig. Hier hat man wirklich verstanden, dass Musik nie alleinstehend gedacht werden sollte. Performance-Art, neue politische Strömungen, Aktivismus – das alles ist genauso wichtig wie der Musik-Kontext.

Mir war diese spezielle Art des popkulturellen Zugangs von Beginn an sehr wichtig – und „Tracks“ offensichtlich auch. Wann immer ich die Sendung heute einschalte, und das versuche ich wirklich oft, dann ist die Themen-Mischung in jederlei Hinsicht outside the box und sehr speziell. Ich habe schon viel Neues kennengelernt dank „Tracks“.

Wenn man sich anschaut, was sich in den vergangenen 20 Jahren alles verändert hat, ist es schon erstaunlich, dass es die Sendung immer noch auf diesem Niveau gibt. Das Internet spielte in den Anfangsjahren noch kaum eine Rolle, es gab keine sozialen Medien, die Leuten hatten keine Laptops und keine Smartphones. Es war eine komplett andere Welt. Ich machte zu dieser Zeit noch Musik mit einer, aus heutiger Sicht, verrückten Maschine, einem Digital-Audio-Recorder.

„Fuck you für den Mainstream“

Das Internet ist natürlich für mich, die eine Art fuck you für den Mainstream bedeutet, besonders praktisch. Online kann ich meine Videos ganz ungefiltert veröffentlichen. Trotzdem hoffe ich, dass es – unabhängig von der weiteren Relevanz des linearen Fernsehens – auch in 20 Jahren noch kuratierte Programme wie „Tracks“ gibt, bei denen sich Journalisten die Mühe machen, subkulturelle Strömungen und alternative Künstler aufzuspüren und zu verstehen. „Tracks“ funktioniert ja auch online wunderbar. Ich schaue die Sendung ausschließlich in der Mediathek. Nur würde ich mir wünschen, dass es endlich englische Untertitel gibt. In Berlin wollen immer alle Englisch mit mir sprechen, deshalb ist mein Deutsch noch nicht sehr gut.

Was ich „Tracks“ gerne zum Geburtstag schenken würde? Vielleicht ein paar Empfehlungen. Macht doch mal etwas zu Christeene, Betty Grumble und Narcissister­ – drei sehr spannende Performance-Artists, die sehr gut in die Sendung passen würden.

Zur Person

Peaches heißt mit bürgerlichem Namen Merrill Beth Nisker und ist eine in der kanadischen Stadt Toronto geborene Sängerin und Musikproduzentin, die als Pionierin der Electroclash-Bewegung gilt. Die 50-Jährige ist erklärte Feministin und bekannt für provokante Live-Shows. Seit dem Jahr 2000 lebt und arbeitet Peaches in Berlin.

ARTE Schwerpunkt: 20 Jahre Tracks

Musikmagazin

Zeit für Konfetti: Zum Jubiläum zeigt ARTE drei Geburtstags-Specials von „Tracks“, um den Geist des unkonventionellen Magazins zu feiern.

Ab Freitag, 8. September, 22.40 Uhr

Kategorien: September 2017