Fremdsprachen, KARAMBOLAGE, Sabine Klüber, TYPISCH FRANKREICH

MUT ZUR BLAMAGE

Fremdsprachen? Für Franzosen immer ein heikles Thema. Dabei kann von Unvermögen keine Rede sein. Sie trauen sich nur nicht.

Illustration © Martin Haake

„Chérie, mach dir keine Sorgen. Mein Vater spricht Deutsch, meine Mutter Englisch“, versicherte mir mein französischer Mann, bevor ich vor Jahren seine Eltern kennenlernen durfte. Ich war damals sehr nervös, weil ich noch kaum ein Wort Französisch verstand. Fürsorglich wie mein Mann ist, beruhigte er mich von da an immer wieder, wenn wir seine Freunde und Verwandten trafen. Unter ihnen sollte stets jemand sein, der Deutsch oder zumindest Englisch sprach. Ob das stimmt, habe ich allerdings nie herausgefunden, denn bis heute haben sie alle nur Französisch mit mir gesprochen – und das, obwohl wir im Elsass leben.

Der Eindruck vom fremdsprachenfeindlichen Franzosen ist weit verbreitet. Jeder, der mal in Paris war, kann von unfreundlichen Garçons berichten, die einem einen Kaffee mit Keks auf den Tresen knallen, obwohl man in bestem Schulfranzösisch eine Cola bestellt hatte – ohne Keks. Kurz: Wer in Frankreich nicht perfekt Französisch spricht, ist verloren! Doch woran liegt das?

„Je ne comprends pas“

Am Fremdsprachenangebot an französischen Schulen schon mal nicht: 95 Prozent der französischen Schüler lernen Englisch, womit sie sogar etwas besser dastehen als ihre deutschen Nachbarn (94 Prozent). Gleichzeitig geben zwei Drittel der Franzosen an, überhaupt keine Fremdsprache zu beherrschen. Wie kann das sein? „On n’est pas doué pour les langues“ (Wir sind nicht sprachbegabt), entschuldigen sie sich. Und natürlich stellen Laute wie das deutsche „ch“ oder das englische „th“ französische Münder vor große Herausforderungen. Dass Deutsche es mit fremden Zungen jedoch leichter hätten, ist ein Irrtum.

Wer jemals Günther Oettinger oder Edmund Stoiber beim Englischreden zuhören musste, weiß, wie wenig sprachbegabt wir sind. Was uns jedoch nicht davon abhält, dieses Unvermögen lauthals ins nächste Mikro zu brüllen. Und genau hier liegt der Unterschied: Franzosen trauen sich eine solche öffentliche Blamage einfach nicht! Eine Ursache für die Scheu der Franzosen vor Fremdsprachen könnte darin liegen, dass sie traditionell sehr viel Wert auf die perfekte Beherrschung der eigenen legen. Junge Sprachenlerner stellt dieser Perfektionismus vor ein Dilemma: Sie möchten, wie in der Muttersprache, keine Fehler machen, können sie in der Fremdsprache aber nicht vermeiden und sprechen sie daher kaum.

Seit der „Make the planet great again“-Rede von Emmanuel Macron weiß die Welt immerhin, wohin der französische Sprachen-Perfektionismus im besten Fall auch führen kann: zu einem nahezu perfekten Englisch mit charmant betontem französischen Akzent.

Zur Autorin: Sabine Klüber – Die Journalistin lebt seit 2009 mit französischem Mann und zwei Töchtern in Straßburg.

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Kategorien: August 2017