gertrude bell
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GERTRUDE BELL: MUTTER DES IRAK, KÖNIGIN DER WÜSTE

Gertrude Bell war Beraterin des Englischen Königreichs, Historikerin, Alpinistin und Archäologin. Einblicke in das bewegte Leben der fortschrittlichsten Frau ihrer Zeit.

Gertrude Bell (1868-1926) Universal History Archive/UIG © Getty Images

Als Getrude Bell im Jahr 1868 in eine der reichsten Industriellenfamilien Englands hineingeboren wurde, schien ihr Weg vorgezeichnet. Sie würde zur Schule gehen, als junge Frau einen Mann heiraten, der ihres Standes würdig war, und den Rest ihres Lebens als Ehefrau und Mutter auf einem Landsitz oder in einer prunkvollen Stadtvilla in London verbringen.

Es kam anders. Nach dem Abschluss ihres Studiums der Neueren Geschichte packte sie das Reisefieber. Einen akademischen Grad hatte ihr die Universität Oxford verwehrt, erst ab 1920 sollte dieser für Frauen erreichbar sein. Bell nahm es hin und machte sich auf in die Welt. Ihre erste Reise führte sie nach Bukarest und Konstantinopel, wo sie einflussreichen Diplomaten und hochrangigen Politikern begegnete.

Zurück in London hatte sie es schwer, sich in die höfische Gesellschaft einzufinden, wo sie einen Mann kennenlernen sollte. Den meisten Jungspunden aus gutem Hause war sie jedoch weit überlegen, was Bildung und Welterfahrung anging.

Verlust der großen Liebe

Sie litt darunter, dass sie keinen Partner finden konnte. Doch statt zu verzweifeln und sich zurückzuziehen, ging sie wieder auf Reisen – diesmal, im Frühjahr des Jahres 1893, nach Teheran. Bell hatte zuvor die Persische Sprache gelernt. In Teheran sollte sie nicht nur ihre Liebe zu fremden Kulturen entdecken. Der junge britische Diplomat Henry Cadogan wich Bell nicht von der Seite, zeigte ihr die Umgebung. Die beiden verliebten sich ineinander. Einer Heirat stimmte Bells Familie allerdings nicht zu, da Cadogan arm war und als Spieler galt.

Traurig fuhr Bell zurück nach England. Die nächsten Monate verbrachte sie in der Hoffnung, dass aus der Heirat doch noch etwas werden würde. Doch dann erreichte sie ein Telegramm: Cadogan war an einer Lungenentzündung verstorben. Bell war am Boden zerstört.

Reisen gegen die Trauer

Sie floh vor der Trauer und stürzte sich in Reisen durch Europa. Sie entdeckte das Bergsteigen für sich, höchst ungewöhnlich für eine Frau ihres Standes und ihrer Zeit. In begeisterten Briefen an den Vater schilderte sie, wie sie an Felswänden entlanggekraxelt war und schneebedeckte Gipfel erreichte.

Eine weitere Sehnsucht ließ sie nicht los: die nach dem Nahen Osten und den persischen und arabischen Kulturen. So kehrte sie zurück nach Teheran. Dort verließ sie bald die gesetzte Diplomaten-Parallelwelt und machte sich mit einem Pferd auf in die Wüste. Sie drang in noch weitgehend unerschlossene Gebiete vor und besuchte die ortsansässigen Stämme.

Rivalisierende Stämme und Ruinen

Bald sprach man überall von der rothaarigen Frau mit den grünen Augen, die auch noch die entlegensten Gegenden besuchte und vor Räuberbanden nicht zurückschreckte.

Ihre Reisen bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs sind an Vielfältigkeit kaum zu überbieten. Von Beirut aus besuchte sie die rivalisierenden Stämme der Drusen und der Beni Sakhr. In Kleinasien entdeckte sie ein Ruinenfeld und fotografierte frühbyzantinische Kirchen. Sie durchquerte die Syrische Wüste und kartierte unerschlossene Gebirge.

Fotoaufnahme des Baalschamin-Tempels von Gertrude Bell im syrischen Palmyra © Gertrude Bell Archive, Newcastle University

Vielerorts wurde sie als „Mann ehrenhalber“ behandelt, was ihr oft überhaupt erst den Kontakt zu muslimischen Machthabern ermöglichte. Eine Kämpferin für die Rechte der Frauen war Bell indes nicht: Sie verachtete die britischen Suffragetten, die auch Gewalt als legitimes Mittel der Durchsetzung von Frauenrechten verstanden. Und ausgerechnet sie, die so viel politisches Wissen besaß, war gegen das Frauenwahlrecht.

Schicksalsvolle Begegnungen

Auf einer ihrer Reisen lernte sie T. E. Lawrence kennen. Lawrence war erst Anfang zwanzig und interessierte sich für mittelalterliche Töpferkunst, während Bell schon für ihre Verdienste in der Region bekannt geworden war. Zwischen den beiden entwickelte sich eine Freundschaft. Es ist wohl eine weitere Tücke der damals noch tief in die Gesellschaft eingeflochtenen Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, dass Lawrence als „Lawrence von Arabien“ in die Geschichte einging, während Bell viele Jahrzehnte vergessen wurde.

Ein weiterer Mann trat wenig später, im Jahr 1912, in ihr Leben: der verheiratete Major Charles „Richard“ Doughty-Wylie. Leidenschaftlich verliebten sich die zwei ineinander. Doch eine Scheidung von seiner Frau wäre für Doughty-Wylie in seinem Umfeld unmöglich gewesen. Auch diese Liebe endete tragisch: Doughty-Wylie, zu dem Bell einen stetigen Briefkontakt hielt, wurde im Ersten Weltkrieg erschossen. Wie schon beim Verlust ihrer ersten Liebe versuchte Bell, ihre Trauer mit weiteren Reisen und Expeditionen im Nahen Osten zu stillen.

Die „Mutter des Irak“

Ihr Geschick blieb vom englischen Königshaus nicht unbemerkt. Sie wurde zu einer einflussreichen Beraterin für den Nahen Osten, galt als Expertin für die dort ansässigen Stämme und Völker. Bekannt ist Bell heute vor allem für ihre Beteiligung an der Neuordnung des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg und den Grenzziehungen im Irak.

Winston Churchill (9.v.l.), Gertrude Bell (8.v.l.) und Lawrence von Arabien (7.v.l) bei der Kairo-Konferenz 1915 in Ägypten © Gertrude Bell Archive, Newcastle University

Früh hatte sie erkannt, dass sich im Irak ein Widerstand gegen die britische Regierung formierte und dass es einen großen Wunsch nach Unabhängigkeit gab. Sie sah sich als Vermittlerin zwischen den ortsansässigen Machthabern und den Interessen der britischen Regierung, in dessen Auftrag sie unterwegs war. Den damaligen Kolonialminister Winston Churchill überzeugte sie im Jahr 1921 davon, dem Irak die Autonomie zu ermöglichen.

Gemeinsam mit Lawrence, mit dem sie an der Grenzziehung arbeitete, beging sie jedoch einen gravierenden Fehler. Sie bedachte die Rolle der Schiiten in der Region nicht – und legte mit den festgelegten Grenzen so auch den Grundstein für Konflikte, die heute noch wirksam sind.

Lange Zeit vergessen

Nach der Ordnung der Gebiete waren die Briten nicht mehr auf Bells Dienste angewiesen. Sie blieb trotzdem in Bagdad und kehrte auch zurück, nachdem sie sich bei einem Besuch in England eine Rippenfellentzündung zugezogen hatte. Das bewegte Leben der Gertrude Bell endete an einem Sommermorgen des Jahres 1926. Sie wurde tot aufgefunden, neben sich eine leere Schlaftabletten-Dose.

Lange Zeit wurden ihre Verdienste nicht gewürdigt, kaum jemand erinnerte sich an sie. Lawrence von Arabien wurde bereits 1960 ein Film gewidmet, in dem Bell übrigens nicht ein einziges Mal erwähnt wird. Bells Sprung auf die Leinwand und damit die Bekanntheit bei einem Massenpublikum sollte noch ganze 55 Jahre auf sich warten – bis Werner Herzogs „Queen of the Desert“ von 2015.

ARTE Highlight: Von Britannien nach Bagdad: Gertrude Bell

„Von Britannien nach Bagdad: Gertrude Bell“ erzählt die ungewöhnliche und tragische Geschichte von Gertrude Bell, der mächtigsten Frau im damaligen britischen Empire. Die Historikerin, Schriftstellerin, Archäologin, Alpinistin und politische Beraterin war nach dem Ersten Weltkrieg an der politischen Neuordnung des heutigen Iraks beteiligt und hinterließ dort Spuren, die noch immer sichtbar sind. Gertrude Bell war einflussreicher als ihr Freund und Kollege Thomas Edward Lawrence, bekannt als Lawrence von Arabien. Doch warum ging sie nicht in die Geschichte ein, deren Verlauf sie maßgeblich mitgeprägt hat?

Dienstag, 22. August, 20.15 Uhr

Online bis 29. August

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Kategorien: August 2017