UFA

100 JAHRE UFA: REISE IN DIE GESCHICHTE DES DEUTSCHEN FILMS

Werner Sudendorf, bis 2015 Leiter des Archivs der Deutschen Kinemathek, kennt die Geschichte der UFA wie seine eigene Westentasche. Ein Gespräch zum 100. Jubiläum.

Gesichter der UFA: Marlene Dietrich, Hans Albers, Mario Adorf © Getty Images, dpa, Imagno, United Archives, Ullsteinbild, UFA

ARTE Magazin: Herr Sudendorf, welches ist Ihr UFA-Lieblingsfilm?
 
Werner Sudendorf: Einen Lieblingsfilm? Ach, so viele, aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann wäre es für die Stummfilmzeit „Der letzte Mann“ (1924) von F. W. Murnau, weil er die Sprache des Films durch seine Kameratechnik, die Visualisierung des Tons, die Bauten und tatsächlich auch durch seinen Realismus revolutioniert hat. Beim Tonfilm entscheide ich mich für Veit Harlans „Opfergang“ (1944). Ein absolut wahnwitziges Epos auf den Tod, eine Elegie in den letzten Monaten des Krieges in berauschenden Farben und im Ton der alles Äußere ausschließenden Innerlichkeit. Man staunt und schaudert über diese unbedingte Radikalität.

Wie funktionierte die Propaganda der von Goebbels beeinflussten UFA?

Goebbels war der Ansicht, dass man Propaganda nicht merken solle: „Gute Laune ist kriegswichtig.“ Deshalb gab es Komödien, Revuefilme, Gesellschaftsbilder und Melodramen – und darin eingebettet immer ein Stück nationalsozialistischer Ideologie. Wie von ungefähr, als Alltagsbeschreibung, auch als Wunschbild. So wurde die Propaganda in kleinen Dosierungen verabreicht. Die großen Propagandafilme konnte man leicht durchschauen, die kleinen ideologischen Häppchen bekam man gar nicht richtig mit.

„Man muss genau hinsehen, das macht die Filme interessant“

Welchem Film der UFA aus den Jahren 1933 bis 1945 merkt man die Propaganda am wenigsten an?

Manches, was wir heute als Propaganda ansehen, entsprach damals einfach dem Alltagsjargon. Vielleicht nicht besonders subtil, aber besonders infam war die mentale Vorbereitung auf die Euthanasie in dem Film „Ich klage an“ (1941).

Wie ging man im Nazi-Deutschland damit um, dass Stars wie Fritz Lang oder Marlene Dietrich Deutschland verließen?

Als die prominenten Namen nicht zurückkamen, ignorierte man einfach ihre Existenz.

Wie war die Rolle der Frau in den NS-Filmen?

Die Frau war dem Mann untertan, Gebärende, Mutter und Trösterin. Aber es gab auch selbstbewusste, selbstständige Frauen wie Brigitte Horney und Hilde Krahl. Es gibt immer Abweichungen vom Klischee. Man muss genau hinsehen, das macht die Filme dann interessant.

„Ich mag Münchhausen einfach nicht“

Inwiefern ist „Münchhausen“ eine filmische Flucht aus der deutschen Realität 1943? Finden sich darin kritische Anspielungen auf das Nazi-Regime?

„Münchhausen“ ist kein fantastischer Film, sondern eine Schnurre, eine kulturhistorische Posse, etwas selbstverliebt und niedlich. Ganz bestimmt kein Widerstandsfilm, auch wenn mal das eine oder andere Wort so gedeutet werden könnte. Vielleicht bin ich ungerecht – ich mag den Film einfach nicht.

Wie würden Sie die UFA nach Ende des Zweiten Weltkriegs beschreiben?

Das war zunächst der untaugliche Versuch, das vergangene System wieder aufleben zu lassen. Das ging nicht gut, die Zeiten hatten sich geändert. Die alte UFA in der NS-Zeit war eine Staatsfirma, die neue musste sich den Gesetzen des Marktes beugen.

„Die Filme haben sich in das visuelle Gedächtnis eingegraben“

Inwieweit hat die Erfindung des Fernsehens die UFA beeinflusst?

Nach den großen wirtschaftlichen Erfolgen der 1950er Jahre kam mit dem Fernsehen international die große Filmkrise; in Deutschland und in anderen europäischen Ländern genauso wie in Amerika. Die letzten Filme der UFA – „Das Totenschiff“ (1959) und „Das Wunder des Malachias“ (1961) – waren interessant gescheiterte Großproduktionen, Abgesänge auf die alte Gesellschaft ohne eine Perspektive für eine neue Gesellschaft. Ein letztes Aufbäumen, grandios im Untergang.

Glauben Sie, die Filme der UFA haben die deutsche Gesellschaft geprägt?

Ja, natürlich. Die Filme haben sich eingegraben in das visuelle Gedächtnis unserer Eltern und Großeltern und werden unter der Hand, eher unbewusst, weitergegeben an uns. Die Filme sind ein Teil unserer Kultur und fest in unseren Genen verankert, auch wenn wir es zum großen Teil nicht wissen. Der UFA, im Guten wie im Schlechten, werden wir noch lange nicht entkommen.

Das Interview führte Karoline Nuckel

Einen großen Artikel über die Geschichte der UFA lesen Sie in der Augustausgabe des ARTE Magazins.

ARTE Schwerpunkt: 100 Jahre UFA – Ganz großes Kino!

Bis heute steht der Name UFA für deutsches Kino in guten wie in schlechten Zeiten. Die UFA hat alles produziert: visionäres Kino ebenso wie perfide Propaganda, in ihren Produktionen spiegelt sich die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. ARTE zeigt anlässlich des 100. Gründungsjubiläums der UFA ab Ende August 2017 eine repräsentative Filmreihe, die den großen Bogen von der Stummfilmzeit bis heute schlägt.

Ab 28. August

ARTE Highlight: 100 Jahre UFA – Im Maschinenraum des deutschen Films

Die Dokumentation erzählt die Geschichte des ältesten deutschen Filmkonzerns als Unternehmensgeschichte. Fünfmal flaggte das UFA-Schiff im Laufe seiner Geschichte um: vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und die NS-Zeit bis zur Adenauer-Ära und zur Bertelsmann Fernsehproduktion. Wer waren die Kapitäne, wohin steuerten sie das Schiff, welche Machtkämpfe spielten sich ab?

28. August, 22.10 Uhr

Online bis 4. September

Kategorien: August 2017