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KI-FORSCHER: „FÜR INTELLIGENTE MASCHINEN GIBT ES KEINE GRENZEN“

Wie realistisch ist das Szenario aus dem Film „Her“? Christian Bauckhage vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme sprach mit dem ARTE Magazin über Schach, Google und Roboter im Alltag.

Im Film „Her“ verliebt sich Theodore (Joaquin Phoenix) in Samantha, einen intelligentes Sprachprogramm © ARTE France/Warner Bros

In „Her“ verliebt sich Theodore (Joaquin Phoenix) in das Betriebssystem Samantha (Scarlett Johansson). Der Film spielt in der nahen Zukunft. Christian Bauckhage ist Professor für Informatik an der Universität Bonn und Lead Scientist für maschinelles Lernen am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme. Er meint: Im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) gibt es noch ganz andere Entwicklungen, die uns bald beschäftigen werden. Und wir sollten keine Angst vor ihnen haben.

ARTE Magazin: Wir telefonieren gerade. Woran erkenne ich, dass Sie kein Roboter sind?

Christian Bauckhage: Das können Sie nicht. Höchstens erkennen Sie es an der Erfahrung, dass Sie bisher noch keinen Roboter getroffen haben, der sich mit Ihnen unterhalten könnte. Es dauert aber nicht mehr lange, bis Roboter das können. Die Frage ist ja immer: Woran erkennen Sie, ob ich intelligent bin? Sie schreiben mir gerade Intelligenz zu, weil ich intelligent auf Ihre Frage antworten kann. Kurz und gut: Intelligenz ist etwas, dass Sie anderen, typischerweise Lebewesen, zuordnen, weil sie sich auf eine Art und Weise verhalten, die Ihnen klug vorkommt.

Wie alt ist die Idee zu Künstlicher Intelligenz (KI)?

Die Idee, künstliche Intelligenz zu schaffen, kam tatsächlich schon in den 1940er Jahren auf. Damals gab es die ersten elektronischen Computer. Die Forscher fragten sich: Wenn wir jetzt diese Rechenmaschinen haben, vielleicht können wir da ja Programme drauf laufen lassen, die intelligent sind. Dann kam die Frage auf: Was ist die Messlatte für Intelligenz? Und die Antwort war: Schach. Wer Schach spielen kann, muss intelligent sein. Deshalb hat so ein Run eingesetzt, jahrzehntelang haben weltweit Tausende Leute an Schachprogrammen geforscht.

„Vor zwei Jahren hätte jeder gesagt: Das geht nicht“

Eine Art Meilenstein zu Künstlicher Intelligenz war der Schachcomputer Deep Blue, der 1996 gegen den damals amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow gewann. Nach welchem Prinzip funktioniert ein solcher Schachcomputer?

Das kann man sich folgendermaßen vorstellen: Vor mir ist folgende Stellung auf dem Schachbrett. Ich könnte meine Figur dahin ziehen und dann könnte mein Gegner dies oder das machen. Für jede dieser verschiedenen Züge könnte ich dann wiederum dies oder das machen. Die Möglichkeiten, die man hat, sind zwar sehr viele, aber trotzdem noch beherrschbar viele. Anders ist das bei Spielen wie Go. Da gibt es so viele Möglichkeiten, was Sie machen könnten. Vor zwei Jahren hätten Sie mit jedem Informatiker auf der Welt sprechen können, jeder hätte gesagt, nein, kein Computer könnte das.

Letztes Jahr hat dann aber Google AlphaGo ein Programm vorgestellt, das in Go gewonnen hat. Was macht dieses Programm anders als ein Schachcomputer?

Das war ein Programm, in dem neuronale Netze benutzt werden. Neuronale Netze sind mathematische Modelle für die Art der Berechnung, die bei uns im Gehirn passiert. In den 1980er Jahren hat es erste Durchbrüche mit künstlichen neuronalen Netzen gegeben, aber dann setzte eine Ernüchterung ein, weil die Berechnungen, die man für das Training von solchen neuronalen Netzen machen muss, sehr aufwendig sind. Heutzutage haben wir einerseits sehr starke Computer, die gar nicht mehr viel kosten, und andererseits unfassbar viele Trainingsdaten. Wir leben jetzt im Zeitalter von Big Data und da sind wir in der Lage, diese neuronalen Netze plötzlich sehr groß zu machen.

„Vor uns liegt eine Welt, die wir uns noch gar nicht vorstellen können“

Siri, Google Glass, Chips unter der Haut zur digitalen Rundumversorgung – wo sehen Sie ein Ende der technischen Weiterentwicklung?

Ich war im März bei der CeBit, da konnte man sich live einen Chip implementieren lassen, da war eine Schlange von Leuten, wie beim Tätowierstudio. Das ist alles nicht mehr Science-Fiction, das ist Realität. Bei den Entwicklungen, die absehbar sind, gibt es eigentlich keine Grenzen mehr. Wir müssen jetzt alle mentalen Schranken fallen lassen und nicht mehr fragen: Wird es das überhaupt mal geben? Sondern: Wann ist es soweit? Die Fortschritte aus den letzten fünf Jahren waren so unfassbar dramatisch, das stellt alles in den Schatten, was in den letzten 60, 70 Jahren passiert ist.

Ist das Szenario, das in „Her“ gezeigt wird – ein Mann verliebt sich in einen intelligenten Sprachcomputer – in der nahen Zukunft plausibel?

Ja, das ist ein wirklich plausibles Szenario für die nahe Zukunft. Das ist wie eine Weiterentwicklung von Siri. Das Softwareprogramm kann alles, was Sie an Interaktion mit ihm machen, speichern und zum Training benutzen. Wenn ich Ihnen vor zehn Jahren gesagt hätte, dass heute alle diese Smartphones haben werden, die einem sagen, wo das nächste Restaurant ist, war das Science-Fiction. Wenn man guckt, wie rasant sich die Technik in den letzten zehn Jahren entwickelt hat, und wenn wir das jetzt in die Zukunft projizieren – das ist eine Welt, die können wir uns heute noch gar nicht vorstellen.

„In Deutschland gibt es eine Technologieskepsis“

Was sind mögliche neue Bereiche im Feld der Künstlichen Intelligenz? Wo könnten wir davon profitieren?

In Japan gibt es jetzt schon ganz viele Pflegeroboter in Krankenhäusern. Japan hat schon in den 1980er Jahren darüber nachgedacht: Was machen wir, wenn wir alle alt werden? Und die haben das schon in den 1980er Jahren als technisches Problem verstanden. Dort gibt es auch Roboter, die sehen aus wie Spielzeugrobben, die werden genutzt, um Alzheimerpatienten zu beschäftigen. In Deutschland gibt es das alles noch nicht, das liegt daran, dass Deutschland nicht ganz so technikaffin ist wie andere Länder auf der Welt.

Ist Deutschland technologieskeptisch?

In Deutschland ist schon eine gewisse Technologieskepsis zu erkennen. Das werte ich gar nicht, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Es ist eben eine kulturelle Frage. Es gibt aber auch Länder auf der Welt, in denen Technik eingesetzt wird, die in Deutschland nicht eingesetzt wird, obwohl sie schon existiert.

„Das Problem ist, dass wir alle Terminator gesehen haben“

Ist die Angst berechtigt, dass Maschinen durch ihre Programmierung klüger werden können als der Mensch und sich letztendlich gegen ihn richten?

Das Problem ist, dass wir alle „Terminator“ im Kino gesehen haben. Wenn wir das nicht gesehen hätten, wären wir alle nicht so ängstlich. Wenn eine Maschine immer intelligenter wird, gibt es theoretisch keine Begrenzung für sie. Wenn die intelligent sind, dauert es nicht lange, bis sie superintelligent werden und uns überholen. Die Frage, die sich dann stellt, ist: Warum sollte eine Superintelligenz versuchen, die Menschheit auszurotten? Für Menschen ist es offensichtlich ein ganz naheliegender Gedanke, dass wenn man besser ist als jemand anderes, dann macht man ihn platt. Und warum sollte KI, also etwas, was in keinster Weise menschlich ist, den gleichen Gedanken haben?

Wenn aber die Maschine vom Menschen lernt?

Das ist in der Tat ein Problem. Deshalb gab es diesen offenen Brief von 2015 von Hawking und Bosniak und anderen, dass KI auf gar keinen Fall für militärische Anwendungen genutzt werden darf. Weil KI, die im Militärbereich entwickelt wird, schon den Gedanken haben könnte, dass es eine gute Idee ist, zu vernichten. Es gibt sehr viele Forscher, die diese Vereinbarung unterschrieben haben. Das heißt aber nicht, dass nicht bei der NSA oder CIA oder sonst wo auch viele Leute daran arbeiten würden, es trotzdem militärisch zu nutzen.

Macht Ihnen das Angst?

Nein. Alles, was ich über KI weiß, ist, dass sie so anders ist als unsere Intelligenz, dass es völlig falsch wäre, ihr menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Die KI ist auf mathematische Optimierung ausgerichtet. Es für eine KI vielleicht viel naheliegender zu denken, die Menschen machen mir Ressourcen streitig. Viel einfacher, als sie auszurotten, wäre es wahrscheinlich, eine Rakete zu bauen und zum Mond zu fliegen und da eine Fabrik aufzubauen für all die Metalle, die ich brauche. Das wäre ja für eine Superintelligenz ein viel intelligenterer Gedanke als zu versuchen, die Menschheit auszurotten.

ARTE Highlight: Her – A Spike Jonze Love Story

Theodore ist verrückt nach Samantha. Nur gibt es da ein kleines Problem: Samantha ist kein Mensch, sie ist die Stimme eines hochintelligenten Betriebssystems. Sie bereichert das Leben des introvertierten und sensiblen Ghostwriters Theodore so sehr, dass er sich nach langer Zeit wieder lebendig fühlt. Die ungewöhnliche Liebesbeziehung findet in einem Los Angeles der nahen Zukunft statt, wo alles technisiert ist. Doch irgendwann bekommt Theodor Zweifel, ob er die Liebesbeziehung zu einer künstlichen Intelligenz aufrechterhalten soll …

Mittwoch, 19. Juli, 20.15 Uhr

Kategorien: Juli 2017