Anoushka Shankar, Indien, Konzert, Sitar

IN DER RUHE LIEGT DIE KRAFT

Bis heute ist der indische Sitar ein Instrument, das mehrheitlich von Männern gespielt wird. Doch Anoushka Shankar beweist das Gegenteil und schlägt Brücken zwischen indischer, klassischer und Pop-Musik.

DG © Yuval Hen

ARTE Magazin: Gibt es auch Tage ohne Musik in ihrem Leben? Genießen Sie ab und zu die Stille?

Anoushka Shankar: Ich liebe die Stille! Mir wird das immer erst bewusst, wenn ich mit meinen Freunden zusammen bin, weil sie es in der Regel sind, die Musik auflegen. Ich vergesse das häufig einfach, denn manchmal bringt Musik mich eher zum Nachdenken als zum Entspannen. Außerdem kann aus der Stille überhaupt erst neue Musik hervorgehen.

Spielen Sie noch ein anderes Instrument außer der Sitar?

Als Teenager habe ich das Klavierspielen gelernt und ich mochte es sehr, aber ich habe keine großen Ambitionen gehabt. Es macht mir Spaß, aber ich übe nicht regelmäßig. Ich kann daher auch nicht besonders gut spielen, aber manchmal ist es eine Hilfe beim Schreiben und Komponieren meiner Lieder.

Erinnern Sie sich an das Konzert im Konzerthaus Berlin im Frühjahr 2016? Wie reagierte das Publikum?

Ich war zum ersten Mal dort und es war sehr schön. Das Publikum war so warmherzig und aufnahmebereit. Da ich an diesem Abend auch das erste Mal mit Patricia auftrat, erinnere ich mich sehr deutlich daran. Wir spielten das Stück „Raga Mishra Piloo“, ein Duett für Sitar und Violine, das mein Vater komponierte. Ich spiele dieses Stück leider nicht sehr oft; umso mehr freue ich mich daher, wenn ich die Gelegenheit dazu bekomme. Auch aus diesem Grund war es ein besonderer Abend für mich.

Sie erwähnten die Violinistin Patricia Kopatchinskaja, die an diesem Abend ihre Partnerin war. Hat sie dieses Stück schon vorher gespielt?

Nein, es war das erste Mal, dass sie dieses Stück spielte. Aber ihre Leistung war unglaublich, denn sie hat ein sehr intuitives Verständnis von Musik. Es war herrlich und soweit ich weiß, war dies ihre erste Berührung mit traditioneller indischer Musik überhaupt.

Das Konzert war auch eine Hommage an Yehudi Menuhin, der im letzten Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Er war ein enger Freund Ihres Vaters. Lernten Sie ihn persönlich kennen und welchen Eindruck hatten Sie von ihm?

In meiner Kindheit habe ich ihn viele Male getroffen, vermutlich schon bevor ich selbst Musikerin wurde. Er war das Gegenstück zu meinem Vater. Ich habe in meinem Leben nur wenige Menschen kennengelernt, die so geniale Musiker waren wie er. Trotz seiner Berühmtheit und seines Erfolgs war er äußerst bescheiden, einfach ein freundlicher Mensch.

Sind Sie jemals zusammen mit Mehuhin aufgetreten?

Nein, nicht mit ihm, aber ich spielte für ihn. Als ich 16 Jahre alt war gab ich ein Konzert in Neu-Delhi und Menuhin saß im Publikum. Mein Vater hatte ihn eingeladen und er war der Ehrengast an diesem Tag.

Dieser Auftritt in der Berliner Philharmonie war nicht ihr erster Aufenthalt in Berlin. Konnten Sie die Stadt schon außerhalb von Veranstaltungsorten und Hotelzimmern erkunden?

Manchmal bin ich nur für einen Tag in der Stadt und habe keine Zeit, etwas zu unternehmen. An anderen Tagen habe ich jedoch mehr Freizeit und ich kann die Stadt erkunden. Ich war im Jahr 2000 zum ersten Mal in der Stadt und seitdem war jeder Aufenthalt anders. Es herrschte eine unglaubliche Energie und das machte damals einen starken Eindruck auf mich. Ich habe Freunde in Berlin, die ich hin und wieder besuche und außerdem hat mein Ehemann vor einigen Jahren einen Film in der Stadt gedreht. Zu dieser Zeit hat er ein halbes Jahr in Berlin verbracht und so war auch ich regelmäßig dort. Ich würde zwar nicht sagen, dass ich die Stadt gut kenne, aber sie ist mir zumindest nicht fremd. Sie ist sogar eine meiner Lieblingsstädte.

Im März 2017 spielten Sie zusammen mit Zubin Mehta und den Berliner Philharmonikern das Stück „Raga-Mālā“. War dies Ihr erster Auftritt mit diesem Orchester?

Ja, das war unser erster gemeinsamer Auftritt und es war fantastisch. Ich konnte im Laufe meiner Karriere schon mit einigen Orchestern auftreten, doch diese Erfahrung gehört definitiv zu den wertvollsten, die ich jemals gemacht habe. Für die Musiker des Orchesters ist dieses Stück weitaus schwieriger als für mich, denn sie spielten ein Stück meines Vaters, das eine komplett andere musikalische Sprache für sie war. Die Signaturen und Melodien sind für einen Musiker, der es gewohnt ist, westliche Klassik zu spielen, erst einmal fremd. Doch sie haben diese Herausforderung gemeistert und daran erkennt man, wie stark sowohl das Orchester als auch die einzelnen Musiker und Musikerinnen sind.

 

Sprechen wir über Ihr letztes Album: „Land of Gold“. Es entstand unter dem Einfluss und Ihren persönlichen Eindrücken der Flüchtlingskrise. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie an den Brexit und die zunehmenden Anfeindungen gegen Einwanderer und Flüchtlinge in Großbritannien und Europa denken?

Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll. Das alles ist so schwierig. Es ist wichtig, jeden Tag von seiner Stimme Gebrauch zu machen, und gleichzeitig war das letzte Jahr in dieser Hinsicht so unglaublich anstrengend. Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden, denn ich fühle mich so…

Hilflos?

Ja, und das mag ich überhaupt nicht. Ich sage das nur ungern, denn es widerspricht meinen Überzeugungen. Ich denke, wir alle können etwas in dieser Welt bewirken, solange wir nicht aufgeben, es zu versuchen. Und doch fühle auch ich diese Verdrossenheit, von der viele Leute sprechen. Ich habe den Eindruck, dass in Bezug auf den Brexit, Trump, die Wahlen, Frankreich und viele andere Dinge, die momentan in der Welt passieren, vorsätzlich Unruhe gestiftet und für Verwirrung gesorgt wird. Das beunruhigt mich sehr und ich verhalte mich aktuell sehr ruhig und passiv. Ich beobachte sehr genau und warte ab, was passiert. Trotzdem werde ich natürlich zur Wahl gehen.

Haben Sie das Bild der jungen Demonstrantin Saffiyah Khan gesehen, die Mitgliedern der English Defence League auf einer Kundgebung in Birmingham mit einem Lächeln auf den Lippen entgegentrat?

Oh ja! Ein wunderbares Bild! Vor einem Jahr gab es noch ein weiteres Bild, das mich nachhaltig beeindruckte. Eine wunderschöne, junge Frau der Black-Lives-Matter-Bewegung geht ruhig und friedlich auf zwei Polizisten in kompletter Ausrüstung zu. In diesen Bildern steckt offensichtlich etwas, das uns anspricht. Diesen Frauen ist es gelungen, Anmut und Ruhe im Angesicht von Angst und Gefahr zu bewahren. Diese Bilder sind gelungene Juxtapositionen und genau das macht sie so interessant. Wer am lautesten schreit, hat nicht zwangsläufig recht, denn es funktioniert auf Dauer einfach nicht, dass wir uns gegenseitig unsere Meinungen aufzwingen. Die Gesellschaft spaltet sich zunehmend und selbst die politischen Parteien entfernen sich immer weiter voneinander. Diesen Problemen mit Toleranz, Mitgefühl und Nächstenliebe zu begegnen ist der einzig richtige Weg. Manchmal können solche Bilder die Menschen wachrütteln.

Sorgen bereitet mir auch, dass wir immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen haben. Diese Bilder gehen in Sekunden um die Welt, ziehen die Aufmerksamkeit jedoch nur für ein paar Tage auf sich. Denken Sie an den Sommer 2015 und das furchtbare Bild vom toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi am Strand von Bodrum. Dieses Bild ging um die Welt, erschütterte viele Menschen und rief Proteste hervor. Doch hatte es eine nachhaltige Wirkung oder haben die meisten Menschen dieses Bild schon wieder vergessen?

Glauben Sie, es gibt diese Aufmerksamkeitsprobleme auch in der Musik?

Das ist doch interessant oder? Wir sind buchstäblich die erste Generation in der Geschichte, die so viel geballte Vielfalt in ihren Händen hält. Auf der einen Seite ist es unglaublich, dass ich Zugang zu jeder Art von Musik habe. Manchmal schlägt ein Lied oder ein Album total ein und wird der Soundtrack meines Jahres. Aber wie viele andere tolle Alben überfliege ich stattdessen? Früher war das zwar auch so, aber durch die heutigen technischen Möglichkeiten ist alles überall und jederzeit verfügbar. Da ist es unvermeidbar, dass sich unsere Hör- und Sehgewohnheiten ändern.

 

Ihr Ehemann ist der Filmemacher Joe Wright. Er war ebenfalls an der Produktion Ihres Albums „Land of Gold“ beteiligt. Gibt es Pläne, dass Sie einen Soundtrack für einen seiner zukünftigen Filme komponieren?

Wir würden liebend gerne zusammenarbeiten. Wir schauen immer, ob es eine Verbindung zu Indien geben könnte, die meinen Mann anspricht. Das wäre eine Möglichkeit für eine Zusammenarbeit. Darüber hinaus habe ich bisher nur ein kurzes Schlaflied komponiert, das in seinem Film „Anna Karenina“ verwendet wurde. Aber bisher passte die Musik, die ich sonst mache, nicht zu seinen Filmen. Trotzdem halten wir die Augen und Ohren offen, sollte sich doch plötzlich eine Möglichkeit ergeben.

Das Interview führte Niklas Wysk

Zur Person: Anoushka Shankar ist die bekannteste Sitar-Spielerin der Gegenwart. Sie wurde 1981 in London geboren und ist die Tochter von Ravi Shankar und außerdem die Halbschwester von Sängerin Norah Jones. Shankar wuchs in San Francisco und Neu-Dehli auf und lebt inzwischen mit ihrem Mann, dem Regisseur Joe Wright und ihren zwei Kindern wieder in London. Ihr aktuelles Album „Land of Gold“ erschien 2016 auf dem Label Deutsche Grammophon.

Anoushka Shankar & Ensemble: Ein Abend mit klassischen indischen Ragas

Dem Publikum im Berliner Konzerthaus präsentierte die bekannte Sitarspielerin einen Abend voll indischer Musik und klassischen Ragas. Sie widmete das Konzert der Freundschaft ihres Vaters Ravi Shankar mit Yehudi Menuhin, dem wohl berühmtesten Geiger des 20. Jahrhunderts. Menuhins Part übernahm ebenfalls eine weibliche Musikerin: die moldauisch-österreichische Geigerin Patricia Kopatchinskaja.

Konzert

Sonntag, 18. Juni, 00.05 Uhr

Kategorien: Juni 2017