Aleppo, Doku, Krieg, Syrien, Weißhelme

FERAS FAYYAD: „DIE WEISSHELME KÄMPFEN FÜR EIN NORMALES LEBEN“

Der syrische Filmemacher Feras Fayyad begleitete über drei Jahre die Arbeit der „Weißhelme“ in Aleppo, die nach Bombenangriffen als Erste zur Stelle sind. Ein Gespräch über Helden, normales Leben im Krieg und die Grenzen des Zeigbaren.

Filmemacher Feras Fayyad, illustriert von Selman Hösgör für das ARTE Magazin

ARTE Magazin: Herr Fayyad, wer oder was ist ein Held für Sie?

Feras Fayyad: Ein Held zu sein bedeutet für mich, ein Mensch zu sein und für menschliche Werte zu kämpfen. Ein Held ist kein Superman, kein Kämpfer aus alten Sagen, sondern ein normaler Mensch, der andere rettet, der das Leben liebt und sich dafür einsetzt, dass es weitergeht. Alles davon sehe ich in der Arbeit der Weißhelme. Ganz generell leisten die freiwilligen Helfer in Syrien Unglaubliches, versorgen etwa sogar Menschen in den belagerten Gebieten mit Essen – das sind für mich Helden.

Wie lernten Sie die drei Protagonisten des Films, die Weißhelme Khaled, Subhi und Mahmoud, kennen?

Als Erstes lernte ich Khaled kennen, den Anführer der Weißhelme. Ich traf ihn 2013, als er mit Kollegen und Freunden dabei war, eine kleine Gruppe zusammenzustellen. Sie wollten Familien und Stadtviertel vor den Bombenanschlägen Assads zu schützen. Zu dieser Zeit waren die Weißhelme gerade dabei, sich zu organisieren, suchten nach Unterstützung durch internationale Organisationen. Subhi und Mahmoud schlossen sich wenig später der Gruppe an. Ich fing an, sie zu begleiten, wenn sie nach Bombenanschlägen in die betroffenen Viertel fuhren.

Wie entstand die Idee, über die Weißhelme einen Film zu drehen?

Ich wollte zeigen, wofür sie kämpfen, was ihre Motivation ist, einen so gefährlichen Job zu machen. 2011 war ich im Gefängnis, weil ich einen Film über Meinungs- und Redefreiheit gedreht hatte. Im Gefängnis wurde ich Zeuge der brutalen Folter von freiwilligen Arbeitern. Dass der Staat Journalisten als seine Feinde betrachtet, ist vielleicht verständlich. Aber Freiwillige, die Kinder retten, Menschen mit Medizin versorgen? Aus dieser Unsinnigkeit entstand mein Filmvorhaben. Ich wollte zeigen, dass das, was in Syrien passiert, unsinniges und willkürliches Töten ist.

Nach Ihrer Gefängnisstrafe verließen Sie Syrien.

Ja, ich war einige Monate in Jordanien, zog von dort in die Türkei und 2014 nach Dänemark. Die Arbeit an „Letzte Männer von Aleppo“ habe ich in der Türkei begonnen. Für den Film ging ich aber auch einige Male nach Syrien zurück.

Wann waren Sie das letzte Mal in Aleppo?

2014, für acht Monate. 2015 versuchte ich, noch einmal zurückzukehren, doch Aleppo war zu diesem Zeitpunkt komplett belagert und ich konnte nicht rein. In Aleppo sah es aus wie in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg. Es fielen 15 bis 20 Bomben pro Tag, von der syrischen und der russischen Armee. Eine brennende Stadt. Mein Kameramann war viel länger in Syrien. Alle Aufnahmen aus 2015 und 2016 stammen von ihm und seinem Team.

Haben Sie je darüber nachgedacht, die Dreharbeiten am Film abzubrechen, weil es zu gefährlich wurde?

Nein, ich wollte unbedingt, dass dieser Film entsteht. Mit dem, was ich gesehen habe, trage ich eine Verantwortung: Ich muss diese Geschichten erzählen und nach außen tragen. In den Nachrichten kommt nicht rüber, was in Syrien passiert. Dort stehen Zahlen im Vordergrund und der internationale Konflikt. Informationen gibt es überall, darüber musste ich keinen Film drehen. Mein Film handelt von Träumen, die Menschen in Syrien haben. Was macht die Menschen dort aus, was hoffen sie, was wollen sie, was sind ihre inneren Konflikte? Diese Aspekte habe ich davor noch in keinem Film über Syrien berührt gesehen.

Wie ging es Ihrem Filmteam? Gab es dort den Gedanken daran, den Dreh abzubrechen?

Ja, aber nicht, weil es zu gefährlich war, sondern weil sie die Depression in Syrien am eigenen Leib spürten. Sie verloren die Hoffnung. Sie verloren sogar den Glauben an die Menschheit. Die Belagerung lässt dich alles hassen, sie macht dich furchtbar wütend. Da war es gut, dass ich nicht selbst dort war. Ich konnte sie immer an den Sinn des Films, an seine Bedeutung erinnern. Ich habe auch einen Freund gefragt, der Psychologe ist, wie ich das Team in Aleppo am besten unterstützen kann. All meine Energie floss in diese Aufgabe.

Wie haben Sie sich entschieden, welche Szenen Sie zeigen, und welche zu schockierend sind?

Was gezeigt wird und was nicht, orientiert sich an der Geschichte von Khaled und Mahmoud. In einer Szene sieht man ein totes Baby nach einem Bombenangriff. Der Zuschauer sieht das, weil es einen Bezug zu Khaled und seinen zwei Töchtern hat. Es dokumentiert das Verbrechen gegen die Menschlichkeit, aber auch die Angst Khaleds.


Wie sah ein typischer Tag für Khaled und Mahmoud aus?

Sie wachten morgens auf, wenn sie denn überhaupt geschlafen hatten. Sie waren immer auf der Hut, wenn in der Nähe bombardiert wurde. Es kam oft vor, dass sie schliefen oder aßen und in der Nähe eine Bombe fiel; sie ließen dann alles stehen und liegen. Aber trotzdem haben sie versucht, ihr normales Leben weiterzuführen, denn dafür kämpfen sie: ein normales Leben zu führen, es weiter leben zu können. Wir sehen das in einer Szene, in der Mahmoud seinen Freund mitten in der Nacht bittet, ihn zu erinnern, auf eine Hochzeit zu gehen.

Der Koregisseur, Steen Johannessen, sagte einmal: „In Syrien hat der Journalismus versagt.“ Würden Sie ihm zustimmen?

Nein. Es ist nicht fair, das zu sagen. Die internationale Politik hat in Syrien versagt, nicht der Journalismus. Viele Medien arbeiten hart daran, Syrien nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Viele Journalisten setzen ihr Leben aufs Spiel und sind vor Ort. Aber die Politik hat komplett versagt. Politiker benutzen Syrien, um ihre Ziele zu erreichen.

Das Interview führte: Karoline Nuckel

Die letzten Männer von Aleppo

Die „Weißhelme“ Khaled, Mahmoud und Subhi stehen im Mittelpunkt des preisgekrönten Dokumentarfilms von Feras Fayyad (Buch und Regie) und Steen Johannessen (Ko-Regie und Schnitt) über die ehrenamtlichen Retter in der syrischen Stadt Aleppo. Über den Zeitraum von fast zwei Jahren zeigt der Film die Angst, den Tod und die tägliche Bedrohung in den Straßen der Stadt.

Dienstag, 6. Juni, 20.15 Uhr

In der ARTE Mediathek vom 6.-13. Juni

Kategorien: Juni 2017