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Wanderlust – Das Dossier

(c) Along Mekong Production

(c) Along Mekong Production

Die Lust am Wandern

Im August ist ARTE auf Europas schönsten Routen unterwegs. Das ARTE Magazin nimmt Sie mit nach Kreta, macht Sie mit einer Checkliste wandertauglich – und erklärt, warum Wandern heute beliebter ist denn je.

 

Die letzten Höhenmeter in den Beinen, ein herrliches Panorama vor Augen: Millionen Deutsche zieht es regelmäßig raus in die Natur. Die Studie „Der deutsche Wandermarkt 2014“ kommt zu dem Ergebnis, dass Wandern die beliebteste Outdooraktivität der Deutschen ist. Das war nicht immer so, jahrzehntelang galt Wandern eher als langweilig und bieder. Doch in den 1990er Jahren kam die Wende. „Der Wandertourismus erlebte in Deutschland eine Revolution: Plötzlich war Wandern auch bei jungen Menschen beliebt“, sagt Natursoziologe Rainer Brämer vom Deutschen Wanderinstitut. Heute marschiert nicht mehr nur der ältere Herr mit Kniebundhose und Filzhut – heute wandern fast alle. Aktuellen Studien zufolge ist der durchschnittliche Wanderer mit 47 Jahren deutlich jünger als noch vor einigen Jahren. Am liebsten macht er sich zu zweit oder in kleinen Gruppen auf den Weg. Ältere Menschen wandern zwar immer noch regelmäßiger als jüngere, unterm Strich nähern sich beide Gruppen aber seit Jahren an. Während das ältere Publikum neuerdings organisierte Wanderreisen in ferne Länder bucht, greifen die Jüngeren vermehrt auf Technik zurück. „Geocaching und Wandern mit GPS liegen im Trend“, sagt Jens Kuhr vom Deutschen Wanderverband. Smartphone-Besitzer lassen sich zum Beispiel Routen von Wander-Apps vorschlagen.

Die Branche boomt. „Wandern hat mein Leben verändert“, sagt Manuel Andrack, einst Komoderator von Harald Schmidt, heute Buchautor und Wanderexperte. „Ich war Schreibtischtäter, bis mir mein Arzt riet, ich solle mich unbedingt mehr bewegen.“ Seither wandert er, was das Zeug hält, und animiert mit Büchern, einem Blog und einer neuen Bühnenshow andere, es ihm gleichzutun. Warum zieht es immer mehr Menschen raus in die Natur? Heinz-Dieter Quack von der Ostfalia Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Salzgitter hat einige Tausend Wanderer nach ihren Motiven befragt. „Stress abbauen“ und „zu sich selbst finden“ waren die häufigsten Antworten. Die Branche hat diese Bedürfnisse erkannt: So veranstaltet der Deutsche Wanderverein am jährlichen Wandertag mittlerweile nicht nur ausgewählte Touren, sondern auch Vorträge, Führungen und Konzerte. Bis zu 50.000 Naturfans lassen sich dafür jedes Jahr begeistern. Neu sind Winterwandertage, die das Naturerlebnis mit Wellness- und Gesundheitsangeboten kombinieren. Nach Schätzungen des Bundeswirtschaftsministeriums sind mit dem Wandertourismus etwa 144.000 Arbeitsplätze verbunden. Rund 3,7 Milliarden Euro geben Naturfreunde jährlich in Wandergebieten aus. Rechnet man Ausrüstung, Vorbereitung und Übernachtungen dazu, liegen die Schätzungen bei 11 Milliarden Euro. Kein Wunder, dass sich so manche Region als Wanderziel herausputzt.

 

(c) Along Mekong Production

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Rundum-sorglos-Paket. Doch ganz so einfach ist es nicht: Der Wanderer von heute achtet auf die Qualität der Wege. Solche, die die Prüfung durch den Deutschen Wanderverband und das Deutsche Wanderinstitut bestehen, heißen beim Wanderverband Qualitätswege Wanderbares Deutschland und beim Wanderinstitut Premiumwege. Beide Organisationen legen strenge Kriterien sowohl an die Markierung des Weges als auch an Landschaft und Sehenswürdigkeiten an. So sollte der Weg durchgehend gut beschildert, die Landschaft offen und abwechslungsreich sein und es sollten möglichst mehrere historische Bauwerke und Gasthäuser auf der Strecke liegen. Kurzum: Um die Siegel zu erhalten, muss dem Wanderer ein Rundum-sorglos-Paket geboten werden. Ein Beispiel für einen ausgezeichneten Wanderweg ist der 154 Kilometer lange Rothaarsteig vom sauerländischen Brilon nach Dillenburg am Rande des Westerwalds. Seit 2007 trägt er das Wandersiegel des Deutschen Wanderinstituts. „Die Qualitäts- und Premiumwege haben zu einer Wiederentdeckung des Wanderlands Deutschland geführt“, sagt Brämer. „Auch in Österreich und der Schweiz werden nun immer mehr Wege zertifiziert – etwa der Tiroler Adlerweg oder der neue Swisstrail.“ Analog zu den deutschen Premiumwegen hat die Europäische Wandervereinigung ausgewählte Wege als Leading Quality Trails (LQT) zertifiziert. Dass in ganz Europa Wandern eine immer größere Rolle spielt, kann man in Griechenland sehen: Noch 2014 soll dort ein LQT ausgewiesen werden, um den Wandertourismus anzukurbeln. Die Strategie der Branche geht auf: Der neue Wanderer ist jung, anspruchsvoll und gibt für sein gesundes Hobby gerne Geld aus. Manuel Andrack resümiert: „Wer glaubt, Wandern ist die Vorstufe zur Rollator-Rallye, irrt gewaltig.“

Manuela Gotthartsleitner-Wagner für das ARTE Magazin

ARTE PLUS

Buchtipps

Michael Vogeley: „Fernwanderwege in Europa – 20 Traumstrecken vom Nordkap bis zum Mittelmeer und die Wege E1 bis E11 im Überblick“ (Bruckmann Verlag 2013); Jens Franke: „100 Tage Heimat: Zu Fuß durch Deutschland“ (National Geographic Taschenbuch 2013); Robin Ewers: „Geocaching: Bestes Praxiswissen vom Profi“ (Bruckmann Verlag 2013) (Auswahl)

Weitere Informationen: www.wanderverband.de www.wanderinstitut.de www.fernwege.de

 

Mit dem Rucksack durch Kreta

Quer über Kreta führt ein einzigartiger Fernwanderweg. Das schönste Teilstück im Westen der Insel überrascht mit rauer Natur und archäologischen Schätzen fernab von Touristenströmen. 230 Kilometer in zwei Wochen – die besten Tipps zum Nachwandern.

 

(c) Tina Zellmer

(c) Tina Zellmer

1. Kissamos

In Kissamos beginnt die Route: Die Stadt im äußersten Westen ist eine archäologische Schatzkammer, deren Geschichte bis in die Antike zurückreicht

2. Kloster Moni Chrissoskalitissa

Das kleine Kloster mit der großen Legende: Eine seiner 99 Treppenstufen soll aus Gold sein. Doch ist sie nur für jenen sichtbar, der frei von Sünde ist

3. Insel Elafonisi

Im Süden der Westküste, nur 50 Meter vor Kreta, liegt Elafonisi. Die Insel mit den karibischen Stränden erreicht man zu Fuß durch das knietiefe Wasser

4. Paleochora

Das frühere Fischerdorf Paleo-chora liegt auf einer Halbinsel im Südwesten Kretas. Besonders sehenswert ist die venezianische Festungsanlage Kastell Selinou

5. Samaria-Schlucht

Sie gilt als Grand Canyon Europas: Über 1.200 Höhenmeter schlängelt sich der Weg durch die 13 Kilometer lange Samaria-Schlucht

6. Lefka-Ori-Gebirge

Hoch geht es in die Lefka Ori, die Weißen Berge. Sie sind die größte Gebirgskette Kretas. Der höchste Gipfel, Pachnes, ist 2.454 Meter hoch

7. Aradena-Schlucht

Im Herzen der Provinz Sfakia liegt die Aradena-Schlucht; an ihrer engsten Stelle ist sie acht Meter breit. Leitern vereinfachen den schwierigen Weg

8. Loutro

Das Dorf Loutro ist nur zu Fuß oder per Fähre erreichbar. Seinen Namen (dt. Bad) verdankt das antike Wellnessdorf den umliegenden Bädern

9. Frangokastello

Von Venezianern im 14. Jahrhundert erbaut, wurde Frango-kastello 1828 zum Schauplatz der wichtigsten Schlacht der Kreter gegen die Osmanen

10. Askifou-Ebene

Der letzte Anstieg führt in die fruchtbare Hochebene von Askifou, etwa 750 Meter über dem Meeresspiegel. Der E4 geht weiter bis ans östliche Ende der Insel

Kristin Bartholmess für das ARTE Magazin

 

Kleines Wander-ABC

Ob Alt oder Jung, Anfänger oder Fortgeschrittene – jeder kann wandern. Die Checkliste mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden für jeden Typ und Tipps zu Anforderungen und Ausrüstung

 

(c) Along Mekong Production

(c) Along Mekong Production

 

 

   Weg/Gelände  Anforderungen  Ausrüstung  Beispieltouren 
Wandern   Talwege auf mittleren
Höhen im leicht hügeligen Gelände, überwiegend breit, keine Absturzgefahr
etwas Trittsicherheit, Orientierungsvermögen, auch für untrainierte Menschen geeignet Turnschuhe oder leichte Trekkingschuhe, Wanderkarte von Vorteil, Regenjacke, ausreichend Proviant Deutschland Heilklima-Wanderweg 1 bei Höchenschwand im Südschwarzwald
 Bergwandern  Bergwege mit Auf- und Abstiegen, durchgehend sichtbare Wege, teilweise steil und schmal, Absturzgefahr nicht ausgeschlossen gute Trittsicherheit, Orientierungsvermögen, hinzu kommt: Wandererfahrung, Kondition leichte Trekkingschuhe, Wanderkarte, Regenjacke, ausreichend Proviant Frankreich Teil der Rundwanderung „Tour du Morvan“ im Burgund
Anspruchsvolles Wandern  Bergwege nicht durchgehend sichtbar, Absturzgefahr, gesicherte Gehpassagen (z.B. am Drahtseil), Hinzunehmen der Hände evtl. erforderlich gute Trittsicherheit, Orientierungsvermögen, Wandererfahrung, gute Kondition, hinzu kommt: Schwindelfreiheit stabile Trekkingschuhe, Wanderkarte, Wanderstock unter Umständen hilfreich, Regenjacke, ausreichend Proviant Österreich Bergwanderwege vom Achensee in Tirol zur Seebergspitze(2.085 m)
Alpinwandern  steile und schmale Bergwege, Wegspur nicht immer sichtbar, Absturzgefahr, Hinzunehmen der Hände zur Sicherung erforderlich, einfache Kletterstellen, Übergang zum Bergsteigen gute Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, gute Kondition, gutes Orientierungsvermögen, hinzu kommt: Gelände-Beurteilungsvermögen, Erfahrung im alpinen Gelände Bergschuhe, Wanderkarte, Wanderstock, wetterfeste Kleidung, ausreichend Proviant, falls Rückzug schwierig und Übernachtung notwendig wird Nepal Aufstieg zum Kala Pattar (5.675 m) im Südosten Nepals
Anspruchsvolles bis schwieriges wandern  oft unmarkierte, sehr steile und schmale Bergwege, können über Geröllfelder führen, Übergang zum mittelschweren Bergsteigen, erhöhte Absturzgefahr, Gletscher können auf der Route liegen gute Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, sehr gutes Orientierungsvermögen, gute Alpinerfahrung, hinzu kommt: Kenntnisse im Umgang mit alpinen Hilfsmitteln, Klettererfahrung Bergschuhe, Wanderkarte, Steigeisen, Pickel und Seil, wetterfeste Kleidung und ausreichend Proviant, zu einer Führung durch einen geprüften Bergführer wird geraten Schweiz Aufstieg zum Niesen (2.362 m) im Berner Oberland

 

 Kristin Bartholmess und Sabine Klüber für das ARTE Magazin

 

ARTE Dokureihe

Wanderlust!

 

Der Cornwall-Küstenpfad

Montag · 4.8. · 19.30

Der Saar-Hunsrück-Steig

Dienstag · 5.8. · 19.30

Mallorcas Trockenmauerweg

Mittwoch · 6.8. · 19.30

Der Stevenson-Weg in Frankreich

Donnerstag · 7.8. · 19.30

Durch Kretas Schluchten

Freitag · 8.8. · 19.30

Kategorien: August 2014