GESELLSCHAFT

Der geheime Zirkel

 

(c) Spiegel TV

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Sie sind der größte Geheimbund der Welt: die Freimaurer. Ihr Schweigegelübde
und ihre Treffen unter Ausschluss der Öffentlichkeit lassen Verschwörungstheorien entstehen. Was steckt hinter ihren Ritualen, was wirft man ihnen vor?

Das Bild passt zum Mysterium: Männer im Anzug, mit weißen Handschuhen und Schurz versammeln sich im Spätsommer 2012 in der Hamburger Kirche St. Michaelis, um das 275-jährige Bestehen der Freimaurer in Deutschland zu begehen. Sie sind die Elite dieses Geheimbunds. Zu Beginn des Festakts klatschen sie neun Mal in die Hände. Dann streichen sie simultan mit dem rechten Handrücken von links nach rechts unter dem Kinn entlang: Rätselhafte Erkennungszeichen prägen die Gemeinschaft der Freimaurer, den größten Geheimbund der Welt. Zahlreiche berühmte Persönlichkeiten wie Mozart, Goethe oder George Washington gehörten ihm an. Die Faszination für Geheimbünde ist ungebrochen, auch, weil etliche Verschwörungstheorien ihnen die heimliche Kontrolle über das Weltgeschehen unterstellen.

Das Erbe der Bauhütten

Was den Ursprung der Freimaurerei anbelangt, gilt als wissenschaftlich belegt, dass der Bund aus den Bauhütten des Mittelalters hervorging, der Gemeinschaft der Baumeister gotischer Kathedralen, die sich „free masons“ nannten. Sie gehörten einer intellektuellen Elite an und wurden wegen ihrer architektonischen Fähigkeiten verehrt. Damit sich niemand in ihren Zirkel einschlich, schotteten sie sich mit geheimen Erkennungszeichen ab. Als im 17. Jahrhundert die Ära des Kathedralenbaus zu Ende ging, öffneten sich die Bauhütten anderen Bürgern – die moderne Freimaurerei war geboren und zog besonders die intellektuellen Eliten an. 1717 folgte in London die Gründung des ersten Dachverbands, die Vereinigte Großloge von England. Dem Bund anzugehören, bedeutete, Freigeist zu sein, offen für die Ideen der Aufklärung. Die abgeschotteten Freimaurerlogen waren ein geschützter Raum, wo frei und ständeübergreifend neue Ideen ausgetauscht werden konnten – ohne Kontrolle seitens der Kirche oder des Monarchen. Das neue Gedankengut beeinflusste die amerikanische Unabhängigkeit 1776 genauso wie die Französische Revolution 1789. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sind neben Toleranz und Humanität die noch heute in der Satzung festgehaltenen Ideale der Freimaurer.

(c) Spiegel TV/Jürgen Heck

(c) Spiegel TV/Jürgen Heck

Die Arbeit am rauen Stein

Rund 15.000 Freimaurer gibt es heute in Deutschland, was vergleichsweise wenig ist: Französische Logen haben ungefähr 160.000 Mitglieder. Marian Füssel, Historiker an der Universität Göttingen und Experte für das Thema Freimaurerei, war für die dreiteilige ARTE-Dokumentation „Geheimbünde“ auf Spurensuche rund um die Welt. Er erklärt die geringe Zahl deutscher Freimaurer mit ihrer Verfolgung durch die Nazis, die die Freimaurer beschuldigten, gemeinsam mit den Juden eine Weltherrschaft errichten zu wollen. „Die Freimaurer haben sich nach Ende des Kriegs zwar wieder zusammengeschlossen, aber Freimaurerei wurde in Deutschland nie mehr zum Massenphänomen.“ Die heutigen Logen sind eingetragene Vereine und somit verpflichtet, Satzung, Aufbau und die Besetzung ihrer Ämter offenzulegen. Die Mitglieder verpflichten sich zu Humanität, Toleranz und Frieden und arbeiten an der geistig-ethischen Vervollkommnung des Menschen, sind also primär am gedanklichen Austausch interessiert. Alle Gesellschaftsschichten sind vertreten. Wer Mitglied werden will, muss selbst aktiv werden, Werbung machen die Freimaurer nicht. Aufgenommen wird ein „Suchender“ nur, wenn er ein Jahr lang Logentreffen besucht hat und anschließend das Votum der Mitglieder übersteht. Damit will der Orden sicherstellen, dass die Motivation der Anwärter über die reine Neugier hinausgeht.

Wer dabei ist, beginnt mit der „Arbeit am rauen Stein“. Der Neuling ist zunächst Lehrling, wird später Geselle und zuletzt Meister. Jede Stufe des Aufstiegs entspricht einer Erkenntnisstufe und wird von Initiationsriten eingeleitet. Offiziell sind diese geheim, doch im Laufe der Jahrhunderte sind Inhalte durchgesickert: Bei seiner Aufnahme betritt der Lehrling die Loge humpelnd, mit nur einem Schuh, seine Augen sind verbunden – Symbole dafür, dass seine Persönlichkeit noch unfertig ist und er ein Suchender. Die Freimaurer treffen sich meist wöchentlich in ihrem symbolträchtigen Tempel. Drei Kerzen im Raum stehen für Weisheit, Stärke und Schönheit. Winkelmaß, Zirkel und Schurz erinnern an die Steinmetze des Mittelalters.

Lange Zeit waren die Freimaurer ein reiner Männerbund. Frankreich wurde zum Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung: Hier wurde 1893 die erste gemischte Großloge gegründet, 1945 die erste rein weibliche. Die 46-jährige Journalistin Sylvia Gräber ist Meisterin der Lippstädter Lilith-Loge und seit 13 Jahren dabei: „Freimaurerei ist für mich eine Auseinandersetzung mit Ethik und Werten im Verbund mit anderen Menschen“, sagt sie. Zurzeit arbeitet sie an der Gründung einer Frauenloge in Münster, um auch Frauen dort die Möglichkeit zu geben, unter sich zu bleiben.

Verschwörungstheorien

So rar die Informationen über ihre Rituale sind, so zahlreich sind die Verschwörungstheorien, die sich um die Freimaurer ranken. Wer sich im Verborgenen bewegt, steht leicht im Verdacht, kriminelle Machenschaften zu verbergen und subversive Absichten zu hegen. Viele Menschen gehen von großer politischer Einflussnahme der Freimaurer aus, denn tatsächlich sitzen viele Mitglieder an wichtigen Schaltstellen in Politik und Wirtschaft. Daher der sich beständig haltende Verdacht, dass sie die Gesellschaft im Verborgenen lenken. Marian Füssel sagt: „Die Freimaurer haben sich durch einen Eid zur Verschwiegenheit verpflichtet und das reizt natürlich Außenstehende zu Verdächtigungen und Mutmaßungen aller Art. Insofern verwundert es kaum, dass die Freimaurer in ihrer Geschichte immer wieder zum Gegenstand von Vorwürfen geheimer Machenschaften wurden.“ Dass es nun ein Filmteam geschafft hat, bei einem Treffen dabei zu sein, ist ein Zeichen in Richtung Öffnung. Einer der beiden Regisseure, Kay Siering, sagt: „Das war ein exklusiver Zugang. Gleichzeitig war immer klar: bis hierhin und nicht weiter.“ Nach anfänglichem Misstrauen beider Seiten erklärt er sich die langsame Öffnung so: „Die Freimaurer genossen lange Zeit auch die Theorien, die sich um sie rankten. Aber schließlich wurde es ihnen zu viel.“ Gisela Graichen, verantwortlich für die Konzeption der ARTE-Dokumentation und Autorin des kürzlich erschienenen Buchs „Geheimbünde“, sagt, dass sie bei der Recherche Vorbehalte abgebaut habe: „Das Ganze ist nicht so verrucht, wie man denkt. Freimaurer sind überall. Und sind normale Menschen. Da gibt es einflussreichere und gefährlichere Geheimbünde, wie unsere Dokumentation zeigt.“

Victoria Reith für das ARTE Magazin

Victoria Reith, geboren 1986, ist seit 2012 Schülerin der Deutschen Journalistenschule. Sie studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie in Heidelberg und Lund (Schweden)

 

ARTE Plus

PROMINENTE Freimaurer in der Geschichte

Die Liste berühmter Freimaurer ist lang. Hier eine Auswahl:
Friedrich der Große (1712–1786), George Washington (1732–1799), Wolfgang Amadeus
Mozart (1756–1791), Joseph Haydn (1732–1809), Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832),
Mark Twain (1835–1910), Gustav Stresemann (1878–1929), Winston Churchill (1874–1965),
Marc Chagall (1887–1985), Charlie Chaplin (1889–1977), Louis Armstrong (1901–1971), Mustafa Kemal Atatürk (1881–1938), Axel Springer (1912–1985)

 

ARTE Gesellschaftsdoku 

Geheimbünde

Sa · 4.1.

(1) Geheimbünde: Die Masken der Verschwörer · 20.15

(2) Geheimbünde: Der Code der Illuminaten · 21.05

(3) Geheimbünde: Die Erben der Templer · 21.55

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Kategorien: Januar 2014