POLITIK

Korea – Ein Volk, zwei Gesichter

(c) ARTE France

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Seit 60 Jahren ist Korea geteilt – in zwei Staaten, die unterschiedlicher nicht
sein könnten. Ist eine Wiedervereinigung noch denkbar?
In einer ARTE-Doku kommen erstmals beide Seiten zu Wort. Der Filmemacher im Interview.

 

Zwei Staaten, zwei Flaggen, zwei politische Systeme: Die Teilung Koreas sitzt tief. Seit 1953, mit dem Ende des Koreakrieges, ist Korea durch eine vier Kilometer breite demilitarisierte Zone entlang des 38. Breitengrades getrennt. Der Norden wurde Demokratische Volksrepublik, Korea im Süden zur Republik. Seither stehen sich ein sozialistischer Militärstaat und ein kapitalistischer Tigerstaat gegenüber. Ist eine Wiedervereinigung noch möglich – nach 60 Jahren Teilung? Zum ersten Mal haben Nord- und Südkoreaner akzeptiert, in einem Film ihre Geschichte zu erzählen. Sechs Wochen lang bereiste der Filmemacher Pierre-Olivier François für seine Dokumentation „Korea – Für immer geteilt?“ beide Staaten und erzählt zwei Geschichten eines Volkes. Im Interview erklärt er, warum Taekwondo bei Weitem nicht die einzige Gemeinsamkeit ist, die den Norden und den Süden verbindet.

(c) ARTE France

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ARTE: Als Journalist berichten sie immer wieder aus Korea. Was fasziniert Sie an dem Land?

Pierre-Olivier François: Wer in meiner Biografie sucht, findet zwei Gründe: Als Deutsch-Franzose habe ich unter anderem in Göttingen gelebt, also nicht weit von der Grenze entfernt. Damals war ich 18 und konnte die Zeit der Wende und den Systemwandel hautnah mitverfolgen. Korea bleibt noch eines der wenigen geteilten Ländern weltweit. Hinzu kommt, dass ich zwei adoptierte Geschwister aus Südkorea habe. Doch sie erinnern sich nicht an ihr Geburtsland. Ich wusste wenig über die Heimat meiner Geschwister – außer, dass es zwei Koreas gibt.

ARTE: Das autoritäre Regime Nordkoreas lässt ungern unabhängige Berichterstattung zu. Wie haben Sie es trotzdem geschafft, dort zu drehen?

Pierre-Olivier François: Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Die Herausforderung diesmal aber war, beide Seiten in einem Film zu zeigen. Südkoreaner sind immer bereit, ihre Geschichte zu erzählen. Aber Nordkoreaner haben das Gefühl, dass sie von Anfang an die Bösen, die Verlierer sind. Doch in einem Film über die Geschichte Koreas müssen und sollen beide Seiten zu Wort kommen. Erst nach neun Monaten intensiver Diplomatie, einem ausführlichen Briefwechsel zwischen Nordkorea, Frankreich, den USA und Deutschland sowie der Hilfe deutscher und französischer Abgeordneter gab Pjöngjang grünes Licht.

ARTE: Wie waren die Drehbedingungen vor Ort?

Pierre-Olivier François: Der Dreh wurde von sogenannten Begleitern kontrolliert. Über sie lief die Kontaktaufnahme mit meinen Interviewpartnern. Bei den Interviews selbst wurde ich gefragt, welche Themen ich ansprechen möchte, meine Fragen selbst wurden aber nicht zensiert.

ARTE: In Ihrer Dokumentation sind nicht die Menschen von der Straße zu sehen, sondern Koreaner in offiziellen Funktionen. Warum?

Pierre-Olivier François: Im Film sollen diejenigen zu Wort kommen, die die Politik maßgeblich beeinflusst haben: Entscheidungsträger, hochrangige Offiziere, Geheimdienstler und Diplomaten. ARTE: In Nord- wie auch Südkorea ist Taekwondo Nationalsport. Ihre Dokumentation zeigt Bewegungen dieser Kampfsportart, um das gemeinsame kulturelle Erbe Koreas zu erklären. Ist der Nationalsport neben der Sprache die letzte Gemeinsamkeit?

Pierre-Olivier François: Taekwondo ist nur ein Beispiel. Es gibt viel mehr, was Nord- und Südkorea miteinander verbindet. Neben dem Essen, den Volksliedern, der Schrift gibt es eine Reihe von Verhaltensweisen, die man in beiden Teilen wiederfindet: Die Menschen setzen sich in gleicher Weise an den Straßenrand, Frauen tragen ihr Baby auf die gleiche Art auf dem Rücken. Doch all diese Gemeinsamkeiten werden oft übersehen, weil die Gegensätze so groß sind.

ARTE: Südkorea steht für Modernität und Hightech, der Norden gilt als die letzte kommunistische Bastion der Welt. Haben Sie auf Ihrer Reise Überraschungen erlebt, jenseits dieser Stereotypen?

Pierre-Olivier François: Der Ton Südkoreas ist mit dem Ende der „Sunshine Policy“ („Sonneschein-Politik“) 2008, der liberalen Öffnung gegenüber Nordkorea unter Präsident Kim Dae Jung, viel härter geworden. Bei meiner Recherche nach Gesprächspartnern in Südkorea gab es eine Reihe von Entscheidungsträgern, die nicht mit uns reden wollten, weil vor den südkoreanischen Parlamentswahlen 2012 nicht klar war, wer der nächste Präsident wird. Das ist nicht das, was man in einer Demokratie erwartet. Was mich im Norden überrascht hat, war die Anzahl der Handys. Eine ägyptische Firma hat ein Mobilfunknetz aufgebaut mit mittlerweile zwei Millionen Handys im Land. Die Nordkoreaner können zwar nicht ins Ausland telefonieren, doch ist jetzt ein ganz anderer Informationsaustausch als früher möglich. Die Menschen sind neugieriger und reden sogar offen über die Hungersnöte von 1994 und 1998.

ARTE: Wie leben die Menschen in Nordkorea?

Pierre-Olivier François: Genauso wie der DDR-Alltag nicht nonstop nur von der Stasi geprägt war, leben die Menschen in Nordkorea einen weitgehend normalen Alltag. Wenn ein System überpolitisiert ist, tendieren die Leute dazu, die Politik im Privatleben beiseite zu lassen. Doch alles steht unter ständiger Kontrolle. Und so habe ich erwartungsgemäß keine Arbeitslager oder Atomanlagen zu sehen bekommen, was nicht heißt, dass es sie nicht gibt.

ARTE: Wie nehmen sich Nordkoreaner selbst wahr?

Pierre-Olivier François: Nordkoreaner sehen sich als Opfer der Großmächte oder, um ein koreanisches Bild zu verwenden, als die Krabbe zwischen den Walen. Seit sie eine Atommacht sind, haben sie das Gefühl, dass man sie in Ruhe lassen wird.

ARTE: Wollen Koreaner die Wiedervereinigung?

Pierre-Olivier François: Offiziell ist die Wiedervereinigung auf beiden Seiten oberstes Staatsziel. Es gibt einen Wiedervereinigungsminister im Süden und ein Institut für Wiedervereinigung im Norden. Im Norden mehr noch als im Süden hört man, dass die Vereinigung Koreas eine nationale Pflicht ist. Auch wenn es auf beiden Seiten Teile der Elite gibt, die gut mit der Teilung leben können. Beide Länder sehen in der Wiedervereinigung vor allem wirtschaftliche Vorteile. Der Norden bietet große Bodenschätze und billigere Arbeitskräfte für den Süden. Wieso nicht davon profitieren, wenn man schon die gleiche Sprache spricht.

ARTE: Unter welchen Umständen wäre eine Wiedervereinigung für Nordkorea überhaupt denkbar?

Pierre-Olivier François: Eine Wiedervereinigung, wie sie in Deutschland geschehen ist, lehnt Nordkorea vehement ab, da es das Verschwinden seines Systems bedeuten würde. Staatsgründer Kim Il Sung hat 1960 eine konföderale Lösung vorgeschlagen: Ein Staat, zwei Systeme. Auch im Süden gibt es Alternativen zum deutschen Modell. Wieso nicht eine Vereinigung vorerst auf wirtschaftlicher Basis wie die EU oder die Benelux-Staaten?

ARTE: Was bedeutet Ihre Dokumentation für Korea?

Pierre-Olivier François: Weder Nord- noch Südkoreaner hätten diesen Film machen können. Nur ein Ausländer kann zwischen beiden Ländern pendeln und den Menschen neutral begegnen. Für die Koreaner sind es überwältigende Bilder, die zeigen, wie ähnlich sie sich sind. Ich werde nie die Reaktion einer südkoreanischen Übersetzerin vergessen, die überrascht feststellte, dass die Nordkoreaner keine roten Hörner haben. Diese dämonisierende antikommunistische Propaganda seit 1953 hat bis ins 21. Jahrhundert ihre Spuren hinterlassen.

Interview: Kristin Bartholmeß für das ARTE Magazin

 

ARTE Interview

Pierre-Olivier François

Seit 1995 arbeitet Pierre-Olivier François als Jour-nalist und Reporter. Zudem drehte er seit 2000 mehrere Dokumentarfilme, unter anderem über Putin und Russland, Alzheimer sowie Nord- und Südkorea

ARTE Plus

Nord- und Südkorea in Zahlen

BIP je Einwohner (2011)

Nord: 1.200 US$ / Süd: 22.424 US$

Landfläche

Nord: 120.410 km² / Süd: 97.100 km²

Bevölkerung (2012)

Nord: 24,7 Millionen / Süd: 50 Millionen

Lebenserwartung (2011; für Männer und Frauen)

Nord: 65,5; 72 Jahre / Süd: 77,5; 84,4 Jahre

Militärische Stärke (aktive Soldaten)

Nord: 1.200.000 / Süd: 655.000

Mobilfunkverträge (2012, je 100 Einwohner)

Nord: 6,9 / Süd: 110,4

(Quelle: www.destatis.de; www.de.statista.com; www.korea.ahk.de)

 

ARTE Themenabend 

Korea – Für immer geteilt?

Di · 5.11

(1) Verfeindete Brüder  · Gesellschaftsdoku · 20.15

(2) So nah, so fremd  · Gesellschaftsdoku · 21.10

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter www.arte.tv/korea

 

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Kategorien: November 2013