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SCHIEFERGAS – SEGEN ODER FLUCH?

Revolt Cinema

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Der Bohrkopf schiebt sich vor, frisst sich durch Sandsteinschichten senkrecht in die Tiefe. Nach Tausenden Metern ändern die rotierenden Meißel ihre Richtung. Das Bohrgestänge knickt ab, in die Waagerechte, hinein ins Schiefergestein. Dort schlummert das Gas, das Polen reich machen soll.

Zu Beginn des Jahrtausends perfektionierten Ingenieure in den USA jenes Verfahren, mit dem Trägergestein in Tiefen von bis zu 10.000 Metern horizontal durchbohrt und erschlossen werden kann. In den Sedimenten eingepresst lagert so genanntes unkonventionelles Erdgas, das bedeutet: Es befindet sich in undurchlässigen Gesteinsschichten und ist deshalb nur sehr schwer zugänglich. Die revolutionäre Bohrtechnik aus den USA machte die Förderung dort möglich. Nach der jüngsten Prognose der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) könnten die Vereinigten Staaten dank des neuen Verfahrens zum größten Energieproduzenten der Welt aufsteigen. Für die angeschlagene Weltmacht wäre dies ein ökonomischer Segen, sie könnte sogar unabhängig von Energieimporten werden.

 

 

Allheilmittel Schiefergas? In Europa haben Geo-logen vor allem in Polen große Schiefergasvorkommen ausgemacht. Schätzungen gehen von zwei bis fünf Billionen Kubikmetern aus. Gefördert wird im Land zwar noch nicht, dafür wurden bereits mehr als 110 Probebohrungen genehmigt. Der Anreiz ist groß: Für 100 Jahre könnte das Land seinen Energiebedarf decken, und auch die Exportchancen wären enorm. Zugleich soll das Schiefergas Polen aus der energiepolitischen Abhängigkeit von Russland befreien. Schiefergas avanciert zum Allheilmittel.

Doch der lichte Traum vom Energiereichtum birgt dunkle Schatten: „Wo gebohrt wird, werden Land und Leute geopfert“, sagt der amerikanische Dokumentarfilmer Lech Kowalski, der für ARTE den Film „Gas-Fieber“ drehte. Der Sohn polnischer Auswanderer begab sich im US-Staat Pennsylvania und im Südosten Polens auf die Spur der Gassucher.

Der „Fluch“, von dem Kowalski spricht, heißt Fracking. Das Wort leitet sich vom englischen „to fracture“ ab – aufbrechen. So wird die horizontale Fördermethode bezeichnet, mit der das Schiefergas aus dem Boden geholt wird. Um das im Schiefer eingeschlossene Gas zu befreien, pressen Techniker unter hohem Druck Wasser, Sand und Chemikalien in das Gestein. Ist der Schiefer aufgebrochen, kann das Gas entweichen und gefördert werden. Das Problem: Niemand kann garantieren, dass dies kontrolliert geschieht. Bislang fehlen fundierte geologische Informationen, weshalb die „Ermittlung der Risiken schwierig“ ist, stellt das deutsche Umweltbundesamt (UBA) in einer Studie vom November 2012 fest, welche das Verfahren und die Folgen des Frackings analysiert hat. Das Amt hat das Thema aufgegriffen, weil es in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen Schiefergasvorkommen gibt. Nach Bürgerprotesten wurde die Gassuche im Sommer 2012 vorerst gestoppt. Ähnlich ist es in Frankreich, wo Präsident François Hollande zunächst Anträge auf Fracking-Konzessionen ablehnte. „Niemand kann Gefahren für Gesundheit und Umwelt ausschließen“, erklärte er im September 2012.

 

Gift im Trinkwasser. Zu den größten Gefahren des Frackings gehören laut UBA-Studie „der [unkontrollierte] Aufstieg von Gas und die Kontamination des Grundwassers durch Fluide“. Mit anderen Worten: Die teils hochgiftigen Chemikalien, die in das Schiefergestein gepresst werden, könnten das Trinkwasser verseuchen. Experten vermuten, dass US-Firmen Salzsäure, Benzol und andere krebserregende Stoffe beim Fracking einsetzen. Einzelheiten sind nicht bekannt, weil die Unternehmen ihre Fördermethoden geheim halten. „Die Technik ist streng geheim“, sagt Kowalski und erzählt, wie ihn Wachleute bei seinen Dreharbeiten an den Bohrlöchern einzuschüchtern versuchten. Der Regisseur verfolgt in „Gas-Fieber“ den Protest, der sich in Polen regt: „Die Menschen dort wissen, was in den USA passiert, und wollen das Schlimmste für ihr Land verhindern“, sagt er. Jenseits des Atlantiks häufen sich Meldungen über verunreinigtes Trinkwasser und die Ausbreitung von Krankheiten in der Nähe von Fracking-Anlagen. Anfang November 2012 berichtete die „New York Times“ über einen Streitfall aus Pennsylvania. Dort zogen Anwohner eines Bohrlochs vor Gericht, weil sich in ihrem Brunnenwasser Schadstoffe fanden. Sieben der Kläger mussten wegen Arsen- und Benzolvergiftungen ärztlich behandelt werden. Bezeichnend war, dass die Umweltämter dem Gericht Analysedaten vorenthielten. Weil die Behörden wenig Interesse an detaillierten Untersuchungen zeigen, fehlen in den USA oft eindeutige Belege für Fracking-Schäden.

Doch das Fracking bereitet noch andere Probleme: Die Förderung von Schiefergas ist extrem flächenintensiv. Das Tiefengestein muss immer wieder an neuen Stellen angezapft werden. Rund um das Mutterbohrloch sind im Schnitt sechs Tochterbohrungen pro Quadratkilometer nötig. Ganzen Landstrichen droht damit die Zerstörung.

In Deutschland soll es so weit nicht kommen. „Gründlichkeit geht vor Eile“, sagte Umweltminis-ter Peter Altmaier im September 2012 und berief für Dezember ein Expertenforum ein, das sich mit den Risiken des Frackings befasste und als Grundlage für weitere Debatten im Bundestag dienen soll. Langfristige Ziele, so waren sich die Experten einig, sind eine größere Beteiligung der Öffentlichkeit sowie die Festlegung von Schutzgebieten, in denen Schiefergas nicht gefördert werden darf. Erst wenn diese Punkte endgültig geklärt sind, wird sich entscheiden, ob, wann und in welchem Ausmaß Fracking in Deutschland möglich wird.

 

ULRICH KRÖKEL FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE-GASTAUTOR: ULRICH KRÖKEL, U.A. OSTEUROPA-KORRES-PONDENT DER „BERLINER ZEITUNG“ UND DES ZÜRICHER „TAGES-ANZEIGERS“, LEBT ZURZEIT IN WARSCHAU

 

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LINKS ZUM THEMA

 

www.umweltbundesamt.de
Die Schiefergas-Studie des UBA vom November 2012

 

www.bmu.de
Aktuelle politische Entwicklungen aus dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

 

www.europarl.europa.eu
Die Seite für aktuelle Entwicklungen auf EU-Ebene

 

www.europaunkonventionelleserdgas.de

Das Informationsmaterial über unkonventionelles Erdgas in Europa

(Auswahl)

 

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Kategorien: Januar 2013