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„EIN REFORMER OHNE DOGMEN“

Atatürk. Der verehrte wie umstrittene Staatsgründer der Türkei setzte auf „Vernunft und Wissenschaft“ – und dient vielen Landsleuten heute wieder als Vorbild.

(© Joan Alvado)

Es heißt, das Verhältnis von Kindern zu ihren Vätern durchlaufe drei Phasen: Zuerst kommt die „Phase der Kindheit“, in der man sagt: „Mein Vater ist der beste auf der Welt!“ Wenn es dann heranwächst, lernt das Kind andere Väter kennen und beginnt, den eigenen mit ihnen zu vergleichen und ihn mehr und mehr geringzuschätzen. Das ist die „Phase der Ablehnung“. Später, sehr viel später, folgt die „Phase der Reife“, die sich in etwa so anhört: „Er hatte Fehler, aber er war ein prachtvoller Mann.“ Diese Phase erleben die meisten Väter nicht mehr.

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch im Verhältnis der Türken zu Atatürk beobachten. In den 1930er Jahren ließ man nichts auf ihn kommen. In dieser Zeit erhielt Mustafa Kemal den Familiennamen 
„Atatürk“, also „Vater der Türken“. Man hob ihn in den Himmel. Er wurde zu einer unersetzlichen, unkritisierbaren Führerfigur. Nach seinem Tod 1938 machten seine Verehrer den „Kemalismus“ zur Ideologie, zugleich setzte aber auch eine Phase der Kritik an Atatürks Ideen und Reformen ein, die sich bis in die heutige Regierung hineinzieht: Denkmäler wurden mit Steinen beworfen, seine Ideen herabgewürdigt, seine Institutionen abgeschafft, vor allem aber höhlte man seine Reformen aus. Er hatte dafür gesorgt, dass auf Türkisch zum Gebet gerufen wurde, nach den ersten Wahlen 1950 etablierte man den Azan erneut auf Arabisch. Im Jahr 1934, zehn Jahre vor Frankreich, hatte Atatürk in der Türkei Frauen das aktive und passive Wahlrecht gegeben und den Ganzkörperschleier verboten. Später wurden Frauen erneut verschleiert. Das vielgleisige Bildungswesen hatte er unter einem Dach zusammengefasst, nun kehrte man zur religiösen Bildung zurück. Auf seine Initiative hin eingerichtete Konservatorien, Bibliotheken, Fabriken, Betriebe wurden wieder geschlossen. Das von ihm gegründete Parlament regierte das Land sogar während des Krieges, jetzt ist es seiner Funktion beraubt. Zuletzt wurde der von ihm in Ankara geschaffene Forst gerodet, an seine Stelle setzte man für ­Präsident Recep Tayyip Erdoğan einen der größten Paläste der Welt. Dieser symbolträchtige Schritt zeugt vom Ende der Ära ­Atatürk.

Seit ein paar Jahren nun geschieht das Gegenteil des Erwarteten: eine Auferstehung ­Atatürks. Für breite Kreise der Gesellschaft ist er wieder unverzichtbar. Selbst viele, die ihn kritisiert hatten, erkennen heute den Wert seiner Reformen und setzen sich für sie ein. 
Atatürk ist zum gemeinsamen Nenner im Kampf gegen die Rückwärtsgewandtheit geworden.

Text: Can Dündar

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Atatürk: Visionär – 
Revolutionär – Reformer

Geschichtsdoku, Samstag, 3.11 | 21.45 Uhr
Online verfügbar bis zum 9. November!

Kategorien: November 2018