Aufessen, Essverhalten, Lebensmittelverschwendung, Nahrungsmittel, TYPISCH FRANKREICH
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TYPISCH FRANKREICH: IMMER ALLES AUFESSEN

Typisch Frankreich. Genussvoll in den Mund statt in die Tonne: Die Franzosen kämpfen gegen Lebensmittelverschwendung.

(© Illustration: Jill Senft)

Dass die Gaumen meiner Töchter in Frankreich sozialisiert wurden, merkt man sofort. Sie lieben nicht nur Kinderkram wie Pommes und Eis, sondern für viele Kinder ungenießbare Speisen wie Chicoreesalat und Austern. Wie das? Ganz einfach: Die kleinen Franzosen kriegen das vorgesetzt, was auch die Großen essen. Kindermenüs und Extrawürste gibt es praktisch nicht. Eine weitere, zugegeben etwas gemeine Strategie ist es, Kindern, die ausgehungert aus der Schule kommen, zuerst das ungeliebte Gemüse aufzutischen. Dann erst die Nudeln. Das Resultat bei uns zu Hause: Meine Mini-Gourmets essen alles, und in der Regel auch alles auf – womit sie voll im Trend liegen. Denn ein schöner Nebeneffekt der ausgeprägten Nahrungsliebe der Franzosen ist, dass sie die Verschwendung derselben aktiv bekämpfen. Dem Ziel der UNO, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren, hat sich neben Frankreich zwar auch Deutschland verpflichtet. Doch während in Berlin noch diskutiert wird, Hygienericht­linien zu lockern, um etwa ­Catering-Spenden zu ermöglichen, setzt Frankreich bereits strengere Gesetze um.

Seit gut zwei Jahren ist es französischen Supermärkten – bei Androhung hoher Strafen – untersagt, genießbare Lebensmittel wegzuwerfen. Stattdessen wird unverkäufliche Ware an Bedürftige verschenkt. Mittlerweile müssen zudem Hotels und Gaststätten sowie die Nahrungsmittelindustrie ein besseres Mengen-Management nachweisen und ebenfalls Lebensmittel spenden. Dabei gehört Frankreich im europäischen Vergleich gar nicht zu den größten Verschwendern: Hier werden pro Kopf jährlich 136 Kilogramm Nahrungsmittel weggeworfen. In Deutschland sind es 149 Kilo, in den Niederlanden gar 541 Kilo. Der französische Landwirtschafts­minister sowie die Tafeln melden bereits erste Erfolge: mehr Lebensmittelspenden gegenüber weniger Verschwendung. Da wäre nur noch der mit 33 Prozent größte Verschwender, der französische Konsument. Ich hätte da eine Idee: Wie wäre es, wenn wir das Gebot, das bei uns zu Hause herrscht, auf alle Menschen ausweiten: Immer ALLES aufessen!

Text: Sabine Klüber

Karambolage

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Kategorien: November 2018