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TYPISCH FRANKREICH: „ICH FLUCHE, ALSO BIN ICH“

Leise jammern oder laut schimpfen? Ihren Unmut äußern Deutsche und Franzosen auf ganz unterschiedliche Weise.

(© Illustration Jill Senft)

Mein Mann tut es – immer und überall: morgens nach dem Aufstehen, während er die Sonntagszeitung liest, beim Autofahren, aber auch, wenn er deutsche Käsetheken betrachtet. Sie fragen sich, was er tut? Er schimpft – und zwar wie ein Rohrspatz! Morgens vor 10 Uhr aufstehen zu müssen, empfindet er als skandalös. Genauso wie den Zustand der Welt, der sich dringend ändern muss, weil die Menschheit sonst vor die Hunde geht. Hinterm Steuer verlangt er, dass Fahranfängern umgehend der Führerschein entzogen werden müsse. Und an deutschen Käsetheken lässt er seine Mitmenschen auch ungefragt wissen, dass hier mindestens 360 Käsesorten fehlen.

Franzosen stehen im Ruf, sich auch bei geringem Anlass leidenschaftlich aufzuregen. Und mein Mann ist dafür ein Paradebeispiel. Doch ist er damit nicht allein: Laut einer Studie schimpfen Franzosen im Durchschnitt 15 bis 30 Mal am Tag – und liegen somit an der Spitze, noch vor den Italienern. 70 Prozent der Franzosen bezeichnen sich sogar selbst als „râleurs“ (Schimpfende), was dortzulande nicht als Un-, sondern Lebensart gilt. Und so will der „râleur“ nicht etwa schlechte Laune verbreiten, sondern sieht seine Unmuts­äußerungen in der Tradition kritischer Denker wie ­René ­Descartes. Er prangert Missstände an und argumentiert: „Maledico ergo sum“ – ich fluche, also bin ich.

Dagegen sind die Deutschen ein Volk von Klageweibern und -männern. ­Eckart von ­Hirschhausen, Arzt und Kabarettist, behauptet sogar, dass in deutschen Gehirnen im Laufe der Evolution neben Frontal- und Scheitellappen auch ein Jammerlappen gewachsen sei. Der Deutsche schimpft deutlich seltener als der Franzose, aber eben nicht, weil er besser erzogen wäre. Nein, meine Theorie ist: Es liegt an der Sprachmelodie! Weil im Französischen einfach alles hübsch klingt, darf der Franzose häufiger verbale Geschütze auffahren. Die deutsche Sprache kommt dagegen schnell hart daher, weshalb der Deutsche sich aufs leise Nörgeln beschränken muss. Kein Wunder, dass wir dem französischen Rohrspatz seine offenherzige „râlerie“ neiden. Auch ich würde lieber lauthals motzen. So wie mein Mann, der – wohl in Gedanken an Descartes – zuweilen stolz ausruft: „Schimpfen ist Leben!“

Autorin: Sabine Klüber

Zur Autorin: Die Autorin lebt seit 2009 in Straßburg und arbeitet als freie Journalistin.

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Kategorien: Oktober 2018