1918-1939, Elise Ottesen-Jesen, Krieg der Träume, Porträt
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„ICH HALTE NICHT DEN MUND“

Frau an der Front / Eine unerschrockene Aktivistin wagt in den 1920ern die sexuelle Aufklärung.

(© ANNA RIWKIN)

Elise ­Ottesen-­Jensen kämpft gegen die biedere Sexualmoral ihrer Zeit. Sie macht sich stark für sexuelle Aufklärung und Frauenrechte, kritisiert Verhütungs- und Abtreibungsverbote. Und sie setzt sich ein für die Akzeptanz von Homosexualität, sexuellem Vergnügen und Masturbation. Was auch heute noch vielerorts als fortschrittliches Engagement gilt, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Skandal und eine Revolution. Die charismatische Sexualaufklärerin schrieb als Verfechterin sexueller Selbstbestimmung sowie Pionierin moderner Familienplanung Geschichte.
Geboren wurde Ottesen-Jensen im Jahr 1886 in Norwegen. Ihre Kindheit an einer westnorwegischen Küstenregion verlief idyllisch. Sie schwärmte später von der Schönheit der Natur, von Spaziergängen durch die von violetten Heiden bedeckten Moorlandschaften. Die Tochter eines Geistlichen war das
17. von 18 Kindern, von denen nur elf letztlich überlebten. Jahre danach wird sie ­schreiben: „Mutters Körper sah aus wie eine perforierte Landschaft. Sie hatte Risse am ganzen Körper nach ihren 18 Schwangerschaften. Nur einmal sah ich sie nackt und danach weinte ich.“ Auch wenn ihre Eltern für die damalige Zeit liberale Ansichten vertraten, wurde sie in der eigenen Familie mit den dramatischen Folgen fehlender Sexualaufklärung und der Unterdrückung von Frauen konfrontiert.
Als ihre jüngste, unverheiratete Schwester, ­Magnhild ­Ottesen, schwanger wurde, dachte sie neun Monate lang, ihr Bauch würde platzen. Aus Angst vor der Schande schickte sie der Vater für die Geburt nach Dänemark, ihr Kind musste sie abgeben. Bei ihrer Rückkehr blieb der gesellschaftlich geächteten ­Magnhild ihr Traum von einer Krankenschwesterausbildung verwehrt. Sie wurde in eine Anstalt für psychisch Kranke eingewiesen und nahm sich das Leben. Für ­Elise ­Ottesen-­Jensens späteres Engagement ein ausschlaggebendes Ereignis. Auch ihr eigener Berufsweg verlief anders als geplant. Ihr Wunsch, Ärztin zu werden, scheiterte an den begrenzten finanziellen Möglichkeiten der Familie. Zunächst konnte sie ein Studium in Zahnmedizin aufnehmen, musste dieses jedoch nach einem Unfall wieder aufgeben – bei einer Explosion im Studienlabor verlor sie mehrere Finger. Schließlich entschied sie sich, Journalistin zu werden.

Autorin: Jana Idris

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der September-Ausgabe des ARTE Magazins!

Krieg der Träume: 1918-1939

Dokureihe, ab Dienstag, 11.09 | 20.15 Uhr
Online verfügbar bis zum 11. September

BUCH & REGIE
Jan Peter und Frédéric Goupil
https://krieg-der-traeume.de/

Kategorien: September 2018