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EUROPAS IRRFAHRT IN DIE MODERNE

Zeitenwende / Die Historiker Daniel Schönpflug und Johann Chapoutot diskutieren über die wichtigsten Stationen der europäischen Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg. Ihr Fazit: Es hätte gutgehen können.

(© Norman Konrad)

November 1918: Der Erste Weltkrieg, in dem sich Europas Völker aufs Blut bekämpft haben, ist zu Ende. Hundert Jahre danach sitzen die Historiker Daniel Schönpflug und Johann Chapoutot, Deutscher der eine, Franzose der andere, zusammen in einem Ruderboot im sonnigen Berliner Tiergarten. Im Gespräch mit dem ARTE Magazin erklären die beiden Fachberater der ARTE-Dokureihe „Krieg der Träume: 1918–1939“, warum wir unsere Sicht auf die Epoche überdenken sollten. Und wie man aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen kann.

Daniel Schönpflug: Die deutsche Perspektive ist verengt. Wir haben die Jahre im Rückspiegel betrachtet – mit dem Wissen, was passieren würde und als Keimzelle der späteren fatalen Entwicklungen. Die Chance der Jubiläen ist nun, einen neuen Blick darauf zu werfen, der die positiven Ansätze und utopischen Potenziale zeigt.

Johann Chapoutot: Schon der Name ist falsch: Zwischenkriegszeit. Die Geburt der Weimarer Republik 1919 wird von unserem Standpunkt aus als Fehlstart betrachtet. Der war es nicht für die Zeitgenossen. Das ist vielleicht die erste Lehre, die man ziehen sollte. Nachkriegszeit wäre die treffende Bezeichnung, zumindest für die ersten Jahre. Weil man eben damals nicht wissen konnte, dass es einen weiteren Krieg geben würde. Alle Signale standen in die andere Richtung: Man hat den Völkerbund gegründet. Das war unglaublich, die Demokratie der Demokratien sozusagen. Die Demokratien haben den Krieg gewonnen.

Daniel Schönpflug: Je länger ich auf die Zeit schaue, desto wichtiger finde ich das Revolutionäre. Das gilt für Russland, aber auch anderswo im Osten Europas. Und es gilt für viele Länder auf der Welt, in denen sich revolutionäres Denken entwickelt hat – oder wirklich Umstürze erfolgt sind. In Deutschland und anderen Ländern ist es die Zeit der Einführung des Frauenwahlrechts. In den USA sind emanzipatorische Bewegungen in Bezug auf die Afroamerikaner in Gang gekommen. Wir haben die kolonialen Widerstandsbewegungen. Es ist ein Anfang, es braucht noch viele Jahrzehnte. Wir haben den Durchbruch der künstlerischen Moderne. Ob man an Bauhaus denkt, an Zwölftonmusik, an Dada. Es werden lange Linien begonnen, die weit ins 20. Jahrhundert reichen.

Johann Chapoutot: Das ist auch eine Frage der Perspektive. Von der Emanzipation der Frauen hätte ich zum Beispiel als Franzose nicht gesprochen, weil sie in Frankreich nicht stattgefunden hat. Das Wahlrecht kam erst 1946. Als Franzose hätte ich eher die internationalen Beziehungen unterstrichen. Wobei man da die Früchte erst nach dem Zweiten Weltkrieg geerntet hat – mit der Gründung der Vereinten Nationen. Dabei haben die Franzosen eine ungeheure Rolle gespielt, schon vor dem Ersten Weltkrieg: Frieden durch das Völkerrecht. Erwähnen muss man unbedingt das Kino. Man ist heute noch beeindruckt, wenn man die expressionistischen Filme sieht und auch Fritz Lang. Babelsberg war das Zentrum der Kinowelt. Hollywood war nichts, es ist erst nach der Machtübernahme der Nazis zu Hollywood geworden, als viele Künstler nach Amerika ins Exil gegangen sind.

Daniel Schönpflug:Von Historikern wird immer mehr der große Zusammenhang aufgezeigt: der Erste Weltkrieg als Schwelle zum 20. Jahrhundert. Bei jüngeren Publikationen zur Nachkriegszeit wollen etliche Autoren weg vom ganz dunklen Bild, von dieser „légende noire“.

Johann Chapoutot: Genau. Auch theoretisch gibt es die Tendenz, den Akzent auf das Kontrafaktische zu legen, auf „What-if-history“. Man muss immer bedenken, dass für die Menschen damals die Zukunft offen war. Für uns ist sie besiegelt – unwiderruflich. Nehmen wir Deutschland im Jahre 1932. Die Nazis waren verzweifelt, am Ende. Sie waren die ganz großen Verlierer der Geschichte, weil sie eben nicht an die Macht gelangt waren. Das hat man vergessen. Goebbels und Hitler spielten Ende 1932 mit dem Gedanken, Selbstmord zu begehen.

Daniel Schönpflug: Und das ist keine Idealisierung oder Verklärung. Denn wenn das Boot von so einer Geschichtsdeutung zu sehr auf eine Seite zu kippen droht, muss man sich zunächst auf die andere Seite setzen, damit es sich wieder ausgleicht. Dazu kommt noch ein sehr interessanter Aspekt: Die positiven Ansätze der Zeit und das, was als Katastrophe dabei herauskam, waren zum Teil aufs Engste miteinander verflochten. Die gleichen modernen Ansätze brauchten oft nur wenige Verschiebungen, um in ganz Fürchterliches zu münden. Das Radio etwa ist ein wunderbares Medium, das zur Avantgarde beigetragen hat. Brecht hat fürs Radio gearbeitet. Es hat aber dann eben auch für die Nazipropaganda eine ganz zentrale Rolle gespielt. Daran sieht man, wie ambivalent diese Entwicklungen oft sind.
Johann Chapoutot: Die Historiker machen keinen großen Unterschied mehr zwischen Modernität und Totalitarismus. Die NS-Gesellschaft, also -Gemeinschaft eigentlich, und ihre Ziele waren sehr modern. Die Motorisierung Deutschlands, Ferien für alle durch die Organisation „Kraft durch Freude“. Die Plakate der KdF, „Dein Urlaub 1939“ – das könnte aus den 1950er oder 1960er Jahren stammen, und zwar aus den USA.

Daniel Schönpflug: Eben, die ganze Ästhetik des Nationalsozialismus ist an die modernen Kunstströmungen der Zeit angelehnt. Und wenn man sieht, wie eng die entstehende Werbebranche mit ihren Designs und Kommunikationswegen in die frühen totalitären Bewegungen eingebunden ist, erkennt man, dass es ein Kontinuum ist, was sich am Ende nicht mehr auseinandernehmen lässt.
Moderation: Oliver de Weert

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der September-Ausgabe des ARTE Magazins!

Krieg der Träume

Dokureihe, ab Dienstag, 11.09 | 20.15 Uhr
Online verfügbar bis zum 18. September

BUCH & REGIE
Jan Peter und Frédéric Goupil
https://krieg-der-traeume.de/

Kategorien: September 2018