berlin live, Jim Kerr, Simple Minds
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ES GEHT UM EMPATHIE

Mit seiner Band Simple Minds ist Sänger Jim Kerr seit 40 Jahren unterwegs. Ihr jüngstes Album „Walk Between Worlds“ landete in den Charts. Ein Gespräch über musikalische Neuerfindung und den Wert von Freundschaft.

Jim Kerr (© Alamy)

Die Simple Minds starteten ihre Band-Karriere 1978 in Glasgow. Aus der Ur-Besetzung ist heute neben Sänger und Frontmann Jim Kerr nur noch Gitarrist und Multi-Instrumentalist Charlie Burchill dabei. Nach großen Erfolgen mit Songs wie „Don’t You“, „Belfast Child“ oder „Alive And Kicking“ in den 1980er- und 1990er-Jahren blieb es lange eher still um die Schotten. Der Chart-Erfolg ihres neuen Albums kam für sie selbst überraschend, wie Jim Kerr beim Gespräch mit dem ARTE Magazin in Berlin verriet.

ARTE Magazin: Welche Weltenwanderung steckt im Titel Ihres Albums?
Jim Kerr: Wir mögen den Titel, weil er nicht so ganz eindeutig ist. Handelt er von Musik, Spiritualität oder doch von etwas Physischem? Tatsächlich ging es uns – in einer immer stärker gespaltenen Welt – um den eher selten benutzten Begriff der Empathie. Woher kommt sie, ist sie genetisch verankert? Die Frage ist doch: Hast du die Fähigkeit, dich in jemand Anderen hineinzuversetzen? Empathie kann im ganz Kleinen beginnen und reicht bis in ganz große Dimensionen.

ARTE Magazin: Wechseln Sie selbst auch zwischen Welten hin und her?
Jim Kerr: Wir leben in einer Blase, aber ich habe nicht vergessen, woher wir kommen. In Glasgow wohnen unsere Familien, meine Freunde gehen da zur Arbeit. Wenn wir auf Tour sind, ist alles ein bisschen anders, aber zu Hause gehe ich los und hole morgens die Milch. Ich bewege mich also auch zwischen sehr unterschiedlichen Welten. Obwohl wir schon unser ganzes Leben auf der Bühne stehen, bleibt es doch immer etwas sehr Künstliches – die Lichter, der Sound und die komischen Bewegungen. Wir switchen da rein und raus.

ARTE Magazin: Nach Jahrzehnten wieder ein Charterfolg – wie fühlt sich das an?
Jim Kerr: Ich bin neulich aufgewacht und dachte für einen Augenblick: Passiert das wirklich? Es ist nicht sehr wahrscheinlich, wenn du schon einige Hochs und Tiefs hattest. Wir haben in unserer Karriere ein paar tolle Dinge erlebt – und ein paar weniger schöne. Das ist gerade wirklich eine ganz seltene Erfahrung, noch mal so einen künstlerischen Erfolg zu landen. Es gibt nicht viele Stars aus den 1980er- und 1990er-Jahren, die mit etwas Neuem Erfolg haben.

ARTE Magazin: Was treibt Sie an, nach vier Jahrzehnten immer weiter zu machen?
Jim Kerr: Neil Young hat das mal auf eine großartige und bescheidene Weise so beschrieben: Es zählt nicht so sehr, was du tust, wenn 18, 19 oder 20 bist. Da hast du Energie im Überfluss, nichts zu verlieren, keine Verantwortung, außer für dich selbst, keine Familie und keine Rückschläge. Wenn du aber 30 Jahre älter bist und Selbstvertrauen eingebüßt hast, du beruflich und privat einiges abgekriegt hast: Hast du es dann noch drauf, etwas Großes hinzulegen? Ich meine, wir haben ein schönes Leben. Es gibt Leute, die sagen: Ihr könntet doch einfach am Strand sitzen. Tatsächlich kann ich das nicht. Ich muss mir sicher keine Sorgen machen, dass jeden Tag ein Teller Pasta auf dem Tisch steht. Es haben auch immer wieder Leute gefragt, worin der Sinn liegt, weiter Platten zu machen, die keiner kauft und hört. Wichtig ist für uns: Wenn wir weitermachen, dann nicht als Schatten unserer selbst, mit etwas Minderwertigem. Wir müssen einfach versuchen, dieses innere Etwas zu spüren. Das, woran wir glauben, um etwas Großes zu schaffen. In anderen Kunstrichtungen erreichen die Leute ihren Zenit ja auch erst spät. Unser Können zu nutzen, das ist für uns die Herausforderung in den vergangenen Jahren gewesen.

ARTE Magazin: Also versuchen Sie, die Simple Minds immer wieder neu zu erfinden?
Jim Kerr: Ja, wir bringen weibliche Bandmitglieder rein und jüngere Leute. Wir wollten immer mehr sein als eine erfolgreiche Rockband. Das reicht uns nicht. Und vor dieser Herausforderung stehen wir auch jetzt. Wir sind eher eine Art musikalisches Netzwerk oder wie ein Schauspiel-Ensemble, bei dem mal diese und mal jene Akteure dabei sind. Dieses andere Modell – fünf Leute in einer Band, wie ein Mount Rushmore der Musik – mag für andere super funktionieren. Unsere Sache war das nie. Wir wollten immer den Horizont erweitern. Man beschränkt sich in seinen Talenten, wenn man das nicht tut und immer unverändert weitermacht.

ARTE Magazin: Es sei denn, man heißt Mick Jagger oder Keith Richards…
Jim Kerr: … aber die haben seit 30 Jahren keine neue Musik gemacht, wenn man mal von ihrem Blues-Album absieht. Die sind wie ihre eigenen Museumsstücke.

ARTE Magazin: Das kontinuierliche Element bei den Simple Minds ist Ihre Freundschaft zu Mitgründer Charlie Burchill.
Jim Kerr: Ja, wir kennen uns, seit wir acht waren. Er war der Erste, den ich auf der Straße getroffen habe, nachdem wir umgezogen waren. Er ist in doppelter ein Glücksfall für mich. Erstens, ihn überhaupt kennengelernt zu haben, und dann die Sache mit der Musik. Wir waren zusammen in der Schule, aber wir waren nicht unbedingt beste Freunde, bevor es mit der Musik losging. Erst da hat sich gezeigt, wer zu wem gehört. Charlies Mutter kaufte ihm eine Akustikgitarre, und es geschah etwas geradezu Magisches: Er hatte das Instrument zwei Tage und konnte quasi alles spielen. Das ist natürlich ein ganz klassischer Start für eine Band: Man kennt sich aus der Schule, der Nachbarschaft oder der Kunsthochschule. Aber wie lange das zwischen uns hält, das ist schon etwas Besonderes.

ARTE Magazin: Wie läuft Ihre gemeinsame Arbeit ab?
Jim Kerr: Es gibt bei uns kaum Strategisches, oder wenn, dann ist es unausgesprochen. Wir reden zwar über alles, aber unsere musikalische Arbeit ist eher eine Zweier-Meditation, bei der wir gleich schwingen. Wir wohnen nicht nah beieinander und sehen uns länger nicht, wenn wir nicht gerade zusammenarbeiten. Das ist großartig, weil es uns gegenseitig Raum gibt. Aber wenn wir uns dann nach drei Monaten wieder treffen, stellen wir fest, dass wir die gleichen Bücher gelesen und die gleichen Filme gesehen haben. Es gibt eine unsichtbare Verbindung zwischen uns, wir kreisen um die gleichen Dinge. Trotzdem sind wir in vielen Dingen sehr verschieden. Das ist wiederum auch gut, weil es unsere Arbeit bereichert. Ich bin ein sehr leidenschaftlicher Mensch, deswegen tragen wir viele Kämpfe aus. Meistens sind wir uns einig, aber manchmal eben nicht…

ARTE Magazin: …das hält das Feuer am Lodern.
Jim Kerr: Beim letzten Album gab es eine heftige Auseinandersetzung. Es war in Glasgow. Ich kam aus dem Studio und ein junger Toningenieur sagte zu mir: „Das war ein grandioser Fight, einer der besten, die ich je erlebt habe.“ Es war übrigens nichts Körperliches. Als ich zu Hause war, fühlte ich mich nicht gut. Es tat mir leid wegen einiger Dinge, die wir uns an den Kopf geworfen hatten. Aber ich habe auch darüber gelacht, wie leidenschaftlich wir gewesen waren. Wir haben das dann geklärt und es war erledigt, bevor wir wieder auseinandergegangen sind. Da bleibt auch nichts zurück. Wir achten einfach aufeinander.

ARTE Magazin: Es hat über all die Jahre wirklich nie einen Moment gegeben, in dem Sie übers Aufhören nachgedacht haben?
Jim Kerr: Doch, es gab mal eine Zeit, vielleicht ein Jahr, in der die Energie gefehlt hat. Es war, als sollten wir Blut aus einem Stein quetschen, und wir haben uns gefragt: Was machen wir hier eigentlich noch?

ARTE Magazin: Motivieren Sie sich dann gegenseitig wieder?
Jim Kerr: Es gibt einfach Augenblicke, in denen du dich mal in Ruhe zurücklehnen musst. Wenn man etwas so lange macht, ist es ja nicht nur die Karriere, es ist dein Leben. Und da gibt es auch anderes, das dich beeinflusst und dir mal die Energie nimmt. Es läuft eben nicht immer alles großartig. Als meine Mutter vor neun Jahren starb, sagte sie: „Mach weiter, sei kreativ, mach die Leute glücklich.“ Das klingt ganz einfach, aber darum geht es.

Interview: Oliver de Weert

Berlin Live: Simple Minds

Konzert | Freitag, 1.6.| 0.20 Uhr
Online verfügbar bis 1. Juli auf arte.tv

Kategorien: Juni 2018