England, fußball, Geheimdienst, russland, Spione, Weltmeisterschaft, WM
julien.wilkens@axelspringer.de

IM ANGESICHT DES TORES

 

Spione am Ball: Eine brisante Reportage zur Fußball-WM zeigt, wie Russland und England ihre Geheimdienste auf die Turniervergabe ansetzten.

(© Sasan Pix)

Es ist schon erstaunlich, dass es beim Fußball, dieser durch und durch emotionalen Angelegenheit, allzu oft tatsächlich um eiskalte Interessen geht. Wenn ab dem 14. Juni bei der Weltmeisterschaft in Russland der Ball rollt, werden die großen Gefühle zwar wieder das Feld übernehmen. Doch die Manöver, die sich bis dahin im Vorfeld dieser WM abgespielt haben, erinnern eher an die Hochzeiten des Kalten Krieges als an Fair Play. Noch dazu, weil durch den Giftanschlag auf den ehemaligen Doppelagenten ­Sergej ­Skripal wenige Monate vor dem Anstoß ein diplomatisches Säbelrasseln zwischen England und Russland eingesetzt hat. Genau jenen beiden Nationen, die auch um die Ausrichtung der diesjährigen Fußball-WM gerungen und sich dabei einen heftigen Schlagabtausch geliefert hatten.

Zeitgleich mit der diplomatischen Krise um Sergej Skripal und der Ankündigung des britischen Außenministers ­Boris ­Johnson, die WM in Russland boykottieren zu wollen, lief die Endphase der Dreharbeiten zur ARTE-Dokumentation „Weltmeisterschaft der Spione“. Der Film beleuchtet die enge, bisher jedoch kaum bekannte Verbindung zwischen der Welt des Fußballs und der Spionage. Dabei gehen die investigativen Recherchen der Filmemacher Niels ­Borchert Holm und Jon ­Adelsten zurück bis ins Jahr 2015, als der Welt-Fußballverband Fifa von einem gewaltigen Korruptionsskandal erschüttert wurde: In einer spektakulären Aktion hatte das FBI etliche Fußball-Funktionäre in einem Schweizer Luxushotel verhaftet.

Medien berichteten in der Folge über geheime Zahlungen in Millionenhöhe, die Katar zur WM 2022 verholfen haben sollen. „Parallel drehte unsere Filmcrew Interviews mit Whistleblowern“, berichtet Holm. „Doch in diesen Gesprächen ging es nicht nur um klassische Korruption in braunen Briefumschlägen, mit denen Katar sich die WM gesichert hatte. Immer wieder fielen Bemerkungen über die Einflussnahme von ehemaligen, aber auch aktuellen Mitarbeitern der Geheimdienste – eine völlig neue Dimension der Korruption im Fußball.“ Und alles deutete darauf hin, dass nicht nur dem arabischen Öl-Staat jedes Mittel recht war, um als Gastgeber glänzen zu dürfen. Hinter den Kulissen für die Vergabe der WM 2018 hatte ein regelrechter Krieg zwischen England und Russland getobt.

Später, im Herbst 2016, dann eine neue, bis dahin undenkbare Verbindung: Der Brite ­Christopher ­Steele, ein ehemaliger MI6-Agent, deckte in einem an die Presse gelangten Dossier die Verbindung ­Donald Trumps zu Russland auf. Sein eigentlicher Auftrag war jedoch nicht die Diffamierung des US-Präsidenten gewesen. Sie erscheint im Rückblick wie ein Kollateralschaden. ­Steele, der mittlerweile einer privaten Geheimdienstfirma vorsitzt, hatte im Auftrag des britischen Fussballverbands Informationen über Russlands WM-­Bewerbung gesammelt.

Bereits zwei Jahre zuvor hatten Journalisten der „Sunday Times“ vor dem britischen Parlament ausgesagt, dass als Reaktion auf einen angeblichen russischen Fußball-Lauschangriff der britische Geheimdienst MI6 Fußball-Funktionären mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte. Büros seien auf Abhörmaterialien untersucht und Mitarbeiter geschult worden, wie sie verschlüsselt kommunizieren können. Private Auftragnehmer wie ­Christopher ­Steele hätten derweil Informationen über die 24 Mit­glieder des ­Fifa-­Exekutivkomitees gesammelt – jene Männer, die über die WM-Vergabe entscheiden. Gerüchte kamen hoch, nach denen die Russen einen ­Picasso böten und die Briten mit dem Ritterschlag lockten, um die Abstimmung für sich zu entscheiden. Der Kalte Krieg des Fußballs war in vollem Gange.

Autorin: Shila Meyer-Behjat

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Mai-Ausgabe des ARTE Magazins!

Weltmeisterschaft der Spione – Russland gegen England

Dokumentarfilm, Dienstag, 29.5. | 20.15 Uhr
Online verfügbar bis zum 27. Juni

Kategorien: Mai 2018