Agent, Ben-Barak, Geheimdienst, Israel, Mossad
julien.wilkens@axelspringer.de

„DIE FRONT IST ÜBERALL“

 

In „Inside Mossad“ geben führende Agenten dem Mossad erstmals ein Gesicht. Ex-Vize Ram Ben-Barak erklärt im Gespräch warum.

Aus dem Schatten: Ram Ben-Barak war Elitesoldat, Agent und Vizechef des Geheimdienstes. Im Januar kündigte er an, in die Politik gehen zu wollen
(© Jonas Opperskalski)

Wenn an den hohen Feiertagen das Land stillsteht, zieht sich Ram Ben-Barak auf seinen Bauernhof in Nahalal nördlich von Tel Aviv zurück. Die ehemalige Landwirtschaftskooperative war von seinem Großvater mitgegründet worden. Ein Schwarz-Weiß-Foto im Wohnzimmer des großzügigen Hauses zeigt, wie dieser als junger Mann Rinnen anlegt, um die Sümpfe trockenzulegen und so Ackerland zu gewinnen. Ein anderes Bild zeigt Ben-Baraks Vater mit einem Pferd, das der Autor Meir Shalev später namentlich in einem Roman erwähnte. Groß und drahtig, geradezu schlaksig ist Ben-Barak, das Gesicht durchzogen und zerfurcht. Bis vor fünf Jahren war der 60-Jährige stellvertretender Direktor des israelischen Geheimdienstes Mossad, anschließend Sicherheitsberater an der israelischen Botschaft in den USA. Ausführlich erzählt er nun zunächst von einem kranken Fohlen, um das er sich derzeit besonders kümmern muss. Dann spricht er über sein Leben als Spion.

ARTE Magazin: Herr Ben-Barak, vor zehn Jahren wäre ein Film wie „Inside Mossad“ kaum möglich gewesen.
Sie werden zugänglicher. Warum?

Ben-Barak: Die Welt ist heute insgesamt offener. Aber in erster Linie ging es in diesem Film darum, die Menschen zu zeigen, die persönlichen Dilemmata. Das geht, auch ohne dass klassifizierte Informationen weitergegeben werden müssen. Ich jedenfalls habe dabei kein Geheimnis verraten.

ARTE Magazin: Dennoch: Bis vor wenigen ­Jahren war noch nicht einmal der Name des Mossad-Chefs bekannt. Warum eigentlich nicht?
Ben-Barak:Damals konnte man das geheim halten. Heute nicht mehr. Es wäre lächerlich, es auch nur zu versuchen.

ARTE Magazin: Wie hat Ihr Umfeld auf den Film reagiert?
Ben-Barak: Insgesamt waren die Reaktionen positiv, bis auf einige Stimmen aus dem Mossad selbst. Es gibt eben noch Leute, die konservativer sind und denken, dass alles innerhalb der Familie bleiben muss. Ich denke, dass wir in einer demokratischen Gesellschaft leben, der wir Rechenschaft schulden. Letztendlich zahlt sie uns unser Gehalt.

ARTE Magazin: Sie selbst waren in brenzlige Aktionen des Mossad involviert, wurden 1991 etwa auf Zypern festgenommen, weil Sie Abhörmaterial in die iranische Botschaft einschleusen wollten. Was war der höchste Preis, den Sie für Ihre Arbeit als Agent und als Mossad-Chef zahlen mussten?
Ben-Barak: Dieser Job ist nicht leicht für die Familie, schon gar nicht mit drei Kindern. Manchmal verabschiedest du dich für zwei Tage und kommst erst nach zwei Wochen zurück. Diese Ungewissheit ist sehr schwierig. Meine Frau hatte ihre eigene Karriere und war oft allein. Aber: Wir haben es geschafft.

ARTE Magazin: Heutzutage scheint sich auch die Wahl der Waffen verändert zu ­haben. Ist der neue Geheimagent kein durchtrainierter James Bond mehr, sondern ein Tech-Nerd mit Kapuzenpulli und Nickelbrille?
Ben-Barak: Ganz klar, die Welt hat sich verändert. Am Ende kann ein junger Bursche aus Russland irgendwo sitzen, sich in Computersysteme einklinken und Fake News verbreiten. Und so etwa ganz Europa ins Wanken bringen, ohne auch nur eine einzige Kugel abgeschossen zu haben. Diese Form der Kriegsführung wird es mehr und mehr geben.

ARTE Magazin: Der Mossad war stets vom Mythos umgeben, jeden Feind überall auf der Welt gnadenlos zur Strecke zu bringen. Nun gab es eine Reihe von Pannen. Ist das Image angekratzt?
Ben-Barak: Das denke ich überhaupt nicht. Der Mossad – und das ist kein Mythos – kann jeden Ort und jeden Menschen erreichen. Und das sage ich mit voller Verantwortung.

Interview: Susanne Knaul

Das vollständige Interview finden Sie in der April-Ausgabe des ARTE Magazins.

Inside Mossad

Dokumentarfilm | Dienstag, 24.4.| 22.15 Uhr
Online verfügbar bis 23.5.

Kategorien: April 2018