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KUNSTORGAN STATT SPENDERAUSWEIS?

Die immer weiter sinkende Zahl an Organspendern in Deutschland treibt die Wartezeit für ein lebenswichtiges Organ in die Höhe. Kann die Forschung mittels künstlicher Organe das Problem lösen?

Die Vorstellung, anstelle eines menschlichen Organs ein künstlich erschaffenes Organ in sich zu tragen, erscheint zunächst wie eine abstruse Handlung eines Science-Fiction-Romans. Doch es ist bereits ein Teil unserer Realität, eine Möglichkeit, die uns in Zukunft der Unsterblichkeit einen kleinen Schritt näher bringen könnte. Jedes Jahr hoffen mehr als 10.000 schwerkranke Menschen in Deutschland auf die Transplantation eines Organes, die ihnen die Möglichkeit gibt, ihr Leben zu verbessern und zu verlängern. Demgegenüber steht die sinkende Zahl von nur 2765 postmortalen Spenden in Deutschland im vergangenen Jahr. Seit der ersten Transplantation 1967, die als ein Wunder der Medizinforschung gefeiert wurde, sind die Empfänger der Organe mittlerweile in einer Warteschleife gefangen, in der sie teilweise jahrelang bis zum Tod verharren müssen. Die Wartezeit für eine Niere, das am häufigsten transplantierte Organ, liegt bei circa vier bis acht Jahren.

Auch Holger L. (48), der seit seiner frühesten Kindheit an Diabetes leidet und auf ein „Geschenk“, wie er es nennt, in Form einer Niere und Bauchspeicheldrüse wartet, kennt dieses Gefühl der Machtlosigkeit. Nach zweieinhalb harten Jahren der Dialysebehandlung, bei der das Blut entgiftet und entwässert wird, war der lang ersehnte Moment im Jahr 2015 endlich da. Nur acht Stunden nach dem Anruf liegt er bereits auf dem OP-Tisch der Charité Berlin – bereit, den nächsten entscheidenden Schritt in sein neues Leben zu machen. Doch nur einige Tage nach der Transplantation kommt der nächste Rückschlag. Zwar wurde die Niere von seinem Körper angenommen, die Bauchspeicheldrüse hingegen abgestoßen. Jeden Tag wartet er nun seither auf den nächsten Anruf, in der Hoffnung, dass die Ärzte eine neue passende Bauchspeicheldrüse für ihn finden. In diesem Zusammenhang erzählt Holger L.: „Die sehr nervenaufreibende Wartezeit und die immer wieder auftretenden Komplikationen und Nebenwirkungen machen es einem nicht leicht, seinen Lebensmut zu behalten.“

Mangel im System

Der leitende Transplantationskoordinator der Charité Berlin, Thomas Mehlitz, sieht dabei ein großes Defizit in unserem gesundheitspolitischen System. In Deutschland ist die Spende eines Organs durch die Entscheidungslösung geregelt. Jeder Bürger soll somit die eigene Bereitschaft zur Organ- und Gewebespende auf der freiwilligen Grundlage fundierter Informationen prüfen und schriftlich erklären.
In anderen europäischen Ländern wie zum Beispiel Spanien und Norwegen liegt hingegen eine Widerspruchslösung vor, die besagt, dass jeder Bürger Organspender ist, wenn er sich nicht aktiv gegen eine Spende ausspricht. Bemerkenswert ist dabei, dass in Spanien 35 Organspender pro eine Million Einwohner leben, in Deutschland hingegen nur 10,5. „Die Zahlen sprechen für sich und deuten auf eine dringende Reform des Transplantationsgesetzes auch in Deutschland hin“, meint Mehlitz.

Auf der anderen Seite bemängelt er die Defizite bei den Patientenverfügungen: „Dadurch geht ein großer Anteil potenzieller Spender verloren. Das liegt daran, dass in kaum einer Patientenverfügung ausgewählt werden kann, ob man sich für oder gegen eine Organspende ausspricht.“ Da viele der Angehörigen eines Hirntoten im Falle der nicht vorliegenden Einwilligung sich meist gegen ein Spende entscheiden, gehen somit viele Spender verloren, die anderen Menschen ein neues Leben hätten ermöglichen können. Dabei bezeichnet der Hirntod den unwiderruflichen Ausfall des Großhirns, Kleinhirns und des Hirnstamms. Auch wenn in vielen Studien circa drei Viertel der Bevölkerung in Deutschland einer Organspende theoretisch positiv gegenüberstehen, herrscht in der Praxis immer noch ein gravierender Organmangel.

Angst vor Organspende: Wann bin ich tot?

Der Medizinethiker Professor Robert Truog stellt in diesem Zusammenhang die Definition des Hirntodes grundsätzlich in Frage: „Der Hirntod ist kein wissenschaftlicher Fakt, keine medizinische Diagnose, er ist lediglich eine soziale Übereinkunft“, erklärt er. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb viele Menschen Angst davor haben, durch eine Patientenverfügung oder einen Organspendeausweis festzulegen, ihre Organe für eine Spende freizugeben. Hinzu kommt, dass in der öffentlichen Berichterstattung häufig negative Emotionen in Verbindung mit Organspenden vermittelt werden: Illegaler Organhandel, Skandale in Krankenhäusern oder Ärztepfusch stehen im Fokus dieser Debatte.

Wunderwaffe Kunstorgan?

Auf Grund dieser Problematik wird in der heutigen Forschung alles daran gesetzt, eine Alternative zu finden, die ermöglicht, Organe künstlich zu züchten. Ein dabei vielversprechendes Forschungsgebiet ist das sogenannte „Tissue Engineering“: ein Verfahren, bei dem natürliches Gewebe im Labor nachgezüchtet wird, um dieses dann zu therapeutischen Zwecken in der regenerativen Medizin zu verwenden. Dabei werden dem Patienten Zellen entnommen, welche künstlich vermehrt und anschließend wieder implantiert werden. Bei der Herstellung künstlicher Organe spielt das dreidimensionale Gerüst, das sogenannte „Scaffold“, eine wichtige Rolle. Dieses soll als Fundament fungieren und mit autologen Zellen solange kultiviert werden, bis ein nahezu vollständig funktionstüchtiges Transplantat entstanden ist. Harnblasen, Knorpel, Haut und Bronchien wurden bereits auf diese Weise hergestellt und transplantiert.

Ein bedeutender Vorteil zur herkömmlichen Transplantation liegt darin, dass das transplantierte Gewebe vom Körper nicht mehr als fremd angesehen wird und es damit nicht zu einer Abstoßungsreaktion durch das Immunsystem kommen kann. Damit verbunden, würde auch die medikamentöse Behandlung durch Immunsuppressiva, die zuvor die Abstoßung eines Organs verhinderten, ausbleiben. Muskelschwäche, Nierenschädigung, eine Verminderung der Knochendichte oder auch ein erhöhtes Risiko für Tumore sind häufig Begleiterscheinungen einer solchen Behandlung, die durch künstliche Organe ausbleiben würden. Somit würde Transplantierten ein deutliches freieres Leben ohne große Einschränkungen ermöglicht werden.

Die Debatte um den Hirntod könnte in diesem Zusammenhang ad acta gelegt werden: Der Mangel an postmortalen Spenden würde durch das künstlich gezüchtete Organ behoben und damit auch eine Reformation des Transplantationsgesetzes obsolet. Auch wenn es noch keine zeitliche Einschätzung gibt, wann künstliche Organe in Krankenhäusern transplantiert werden können, lässt es doch die Hoffnung auf das nächste Wunder der Medizin zu.

Autorin: Nele Geisler

Der Streit um den Hirntod – Organspende auf dem Prüfstand

Wissenschaftsdoku Samstag, 24.3. | 22.00 Uhr
Online verfügbar bis zum 21. Juni.

Kategorien: März 2018 · Non classé