Cécile Calla, Flirt, Typisch Deutsch
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Typisch Deutsch: Die Flirtdefensive

Sachlichkeit statt Charme: Aus Sicht einer Französin erscheinen deutsche Männer manchmal blind gegenüber Frauen. Das hat mehr Vor- als Nachteile. 

(© Illustration: Martin Haake)

So manches Mal kommt es mir vor, als käme der Beginn einer Liaison oder Liebesbeziehung in Deutschland einer außerordentlichen Meisterleistung gleich. Schließlich existiert die Kultur des Flirtens hierzulande offensichtlich nicht. Und auch wenn es heißt: „Liebe macht blind“, hat man hier oft den Eindruck, das männliche Geschlecht habe Amors Pfeil schon vor der großen Eroberung ins Auge bekommen. Der deutsche Mann scheint Frauen gegenüber einfach blind zu sein.

Kurz nach meiner Ankunft in Berlin etwa begann ich mir den Kopf an Türen zu stoßen, die mir niemand aufhielt, mir das Kreuz zu brechen, bei der Mühe, selbst meine Koffer zu schleppen, und mich allein zu langweilen. Selbst an Orten wie Bars, die eigentlich doch primär zwischenmenschlichen Begegnungen vorbehalten sind, fühlte ich mich bisweilen, als hätte ich die Attraktivität eines Barhockers. Wenn sich dann ein männliches Wesen endlich traute, mich anzusprechen, war die Partie noch lange nicht gewonnen. Denn die Annäherung hatte nichts von einem Spiel, kein Wortgeplänkel, keine feurigen Bekundungen. Im Gegenteil: Der deutsche Mann bevorzugt beim Kennenlernen Sachlichkeit.

Für uns Französinnen, die wir es gewöhnt sind, uns von morgens bis abends in allen Situationen umwerben zu lassen, ist das ziemlich verwunderlich. In Frankreich sind alle Gelegenheiten gut genug für einen Flirt: im Park, in den Bürofluren, in der Bäckerei. Dahinter steckt eine ganz einfache Idee: Man versucht sein Glück, so wie bei einem Glücksspiel. In Deutschland dagegen bevorzugen es die Männer, bei diesem Spiel lieber nicht mitzuspielen, als ein „Nein“ zu kassieren. Ob sie wohl zu Leistungsdenken erzogen wurden und deshalb keine Niederlage ertragen können? Vielleicht.

Vielleicht wollen sie Frauen aber auch ganz einfach nicht bedrängen. Denn in Deutschland kann man sich auf der Straße bewegen, ohne ständig angepfiffen und angemacht zu werden. Und es ist ja im Jahr 2018 nicht verboten, als Frau das Umwerben selbst in die Hand zu nehmen. Die französische Flirtkultur überschreitet sogar nicht selten die Grenze zur Belästigung. Vielleicht könnten französische Eltern also bei der Erziehung der Verführungskünstler auf etwas mehr Zurückhaltung achten. Dies hat auch in der Beziehung nachweislich viele Vorteile. Dafür sagen wir Französinnen der modernen Erziehung vieler deutscher Mütter und Väter ein großes Dankeschön! Aber pssst: Wir freuen uns dennoch über offene Türen, eine helfende Hand am Bahnhof und den schützenden Schirm bei einem Schauer.

Autorin: Cécile Calla

Zur Autorin: Die Französin lebt seit 2003 in Berlin und arbeitet als freie Journalistin für deutsche und französische Medien. Im Jahr 2009 erschien ihr Erlebnisband „Tour de Franz“.

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Kategorien: März 2018