Frankenstein, Godzilla, Marcus Stiglegger, Monster, Mythen, Wolfsmensch
julien.wilkens@axelspringer.de

WIR SIND ES SELBST

Dracula, Alien, Hulk, Rob Zombie – sind die Monster der Popkultur
menschlicher, als uns allen lieb ist?

© Simon Wald-Lasowski

Als Kind liebte ich sie, die Ungeheuer. Meine 1970er Jahre waren geprägt von den Sammelbildchen der Monsterparade. Sie brachten mich zum ersten Mal in Berührung mit Frankensteins Monster, dem Wolfsmenschen, der Mumie, Godzilla und all den anderen Schreckensgestalten. Deren Gesichter hatten mitunter schon das Hollywoodkino der 1930er Jahre geprägt. Hinzu kamen die Grusel-Hörspiele aus dem Hause Europa: „Frankensteins Sohn im Monsterlabor“, „Dracula, König der Vampire“, „Die tödliche Begegnung mit dem Werwolf“. Dabei ging es nicht nur um den wohligen Schauer, den diese Hörspiele generierten, sondern auch um eine merkwürdige Ambivalenz: Immer haftete den Monstern etwas Tragisches an. Hinter ihrem Schreckensantlitz fand man Schmerz und Trauer, ein Leiden an der eigenen Existenz. Und irgendetwas an diesem Schicksal erschien einem als Hörer
irritierend vertraut. Sind die Schreckgestalten uns Menschen am Ende ähnlicher, als wir glauben?

Hässlich und übergroß

„Monster!“ Dieser Ausruf sollte von je her Aufsehen erregen. Bereits im Lateinischen existierte das Wort „monstrum“, wobei es sowohl für Wunderzeichen und Mahnmal als auch in einem metaphorischen Sinne für Ungeheuer stand. Auf das Monster wird gezeigt. Noch heute verstehen wir unter Monstrum das Nichtmenschliche, das Übergroße, Überstarke und mitunter Hässliche. Es ist das, was wir nicht sind und sein wollen, auf das wir von uns weg zeigen können.

1818, also vor genau 200 Jahren, sprach die britische Schriftstellerin Mary W. ­Shelley in ihrem Horrorroman „Frankenstein­ oder Der moderne Prometheus“ erstmals von einem „Monster“ und etablierte einen modernen Mythos. Nicht, dass es das Ungeheuer nicht auch zuvor schon gegeben hätte: In Mythen und Legenden tauchte es in allen Kulturen auf, erwies sich als eine menschliche Konstante. Doch Shelley gelang es, das Monstrum in die Moderne zu retten. Ihr ­Viktor ­Frankenstein konstruiert es aus Leichenteilen von zum Tode Verurteilten und haucht dem Körper auf unheimliche Weise neues Leben ein. Doch das neu erschaffene Wesen leidet unter seiner monströsen Existenz und flüchtet vor der Gesellschaft. In der Filmversion von ­James ­Whale (1931) kommt nachdrücklich Elektrotechnik bei der Erschaffung zum Einsatz. Das Monster (Boris Karloff) wird aus der Wissenschaft heraus geboren, torkelt auch hier tragisch durch die Welt und begeht eher versehentlich den Mord an einem Mädchen. In der Fortsetzung „Frankensteins Braut“ (1935) wird das Monster gar von der eigens für ihn geschaffenen, zweifellos schönen Braut mit stummem Schrei verstoßen.

„Das Anarchische des Monsters erscheint uns verführerisch“ (Marcus Stiglegger)

Eines der effektivsten Monsterdesigns der Popkultur schuf der Schweizer Künstler H. R. Giger mit seinem „Alien“ 1979 für Ridley Scotts gleichnamigen Film. Geschaffen aus dem Urschleim des Kosmischen Grauens aus ­Howard ­Philipps ­Lovecrafts Horrorgeschichten (die Giger im Bildband „Necronomicon“ bereits als Inspiration genutzt hatte), erscheint das Alien mit seinen Armen und Beinen durchaus menschähnlich, doch seine Organröhren auf dem Rücken, die gepanzerte Haut und der längliche, penisartige Kopf lassen Alpträume Realität werden. Alien ist eine phallische Bedrohung im Sinne der Psychoanalyse, mit seiner penetrierenden Zunge und dem ausfließenden Schleim. Das Alien ist eine Projektion unserer psychosexuellen Ängste und eines unwillkürlichen Körperekels. Fassungslos zeigen wir auf dieses Wesen, das ist, was wir verleugnen. Das Monstrum erscheint im Sinne der Psychoanalyse als das fleischgewordene Abjekt – unser verfemter Teil, den die Literaturwissenschaftlerin ­Julia ­Kristeva in „The Powers of Horror“ (1982) analysierte. Das Alien ist umso beängstigender, da ihm die Tragik des klassischen Monsters fehlt: Es ist pures Raubtier, mit reiner Lust an der Penetration und der Zerstörung des anderen Körpers. So viel Ehrlichkeit ist kaum zu ertragen.

Verführerischer Hybrid

In Filmen, Games und anderen Popkultur-Segmenten ist das Monster ein Faszinosum, das gar zur Identifikation einlädt – so wird der Mensch in Wut zum grünen Hulk, Rockmusiker Rob Zombie tritt als lebender Toter auf und viele Filme, Comics und Spiele handeln von Monstern – „Godzilla“, „King Kong“, „Die Fliege“, „Die Mumie“, „Species“, „Aliens vs. Predator“. Das Anarchische der Wesen, oft Hybriden aus Tier und Mensch, erscheint verführerisch. Und doch zeigen wir mit Abscheu darauf. Das Echo dieser Anklage aber lautet: Das Monster – sind wir selbst.

Autor: Marcus Stiglegger

Zum Autor
Dr. Marcus Stiglegger, Professor für Film an der DEKRA Hochschule für Medien Berlin, gehört mit 28 Publikationen zu den produktivsten deutschsprachigen Film- und Kulturwissenschaftlern. Aktuell erforscht er neue Ansätze der Genretheorie und gibt das „Handbuch Filmgenres“ (Springer VS, 2018) heraus.

MONSTER UND MYTHEN

Kulturdoku, Samstag, 24.2., 22.00 Uhr
Online verfügbar bis zum 24. März. Mehr auf www.arte.tv

Kategorien: Februar 2018