Fatoumata Diawara, Mali, Mali Blues
julien.wilkens@axelspringer.de

„ES TUT SO WEH“

Sie singt Lieder über Zwangsheirat, Mutterschaft, Kriege. Dabei erzählt Fatoumata Diawara immer auch von der Geschichte ihrer Heimat Mali – aus Sicht einer Frau.

Die malische Sängerin Fatoumata Diawara beim North Sea Jazz Festival, Rotterdam 2012 (© Getty Images / Paul Bergen)

Mein Herz schlägt schneller. Dann denke ich: Es ist doch nur ein Konzert! Aber dieses Mal ist es anders“, sagt ­Fatoumata ­Diawara kurz vor ihrem Auftritt. „Denn das ist das erste Konzert in meiner Heimat.“ Und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Das „Festival sur le Niger“ in Mali, direkt am Fluss gelegen, ist das einzig verbleibende große Musikfestival des Landes. Dort, wo die malische Sängerin einst vor Zwangsheirat floh, wo Dschihadisten teilweise immer noch das Sagen haben und wo die Wiege des Blues liegt, wird sie heute vor rund 20.000 Zuschauern singen.

Die Texte der 35-Jährigen treffen die Lebenswirklichkeit der Westafrikaner bis heute. Vor allem die der Frauen, denn sie singt von Abtreibung, von Mutterschaft und Adoption, von fraglichen Traditionen. „Sie schneiden die Blume, die mich zur Frau macht (…). Ich flehe dich an, Mutter, lass nicht zu, dass man mich beschneidet, es tut so weh“, singt sie auf ihrem Debüt­album ­„Fatou“ (2011) mit sanfter, aber bestimmter Stimme. Wassoulou heißt diese Ausdrucksform, benannt nach der gleichnamigen Region zwischen Mali, Guinea und der Elfenbeinküste: Musik westafrikanischer Frauen, die sich, zumeist kritisch, mit ihrem Platz in der Gesellschaft beschäftigen. Zu den Pionierinnen gehört die Sängerin ­Oumou ­Sangaré, die den Stil Wassoulou in den 1990er Jahren mit ihrem Album „Moussolou“ von Mali in die Welt brachte. 2009 nahm Diawara mit ihr ein Album auf.

Gefürchtete Tradition

Von Mali in die Welt – das trifft sowohl auf die Musik des Landes als auch auf ­Fatoumata ­Diawaras Leben zu: Schon als Kind wirkte sie in der Tanzkompanie ihres Vaters mit. Die Schule interessierte sie weniger. Mit zwölf Jahren wurde sie zu ihrer Tante in Malis Hauptstadt Bamako geschickt. Damit sie etwas Anständiges lerne. Die Tante war Schauspielerin, und die junge Fatou, wie sie bis heute genannt wird, stand fortan auch selbst auf der Bühne. Und landete schließlich beim Film: 1999 etwa wirkte sie im Drama „Genesis“ von Cheick ­Oumar ­Sissoko mit, der in Cannes gezeigt wurde.

Durch ihre Bekanntschaft mit dem Schauspieler ­Sotigui ­Kouyaté reiste sie mit 19 Jahren nach Paris, um im Theaterstück „Antigone“ mitzuspielen, bei dem er Regie führte. 2001 kehrte sie zurück nach Mali, um mit Kouyaté das Drama „Sia – Der Traum der Python“ zu drehen. In Mali, Guinea, Burkina Faso und im Senegal war der Film ein Riesenerfolg. ­Diawara spielt die Haupt­rolle – eine selbstbestimmte Frau, die sich gegen Vergewaltigung wehrt.

Doch dann bahnte sich eine gefürchtete Tradition ihren Weg: 2002 sollte die Künstlerin mit ihrem Cousin verheiratet werden. ­Diawara floh. „Es war furchtbar, zu gehen“, sagt sie. „Ich akzeptiere jene, die sich auf diese Weise für die Familie opfern. Aber ich bin gegangen, um mit meinem Stift meine eigene Geschichte zu schreiben.“

Autorin: Karoline Nuckel

Den ganzen Artikel lesen Sie in der Februar-Ausgabe des ARTE Magazins!

Mali Blues

Dokumentarfilm, Sonntag, 25.Februar, 22.40 Uhr
Online verfügbar bis zum 3. März auf arte.tv

Kategorien: Februar 2018