Bioinformatik, Proteom
julien.wilkens@axelspringer.de

NIE WIEDER KRANK

Big Data und Künstliche Intelligenz sollen die Medizin revolutionieren. Das Ziel: Krankheiten mithilfe der Bioinformatik schon vor dem Ausbruch zu behandeln.

Die Digitalisierung verspricht medizinischen Fortschritt. Wichtiger Helfer: das Smartphone (© Daniel Faller)

Stellen wir uns vor, das Smartphone könnte uns rechtzeitig vor einem unmittelbar bevorstehenden Herzinfarkt warnen. Per Whatsapp oder SMS, inklusive Notfallanleitung. Wer würde diesen Dienst ausschlagen? Noch immer sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen Todesursache Nummer eins in Deutschland. Hätte jeder ein individuelles Frühwarnsystem in der Tasche, wäre ein Großteil der Fälle wohl vermeidbar.

Das Start-up Bay Labs aus dem kalifornischen Berkeley arbeitet derzeit mit Hochdruck an der Grundlage eines solchen Systems. Unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz entwickelt das Unternehmen eine Bilderkennungs-Software, die Veränderungen am menschlichen Herzen schneller und effektiver erkennen soll als jeder Facharzt. Die notwendigen Fotodaten dafür ließen sich etwa mithilfe von neuartigen, mobilen Ultra­schallgeräten anfertigen. „Heute behandeln wir meistens erst, wenn man Krankheitssymptome hat. Wir wollen die Krankheit bekämpfen, bevor sie ausbricht“, sagt ­Kilian ­Koepsell, ein in Deutschland geborener Informatiker und Mitgründer von Bay Labs.

Patient 4.0 und E-Health

Der Entrepreneur umreißt damit nicht nur die eigene Vision, sondern die einer ganzen Branche: Ausgelöst durch rasante Fortschritte in der Speicherung und Verarbeitung von großen digitalen Datenmengen (Big Data) befindet sich das Gesundheitswesen in einem massiven Digitalisierungsprozess, der für die nahe Zukunft zahlreiche medizinische Fortschritte verspricht. Gut zu sehen war diese Entwicklung auch auf der weltgrößten Medizinmesse Medica, die kurz vor Jahreswechsel in Düsseldorf stattfand.

Wer sich unter Schlagwörtern wie „Patient 4.0“ oder „E-Health“ bislang wenig Konkretes vorstellen konnte, wurde dort mit intelligenten Pflastern und autonomen Operationsrobotern konfrontiert sowie mit Chatbots, die junge Frauen anonym über ihren Menstruationszyklus aufklären. Passend dazu verkündete Franz ­Bartmann, Telematikexperte und Vorstand der Bundesärztekammer: „Das Smartphone des Patienten ist das Stethoskop des 21. Jahrhunderts.“ Schon bald, so ­Bartmann, sollten die Menschen am Computer in Echtzeit ihre Gesundheitsdaten einsehen können und sich aktiv daran beteiligen, Erkrankungen vorzubeugen.

Baustein des Lebens

Die Früherkennung von Krankheiten durch die Analyse von Big Data steht auch im Mittelpunkt einer der ambitioniertesten medizinischen Projekte der Gegenwart: der Entschlüsselung des Proteoms, der Gesamtheit aller Proteine des Menschen. Wie die ARTE-Dokumentation „Der Proteom-Code“ zeigt, wird derzeit in zahlreichen international vernetzten Wissenschaftsinstituten mit viel Aufwand daran geforscht. Die sich ständig verändernden Proteine zählen neben dem eher statischen Genom, unserem Erbgut, zum wichtigsten Baustein des menschlichen Lebens. Durch die Entschlüsselung des Proteoms mithilfe von riesigen Datenmengen und Supercomputern erhofft sich die Medizin neue Möglichkeiten bei der Suche nach Wirkstoffen gegen Krebs, Infektionen und Zivilisationskrankheiten. Erste Erfolge sind bereits zu verzeichnen: Virenhemmende Medikamente gegen Grippe und Aids beruhen auf Wirkstoffen aus der Proteom-Forschung.

Autor: Bernd Skischally

Den ganzen Artikel lesen Sie in der Februar-Ausgabe des ARTE Magazins!

Der Proteom-Code

Wissenschaftsdoku, Samstag, 24.Februar, 22.55 Uhr
Online verfügbar bis zum 26. März auf arte.tv

Kategorien: Februar 2018