Auto, TYPISCH FRANKREICH
julien.wilkens@axelspringer.de

TYPISCH FRANKREICH

Ist doch nur Blech …
Ein Peugeot rammt den hinter ihm parkenden Audi. Der Fahrer steigt aus und geht davon. Fiese Fahrerflucht? Nein, Einparken auf Französisch.

© Illustration: Martin Haake

Als mein Mann noch mein Freund – auf Französisch „petit ami“ (wörtlich „kleiner Freund“) – war, kam er mich oft mit seinem verbeulten Peugeot 207 an meinem damaligen Wohnort Düsseldorf besuchen. Wenn auf den Gehwegen oder in zweiter Reihe kein Platz mehr für seinen 207 war, parkte er kurzerhand auf „französisch“. Das heißt: Er zwängte sich, stets mit Berührung der vor und hinter ihm parkenden Wagen, in die ein oder andere Mini-Lücke. Erwischt wurde er dabei zum Glück nie, denn wehe dem, der des Deutschen liebstes Kind touchiert.

Anders als wir Deutschen gehen Franzosen beim Einparken gerne auf Tuchfühlung mit den umstehenden Fahrzeugen und nehmen dabei Kratzer, Dellen und Beulen ungerührt in Kauf. Insgesamt haben sie ein eher unverkrampftes Verhältnis zu ihrem fahrbaren Untersatz. Auch wenn dieser in einigen Fällen als Statussymbol dienen kann, so ist er doch in erster Linie ein Gebrauchsgegenstand. Undenkbar, dass man diesem toten Objekt kostbare Lebenszeit widmet, und ihn etwa jeden Samstagmorgen pedantisch um 10 Uhr wäscht und liebevoll poliert.

Muss der Deutsche sich von seinem Auto trennen, um etwa die heimische Automobilwirtschaft anzukurbeln, so leidet er. Am schönen Wort „Abwrackprämie“ lassen sich diese Schmerzen nur erahnen, impliziert es doch das grausame Zerquetschen des Lieblings in der Schrottpresse. Auch im Französischen gibt es zwar den Begriff „prime à la casse“, bei dem das Auseinanderbrechen anklingt. Statt nur ihre Autowirtschaft retten die Franzosen jedoch lieber gleich die ganze Welt, wenn sie ihr altes Auto abgeben und Geld vom Staat bekommen. Damit kaufen sie dann Hybrid- oder Elektroautos, nennen das „bonus écologique“ und freuen sich des Lebens.

Sicher ist das Auto den Deutschen auch so wichtig, weil sie wissen, wie abhängig die Wirtschaft ihres Landes von den rollenden Blechkisten ist: Über 800.000 Menschen arbeiten dort im Automobilsektor. In Frankreich sind es nur 112.000. Auch Exportweltmeister sind die Deutschen vor allem dank VW, BMW und Mercedes. Marken, die sich auch wunderbar nach Frankreich verkaufen: Gleich nach Peugeot gelten dort BMW und Mercedes als beliebteste Autohersteller. Vielleicht, weil die auch zerbeult noch einiges hermachen.

Ich allerdings bin vollauf überzeugt von der guten französischen Qualität. Mit seinem Peugeot 207 hat mein Mann nämlich einmal auf der Autobahn bei voller Fahrt einen Lkw gerammt und den Schwergewichtler kurzerhand ins Beet katapultiert. Der kleine 207 musste zwar abgewrackt werden, mein Mann jedoch hatte keinen einzigen Kratzer.

Autorin: Sabine Klüber

Zur Autorin Sabine Klüber
Die Journalistin lebt seit 2009 mit französischem Mann und zwei Töchtern in Straßburg.

Ein Wort, ein Gegenstand, ein Ritual – Karambolage erläutert spielerisch und humorvoll die kleinen und großen Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen.

Magazin: Karambolage, Samstags um 18.55 Uhr

 

Kategorien: Februar 2018