Barock, Heiliger Sebastian, Maler, Rubens
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SATTES FLEISCH UND SINNLICHE LUST

Der flämische Künstler Peter Paul Rubens zählt bis heute zu den bekanntesten und teuersten Barockmalern der Welt. Aber auch zu den unbeliebtesten.

„Heiliger Sebastian“: Das Meisterwerk des Barockmalers Peter Paul Rubens wirkt so lebendig, als atme der Protagonist tatsächlich.
Das Geheimnis sind die vielen Schattierungen und ein hoher Harzanteil in den Farben (Getty Images © Heritage Images / Fine Art Images)

Es gibt nicht viele Maler, die auch noch vier Jahrhunderte nach ihrem Schaffen als Namenspatron für eine Form von Fleischlichkeit dienen. Im Englischen hat ­Peter Paul Rubens (1577–1640) mit „rubenesque“ ein eigenes Adjektiv geprägt, im Deutschen spricht man von der „Rubensfigur“. Gemeint ist in beiden Fällen, was Menschen an die Bilder des flämischen Meisters erinnert: üppige Körper vor pastoralen Hintergründen und in Bewegung geratenes, sattes Fleisch, dessen sinnliche Muskulatur und adrette Speckfältchen Lebenslust verströmen.

Doch wie alles, was zu einem Etikett wird, beschreibt der „Rubenismus“ nur die halbe Wahrheit der Arbeit des Antwerpener Künstlers. ­Rubens zählt bis heute zu den bekanntesten und teuersten Malern der Welt und war so etwas wie der ­Andy ­Warhol oder der Damien­ Hirst seiner Zeit. Mit den rund 1.500 Gemälden, die er hinterließ, hat er die Bildrevolution des Barocks mehr oder weniger eigenhändig vorangetrieben. Das Ganze vor dem Hintergrund des Achtzigjährigen Kriegs zwischen Spanien und den Niederlanden und des Dreißigjährigen Kriegs, der in Mitteleuropa für Hungersnöte und unfassbares Grauen sorgte. Einer Epoche also, in der wie nie zuvor Glanz und Grausamkeit, Pracht und Trauma, Religiosität und Mordrausch zusammenkamen. Dennoch gibt es wenige Maler, die unbeliebter sind als Rubens – und das nicht erst seit der Moderne, die sein phantasmagorisches Schönheitsideal in die Mottenkiste der Geschichte verdammte. Warum?

Gloriose Lebendigkeit

Um das künstlerische Erdbeben zu verstehen, das Rubens verursachte, muss man sich seine Bilder genauer anschauen, etwa seinen „Heiligen Sebastian­“, der heute in der Berliner Gemäldegalerie hängt. Nicht von ungefähr wurden so unterschiedliche Maler wie ­Diego ­Velázquez, ­Eugène ­Delacroix, ­Auguste ­Renoir oder ­Lucian Freud vom Rubens’schen Malstil beeinflusst, oft unbewusst. Der Großteil von Rubens’ Werk wurde von einer kleinen Armee begabter Assistenten nach Vorzeichnungen des Meisters gefertigt, der am Ende des Arbeitsprozesses noch einmal nach- und ausbesserte. Doch der lebensgroße „Sebastian“ gehört zu den 300 Werken, die der Künstler eigenhändig malte. Er entstand zwischen 1614 und 1618, wenige Jahre nach einem achtjährigen Italienaufenthalt des Künstlers.

Der muskulöse, an einen Baum gefesselte Heilige ist bei Rubens nur mit einem herunterrutschenden Lendenschurz bekleidet. Die Pfeile der Söldner – das erste Martyrium, das die mythische Heilsfigur überlebte und diese dazu brachte, den römischen Kaiser der Christenverfolgung anzuklagen – stecken tief in seinem Fleisch. Das Bild ist eine malerische Bravourleistung, welche die bis dato existierende alpine Barriere zwischen italienischer und nordeuropäischer Malerei einreißt.

Autor: Daniel Schreiber

Den ganzen Artikel lesen Sie in der Februar-Ausgabe des ARTE Magazins!

Rubens – Ein Leben in Europa

Porträt, Sonntag, 18.Februar, 17.30 Uhr
Online verfügbar bis zum 25. Februar auf arte.tv

Kategorien: Februar 2018