Igor Strawinsky, Melanie Unseld, Saure du Printemps, Skandal
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RANDALE IM FRACK

Die Uraufführung von Igor Strawinskys Le Sacre du printemps löste 1913 Tumulte aus.
Wie wichtig solche Skandale aus künstlerischer Sicht sind, erklärt die Musikwissenschaftlerin Melanie Unseld.

© Illustration: Serge Seidlitz

Paris, am 29. Mai 1913 abends, im prächtigen Théâtre des Champs-Elysées: „Eine gut gekleidete Dame in einer Orchesterloge stand auf und schlug einem jungen Mann, der in der nächsten Loge zischte, ins Gesicht. Ihr Begleiter erhob sich, und die Männer tauschten ihre Visitenkarten aus. Ein Duell folgte am nächsten Tag“, berichtet ein Zeit­zeuge. Währenddessen war die Ballettmusik wegen der Tumulte kaum mehr zu hören. Am Ende der Premiere von „Le Sacre du printemps“ meldete die Polizei 27 Verletzte im Publikum.

Was war da los? Was bewog das Publikum in jener Vorkriegszeit in Paris, aber auch in Wien, Berlin und andernorts, während Musikaufführungen zu schreien, zu pfeifen und handgreiflich zu werden? Warum übertönten sie die Musik mit Gebrüll, brachten die Aufführungen gar zum Abbruch? Welche Musik muss erklingen, damit Ohrfeigen ausgeteilt und Duelle verabredet werden?

Wichtige Seismografen

Skandale sind zunächst das Nadelöhr des Erfolgs. Schafft es ein Werk hindurch, ist ihm das große publizistische Interesse gewiss, gleich ob in Zustimmung oder Ablehnung: Das Sprechen über die Komposition, das Gehörte und Gesehene reißt nicht ab. Der Skandal sorgt, so betrachtet, wie kaum ein anderes Ereignis des kulturellen Lebens, für das wertvollste, das ein Publikum der Musik entgegenbringen kann: Aufmerksamkeit.

Auf dieser Basis ist dem Skandalon häufig auch ein prominenter Platz in der Musikgeschichtsschreibung sicher. Werke, die anecken, bleiben häufiger im kulturellen Gedächtnis. Zugleich sind Skandale aber Seismografen für Veränderung. Sie entstehen, weil sich das künstlerische Ereignis an den Erwartungen des Publikums reibt: Jene, die das Gewohnte vermissen, sind konfrontiert mit Klängen, die sie mit buchstäblich Unerhörtem brüskieren. Jene, die das Neue interessiert, mokieren sich über die Ignoranz der Gewohnheitsliebenden. Im Moment des Skandals prallen diese beiden gegenläufigen Richtungen aufeinander.
Dass dies mit Igor Strawinskys Ballett „Le Sacre du printemps“ gerade 1913 passierte, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, ist kaum verwunderlich: Das 19. Jahrhundert hatte sich ästhetisch noch nicht verabschiedet, die Moderne aber – in Musik, bildender Kunst, Literatur, Architektur – schockierte mit der Wahl ihrer Themen und dem Ausreizen ästhetischer Möglichkeiten. Das Publikum reagiert darauf in Extremen: Opern- oder Ballettpremieren mit Skandal-Potenzial waren an der Tagesordnung, sodass ein Erziehungsratgeber dieser Zeit eindringlich warnte: „Junge Mädchen gehören in keine Premiere, von der ja kein Mensch wissen kann, was man unter einem noch so harmlos klingenden Titel zu hören bekommen kann.“

Auch der Titel von ­Strawinskys neuem Ballett für die Pariser Saison der Ballets Russes trug einen solch harmlos klingenden Titel: „Frühlingsopfer“, „Le Sacre du printemps“. Und doch lag auch in ihm die Möglichkeit offen, auf skandalöse Weise Seismograf einer brodelnden Zeit zu sein. Die Ballets Russes hatten seit 1909 glänzende Erfolge in Paris gefeiert, trafen sie doch mit „­Cléopâtre“, „Scheherazade“ (beide 1909) oder „L’Oiseau de feu“ (1910), ihrer Mischung aus Exotismus und Freizügigkeit, aus Klangsinnlichkeit und fremdem Kolorit, den Nerv des ebenso eleganten wie dekadenten Pariser Publikums. Doch „Sacre“ war anders. Das Ballett brach optisch und akustisch mit der Ästhetik der überfeinerten Extravaganz. Die Kostüme waren aus rauem Leinen statt exquisiter Seide, hochgeschlossen statt freizügig.

Archaik statt Eleganz

Auch die Choreografie des Ausnahme-Tänzers Vaclav Nijinskij provozierte: nichts von Grazie, von gewaltig-gewagter Sprungtechnik, für die ­Nijinskij berühmt war. Stattdessen ruppig zuckende Bewegungen, blockhaft und laut. Die Musik von ­Strawinsky schließlich stellte eine schiere Überforderung dar: statt klangsinnlichen Exotismus laute Archaik, statt eleganter Tänze quere Rhythmen. Diese Konfrontation mit dem „Hässlichen“ provozierte ein Publikum, das es gewohnt war, im Theater weitaus leichter konsumierbare Kost präsentiert zu bekommen.

Auf diese Weise betrachtet, ähnelt der Skandal der „Sacre“-Uraufführung tatsächlich dem Ausschlagen des Seismografen: Das elegante Publikum wurde mit einer Härte konfrontiert, vor der es sich sonst abzuschotten gewohnt war. Eine Härte, die nicht nur ästhetisch konfrontierte, sondern auch gesellschaftlich und politisch. Die in der „Sacre“-­Premiere beobachtbare Aggression als Reaktion auf die ästhetisch ausgestellte Härte fand wenig später ein anderes, sehr reales, durch und durch katastrophisches Austragungsfeld: die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges.

Autorin: Melanie Unseld

Melanie Unseld ist Professorin für Historische Musikwissenschaft an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Musikalische Moderne: Andris Nelsons dirigiert das Leipziger Gewandhausorchester zu Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“, dessen Uraufführung in Paris 1913 ungeahnte Horizonte jenseits spätromantischer Konventionen geöffnet hat.

Le Sacre du Printemps von Igor Strawinsky

Klassik Sonntag, 21.1., 18.25 Uhr
Online verfügbar bis zum 28.Januar

Kategorien: Januar 2018