FRANKREICH, Insel, Kloster, Meer, Mont-Saint-Michel, Normandie
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HIMMEL IM MEER

Der Mont-Saint-Michel in der Normandie gehört zu den beliebtesten Fotomotiven weltweit und zieht jährlich Millionen Touristen an. Eine Reise zur Klosterinsel.

Laif © Jean-Marie Liot

Wenn die Silhouette des Mont-Saint-Michel­ aus dem morgendlichen Dunst ragt, kann man sich an deren Anblick gar nicht satt sehen. Dieser scheinbar nicht von dieser Welt stammende Klosterberg ist eine der berühmtesten Abteien des Abendlandes. Drei Millionen Touristen lassen sich alljährlich von seiner magischen Aura anziehen und pilgern durch die engen Gassen zum Kloster hinauf.
Da die Felseninsel wenig Grundfläche für einen ausladenden Bau bot, streben alle Klostergebäude in die Höhe, dem Himmel entgegen. Zu Recht gilt der Mont-Saint-Michel als der krönende Höhepunkt normannischer Baukunst. Den Ritterschlag der Sehenswürdigkeiten erhielt er 1979 mit seiner Ernennung zum Unesco-Weltkulturerbe. Dabei war die Abtei nach der Französischen Revolution sogar in ein Gefängnis umfunktioniert worden, erst seit 1969 wird ein Teil des Klosters wieder von der Fraternité Monastique de Jérusalem­ bewohnt, an deren Gottesdiensten man teilnehmen kann.

Fahrradfahren verboten

Auf dem höchsten Punkt des kreisrunden Granithügels erhebt sich die Abteikirche mit der vergoldeten Statue des heiligen Michael auf der Kirchturmspitze der Abtei. Der Glanzpunkt der Klosterarchitektur ist der sich an die Kirche anschließende Kreuzgang mit seinen zierlichen Spitzbogenarkaden – ein Ort monastischer Meditation, der zwischen Himmel und Meer zu schweben scheint. An den Kreuzgang schließen sich die dreigeschossigen gotischen Abtei­gebäude mit dem tonnengewölbten Refektorium und dem Kapitelsaal an; dieses Ensemble wird als La Merveille („Das Wunder“) bezeichnet, um der meisterlichen Architektur des Bauwerks Beifall zu zollen. Von hier reicht der Blick weit über die Bucht, bei gutem Wetter kann man im Norden die Chausey-Inseln ausmachen, aus deren Granit die Abtei im Laufe der Jahrhunderte errichtet wurde.
Die einsame, meerumspülte Lage barg schon für die frommen Pilger im Mittelalter ein großes Risiko: Sie mussten die angesichts des tückischen Treibsands und des Tidenhubs von knapp 14 Metern nicht ungefährliche Durchquerung des Watts auf sich nehmen, um den Klosterberg zu erreichen. Der mit Galgenhumor vorgetragene Rat „Gehst du zum Mont, vergiss nicht, dein Testament zu machen“ erinnert an die zahllosen Pilger, die in der Brandung den Tod fanden. Schriftsteller Victor Hugo verglich die Schnelligkeit der hereinbrechenden Fluten mit einem galoppierenden Pferd.
Erst 1879 wurde der Mont-Saint-Michel durch einen Deich mit dem Festland verbunden. Dies führte allerdings zu einer fortschreitenden Versandung der Bucht – nur noch zweimal im Monat, bei Vollmond und bei Neumond, war der Berg vollständig vom Meer umspült. Natur- und Denkmalschützer regten daher erfolgreich an, den Deich durch eine Brücke zu ersetzen. Um der fortschreitenden Verlandung der Bucht entgegenzuwirken, entschloss man sich zu einem ehrgeizigen Renaturierungsprojekt. Im Jahr 2015 wurde der Damm durch eine 700 Meter lange, geschwungene Stelzenbrücke ersetzt, auf der die Besucher zu Fuß oder mit Pendelbussen zum Mont-Saint-Michel gelangen können. Einzig das Fahrradfahren ist – seltsamerweise – verboten.

Barfuß durchs Watt

Im Rahmen des rund 200 Millionen Euro teuren Projekts wurde auch ein Gezeiten-Staudamm am Fluss Couesnon errichtet, dem eine zentrale Funktion zukommt. Bei Flut strömt das Meerwasser in den Unterlauf des Flusses, dann werden die Schleusen für sechs Stunden geschlossen. Bei Ebbe schießt das Wasser mit einer gesteigerten Wucht wieder heraus, wodurch die Ablagerungssedimente besser aus der Bucht gespült werden können. Infolge dieser Maßnahmen soll sich der Wasserstand in den nächsten zehn Jahren um 70 Zentimeter erhöhen und der Klosterberg an rund 150 Tagen im Jahr wieder zu einer Insel werden.
Die eindrucksvollste Art, sich dem Mont-Saint-Michel zu nähern, ist sicherlich eine Wanderung durchs Watt – egal, ob barfuß oder mit dem entsprechenden Schuhwerk. Allerdings sollte man dies nicht auf eigene Faust unternehmen. Es gibt geführte Wattwanderungen, die meist an der Nordseite der Bucht in Genêts starten. Die erfahrenen Guides geleiten bei Ebbe durch die Baie du Mont-Saint-Michel und erläutern die Faszina­tion des einzigartigen Ökosystems.
Die Tour führt von der Ortschaft Genêts über den geriffelten Sand zur sieben Kilometer entfernten Gottesfestung. Besonders beeindruckend ist das in den Abendstunden, wenn der Granitberg im Licht der untergehenden Sonne wie eine überirdische Feuerwand leuchtet. Am Mont-Saint-Michel angekommen, führt der erste Weg ein paar Meter hinter der „Tour Gabriel“ linker Hand durch einen Torbogen, wo sich eine Wasserleitung befindet. Hier kann man sich den Schlamm von den Füßen waschen, bevor man das Kloster erkundet.

Autor: Ralf Nestmeyer

Mont-Saint-Michel: Das rätselhafte Labyrinth

Dokumentarfilm Samstag, 23.12., 20.15 Uhr
Online verfügbar bis zum 21. Februar
Mehr unter: arte.tv

Kategorien: Dezember 2017