Finnen, Finnland, Sauna, Schnaps, Unabhängigkeit
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SCHWITZ DICH SCHLAU

Die Finnen gelten als besonders klug, sie lieben die Natur und natürlich ihre Sauna. Was ist dran an den Klischees über unsere nordischen Nachbarn? Eine Annäherung.

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„Wenn Schnaps, Teer und Sauna nicht helfen, ist die Krankheit tödlich“, lautet ein finnisches Sprichwort. Die Sauna – in Finnland gilt sie nicht nur als „Apotheke der armen Leute“, sondern auch als Ort, an dem politische Entscheidungen getroffen werden. So traf sich der damalige finnische Präsident Urho Kekkonen 1960 mit dem sowjetischen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow, um über die Öffnung Finnlands in Richtung Europa zu sprechen. Stundenlang sollen die beiden dort ausgeharrt haben, es floss viel Schnaps. Und am Ende hatte Kekkonnen Chruschtschow auf seiner Seite. Schnaps und Sauna, sie helfen nicht nur bei Krankheiten.
Abseits der deutschen Wellness-Variante mit Fruchtscheibchen und zelebriertem Aufguss bedeutet der „Schwitzkasten“, wie das finnische Wort „Sauna“ übersetzt heißt, in seiner Heimat vor allem: unaufgeregte Entspanntheit. Aufgegossen wird mit Wasser, von dem, der gerade nachgießen möchte. Kein Event, kein Lavendel-Minze-Limette-Aufguss mit Eiswürfeln. Stattdessen Varianten wie: Schwimmen im Eisloch („Avanto“) oder Sauna mit Birkenzweigen („Vihta“/„Vasta“). Mehr als zwei Millionen Saunen gibt es für rund 5,5 Millionen Finnen, viele haben ein eigenes Exemplar zu Hause. Dazu kommen allerlei verrückte Erfindungen, wie die mobile Sauna auf Rädern, in Telefonzellen, Fässern, Bussen. Wichtigste Regel: nackt sein. Aber: Viele Einheimische tragen beim Saunieren Mützen. Warum, weiß niemand genau, doch ungewöhnlich findet das keiner.
Die Kreativität der Finnen hört aber längst nicht bei der Sauna auf: Sie richten die skurrilsten Weltmeisterschaften aus, wie Schlammfußball, Frauentragen, Gummistiefel- und Handyweitwurf. Ja, die Finnen mögen es selbstironisch. Und feiern sich gern selbst. Etwa mit ihren eigens entwickelten Emojis, den kleinen Smileys, die man per SMS verschicken kann: Bilder von Menschen in der Sauna, dicke Socken oder das Nokia 3310 gehören seit 2015 zum personalisierten Inventar der Bilder.

David gegen Goliath

Fürwahr sind die Finnen ein ganz eigenes Völkchen, mit ihrem Selbstverständnis und Zusammengehörigkeitsgefühl, wie man es in Europa nur selten erlebt. Der Blick auf die Geschichte des Landes lässt erahnen, warum das so ist: Lange musste sich David (das kleine Finnland) gegen Goliath (das Russische Reich) behaupten. Bis 1809 gehörte Finnland zunächst zu Schweden, später zum Zarenreich. Was blieb dem Land an Möglichkeiten, sich aus seiner Abhängigkeit zu befreien? „Sisu“ lautet die Antwort der Finnen. Übersetzt: Stolz, Beharrlichkeit, Ausdauer, Kraft. Dieses Wort steht für das Wesen der Finnen –und ist verbindend. Heute heißen mehr als 2.000 Männer im Land „Sisu“, und auch ein finnischer Lastwagenhersteller trägt den Namen. Wer auf der Suche nach der finnischen Seele ist, kommt an „Sisu“ nicht vorbei. Bis die „finnische Identität“ nach und nach ihre heutige Form fand, mussten die Landsleute allerdings jahrhundertelang nach ihr suchen. Und für sie kämpfen. Als Großfürstentum im Russischen Reich und in späterer Abhängigkeit zur Sowjetunion konnte sich die eigene, identitätsstiftende Geschichte nur schwer herausbilden, zu sehr war sie durch den Einfluss des großen Nachbarn gefärbt. Auch die lange Zugehörigkeit zu Schweden hinterließ ihre Spuren: So sind bis heute Schwedisch und Finnisch als Amtssprachen im Land anerkannt. Finnland ging es nie vorrangig darum, zu expandieren – die Einwohner wünschten sich vielmehr und nichts sehnlicher als ein eigenes Nationalbewusstsein.
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war das Nationalepos „Kalevala“, das der Autor Elias Lönnrot gegen Mitte des 19. Jahrhunderts auf Grundlage der finnischen Volksdichtung verschriftlichte. Die Finnen sind stolz auf diese Heldensagen und sehen sie als die Wurzeln ihrer Identität an. Jeder Schüler liest aus dem „Kalevala“, die finnische Kunst fand hier ihre Inspiration, Spuren daraus finden sich im Sprachgebrauch, in Comics, Filmen und sogar der weit verbreiteten Metal-Szene. Auch die Namen vieler Finnen speisen sich aus den Sagen: wie Aino, Sampo oder Väinö. Seit 1835 wird der Kalevala-Tag am 28. Februar gefeiert – bis heute.
Erst mit dem Ende des Zarenreichs im Jahr 1917 erklärten die Finnen schließlich ihre Unabhängigkeit, in der Tasche ein stetig wachsendes Gefühl für ihre eigene Identität. Der Umbruch brachte auch in Finnland Unruhen mit sich: In einem Bürgerkrieg stellten sich „Rote“ gegen bürgerliche „Weiße“. Fast 10.000 Finnen verloren ihr Leben.
Es sollte nicht der letzte Rückschlag auf dem Weg in die Freiheit bleiben: 1939 überfiel die Sowjetunion Finnland, es folgte der viermonatige sogenannte Winterkrieg. Anders als die russischen Soldaten verfügten die Finnen über einen Vorteil: Sie konnten mit Temperaturen von 30 bis 40 Grad unter Null besser umgehen. Als kleines Land schaffte es Finnland gerade so, seine Stellung zu behaupten. Die Verluste auf beiden Seiten waren indes enorm. Zwischen 1941 und 1944 kämpften die Finnen an der Seite des Deutschen Reichs gegen die Sowjetunion und verloren in der Folge Teile ihres Gebiets, etwa die Region Karelien (siehe auch Seite 87) im Osten des Landes.
Einmal mehr zwischen die Fronten geriet Finnland während des Kalten Kriegs, in dem das Land – strategisch günstig gelegen – erneut in das Blickfeld der sowjetischen Interessen rückte. In dieser Zeit gelang es Staatspräsident Urho Kekkonen, die Beziehungen zur Sowjetunion zu pflegen, ohne Finnlands eigenständige Stellung zu gefährden. Noch heute wird Kekkonen, der mehr als 25 Jahre amtierte, als Held gefeiert für seine Art, mit den Mächtigen des Kreml umzugehen. Und so kam es zur Szene in der Sauna 1960 und stückweise zur Öffnung Finnlands zur Welt.
Wiederholt hat sich Finnland in seiner Geschichte schon behauptet. Und auch nach der schweren Wirtschaftskrise, die der Zerfall der Sowjetunion als wichtigem Handelspartner mit sich brachte, kam das Land wieder auf die Beine. Etwa durch die Exportschlager des finnischen Konzerns Nokia, der zwischen 1998 und 2011 zum Marktführer der Mobilfunkbranche avancierte. Nokias Modell 3310 war zwischenzeitlich das am meisten verkaufte Mobiltelefon der Welt.
Neben dem vorübergehenden Nokia- und dem fortwährenden Sauna-Boom glänzen die Finnen zudem mit ihrem Bildungssystem. Im Jahr 2000 schnitt Finnland beim PISA-Test am besten ab – und ließ Länder wie Deutschland und Schweden um Längen hinter sich. Hierzulande fragte man sich damals, warum die Finnen in der Schule so gut sind. Die Ausbildung versteht sich in Finnland als Gesamtschule, Inklusion ist fester Bestandteil. Hier gilt: Jeder hat dasselbe Ziel und jeder kann es schaffen. Lehrer werden gesellschaftlich ähnlich hoch angesehen wie Juristen; dabei duzen die Schüler sie in der Regel. In einigen Schulen gehören Hausschuhe zum Ouftit dazu. Das Konzept geht auf: In Finnland liegen sowohl das Wohlbefinden als auch die Leistung laut Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nach wie vor weit über dem Durchschnitt. Einzig: Die wachsende Zahl von Migranten fordert dieses eingespielte System zum Teil heraus.
Im Bereich der Emanzipation gilt Finnland nach wie vor als Vorreiter: Seit 1906 steht Frauen das Recht zu, das Parlament zu wählen und gewählt zu werden. Nur Neuseeland und Australien haben das Frauenwahlrecht früher eingeführt. Im internationalen Ranking steht Finnland heute in Sachen Gleichberechtigung laut Weltwirtschaftsforum hinter Island und Norwegen auf Platz drei. Zum Vergleich: Deutschland belegt Platz zwölf.

Ein Platz in der Welt

Inzwischen hat sich Finnlands Kultur auch über die Landesgrenzen hinweg ausgebreitet: Der berühmteste, verrückteste und damit „finnischste“ Export ist wohl Regisseur Aki Kaurismäki, international bekannt durch Filme wie „Der Mann ohne Vergangenheit“ (2002) und „Le Havre“ (2011). Dieses Jahr kam „Die andere Seite der Hoffnung“ ins Kino, die Geschichte eines syrischen Flüchtlings in Helsinki. Die sonderbare Atmosphäre seiner Werke fängt das Wesen der Finnen perfekt ein. Und auch in zahlreichen Kinderzimmern spielt sich Finnland ab: Die Mumins, kleine nilpferdartige Wesen, wurden von der finnlandschwedischen Autorin Tove Jansson zum Leben erweckt. Ein weiterer Export-Hit: das finnische Design, allen voran Alvar Aalto, Wegbereiter des finnischen Modernismus. Der klare Stil des Designers nimmt die Landschaft Finnlands auf, unberührte Natur, die knapp 200.000 Seen, Nadelwälder, Weite. Auch Finnlands Musik findet ihren Platz in der Welt: neben Werken von Jean Sibelius etwa der finnische Tango oder Metal wie von der Band Stratovarius und, in teilweise ruhigerer Form, der Band Him.
Finnlands Andersartigkeit, der charmante Stolz seiner Einwohner, ein Stück Selbstironie, das macht die Seele dieses Landes aus – und damit auch die Idee eines Europas, in dem sich Länder mit solch einzigartigen Charakteren vereinen.
Dabei ist selbstredend auch Finnland nicht perfekt: So gilt hier etwa der hochgelobte Schnaps als Todesursache Nummer eins. Die beliebte Sorte Koskenkorva, kurz „Kossu“, bangt deshalb um ihren guten Ruf, den ihr die alten Sprichwörter nachsagen. Inzwischen gibt es immer mehr Kampagnen, die für moderateres Trinken werben. Die Zeiten ändern sich in Finnland also weiterhin – und eine politische Sauna-Szene wie 1960 findet ihren wohlverdienten Platz in den Büchern der Geschichte dieses Landes.

Autorin: Karoline Nuckel

arte Schwerpunkt

Happy Birthday, Finnland! Zum 100. Jahr der Unabhängigkeit des Landes strahlt ARTE einen Schwerpunkt aus – mit zwei Dokus über den Kampf um Eigenständigkeit und die verrückten Seiten der Finnen

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Kategorien: Dezember 2017