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VOM HOMO SAPIENS ZUM „HOMO DIGITALIS“

Die siebenteilige Webdoku-Serien „Homo Digitalis“ beschäftigen sich mit den Zukunftsszenarien unseres Lebens. Was bedeutet die digitale Revolution für uns Menschen und die Gesellschaft?

Arte © BR/ Benny Nero

Neue Webdienste, neue Apps und neue Technik: Die Digitalisierung ist in vollem Gange. Sie betrifft uns alle und verändert unseren Alltag. Ob im Job, in der Freizeit, in der Freundschaft, in der Sexualität oder in der Gesundheit. Der Wandel in jedem Lebensbereich ist spürbar: Wer hätte gedacht, dass sich zum Beispiel mit sogenannten Smartwatches die Gesundheit des Menschen dokumentieren lässt. Die digitale Transformation treibt Veränderungen an und eröffnet große Chancen für mehr Lebensqualität. Aber wie weit lassen Menschen diese Veränderungen zu und wie offen sind sie dem gegenüber? Die Dokureihe „Homo Digitalis“ zeigt mögliche Zukunftsszenarien.

Freunde nach Lust und Laune

In der durch Globalisierung immer schneller werdenden Welt kann das eine oder andere zu kurz kommen. Für eine Partnersuche oder Beziehung bleibt da kaum Zeit. Warum also nicht gleich seine Bedürfnisse mit Sex-Robotern befriedigen und seine Freizeit mit Miet-Freunden verbringen? So muss sich niemand anderen gegenüber anpassen, erklären oder Kompromisse eingehen. Sex-Roboter als Liebhaber erfüllen zwar nicht alle Wünsche und Vorstellungen, aber sie befriedigen körperliche Bedürfnisse. Sogenannte Virtual-Reality-Gadgets machen sogar ganz neue Erfahrungen möglich. Diejenigen, die das befremdlich finden und lieber die menschliche Nähe suchen, können auch Miet-Freunde buchen. Der Kontakt zu ihnen kann jederzeit aufgenommen und abgebrochen werden, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Außerdem machen sie all das, worauf man selbst Lust hat.
Lisa, eine junge Frau aus Japan, hat ihre echten Freunde seit einem halben Jahr nicht mehr getroffen. Freunde hat sie viele, aber nicht etwa im realen Leben, sondern virtuell. Manchmal, wenn ihr doch der Kontakt fehlt, mietet sie auch hin und wieder eine Freundin bei einer Agentur. Die Kosten für einen Tag liegen umgerechnet etwa bei hundert Euro. „Bei echten Freunden muss ich Rücksicht nehmen (…), aber eine Mietfreundin kommt mit, wohin ich will und amüsiert sich mit mir.“ So muss sich Lisa keine Sorgen machen oder gar einen Gedanken daran verschwenden, jemanden versehentlich zu verletzten oder selbst verletzt zu werden. Aber nicht alle sehen das so entspannt wie Lisa. Robo-Ethikerin Kathleen Richardson hat eine Kampagne gegen Sexroboter gegründet. Sie hält Sex-Roboter für gefährlich und ist der Meinung, „dass der Mensch seine Empathie-Fähigkeit verliert“. Selbst wenn Sex-Roboter, Miet- und virtuelle Freunde nicht überall auf Akzeptanz stoßen, sind sie dennoch Realität.

Arte © BR/ Benny Nero

Auf der Suche nach dem Jungbrunnen

Die Technologie verändert aber nicht nur menschliche Beziehungen, sondern auch die Menschen selbst. So ist ein Bestreben nach ewigem Leben und das Ideal vom makellosen Menschen auch bald keine Traumvorstellung mehr.
Ewig jung, ewig leben: Dieser Menschheitstraum war bisher Wunschdenken. Damit die Vision bald Wirklichkeit wird, tüfteln weltweit Wissenschaftler und Mediziner an einem „Elixier“, mit dem sie das Alter wie eine Krankheit heilen können. Futurologe Ian Pearson ist überzeugt davon, dass die Unsterblichkeit, sogar die Umkehrung des Alterungsprozesses
in Reichweite ist.
Die Dokureihe „Homo Digitalis“ zeigt Hightech-Trends, die das Leben verlängern können:
Es gibt in der Digital-Branche beispielsweise viele Möglichkeiten, sein eigenen Körper zu tracken. Fitnessarmbänder und Smartwatches mit entsprechenden Funktionen sind nichts Ungewöhnliches mehr. Menschen messen beispielsweise ihre Sportaktivitäten und sammeln Daten ihres eigenen Körpers. Diese können dann auf Apps, Armbändern, auf dem Computer oder anderen Gadgets ausgewertet werden. Sie motivieren beispielsweise dazu, sich öfter zu bewegen und messen, wie viele Kalorien dabei verbraucht wurden. Aber wie wäre es mit einer Technik, die Menschen warnt, bevor eine Krankheit überhaupt ausbricht? Ein Analysegerät, der sogenannte „Tricorder“, kann über einen Scan der Haut sekundenschnell Biovitaldaten erfassen. „Das Besondere an diesen Tricorder-Ansätzen ist, dass ich sehr viele Daten sammeln kann und dadurch eine Krankheitsfrüherkennung machen kann“, sagt Forschungsleiter Christopher Lindinger vom Ars Electronica Futurelab. Herzfrequenzen, Puls, Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Temperatur kann der Tricorder auswerten. Die Messung der Herzfrequenz ist beispielsweise für Bluthochdruck-Patienten von Vorteil. Das Smartphone sagt einem dann, ob eine Krankheit in Sicht ist oder nicht. Für den Forschungsleiter steht fest: „Wenn Krankheiten früh genug entdeckt werden können, können sie auch einfacher und besser geheilt werden.“ Aber es geht noch weiter: Eine gesteuerte Evolution oder ein Mensch-Maschinen-Mischwesen könnte zum Beispiel Erbkrankheiten einfach ganz ausschalten und einen bestmöglichen genetischen Start ins Leben ermöglichen. DNA-Hacking, indem man die DNA menschlicher Zellen verändert, verspricht nicht nur ewige Jugend, sondern auch gesunde und kluge Babys. Bis das Leben am Computer komplett modifiziert wird, werden aber wahrscheinlich noch einige Jahrzehnte vergehen.

Özge Kabukcu

Wie solche Zukunftstechnologien unser Leben darüber hinaus verändern und ob aus uns, dem Homo Sapiens, eine neue Spezies – der Homo Digitalis – wird, erzählt Helen Fares, die durch die Webserie „Homo Digitalis“ führt.

Homo Digitalis

Bis zum 17. Oktober 2022 online verfügbar.

Kategorien: November 2017