Geburtstag, KARAMBOLAGE, Typisch Deutsch
julien.wilkens@axelspringer.de

HEILIGER GEBURTSTAG!

Rein- oder rausfeiern? Oder besser am Tag selbst? Der deutsche Geburtstagskult versetzt unsere französische Autorin stets in Staunen.

Illustration: Martin Haake

Um Himmels Willen, heute steht ein Geburtstag an! Und mit diesem Ritual beliebt man in Deutschland keineswegs zu scherzen. Den Tag der Geburt begeht man mit ähnlich großem Eifer wie das Weihnachtsfest.
Wehe dem, der den Geburtstag seines Partners, Freundes oder Kollegen vergisst – diesem droht gesellschaftliche Ächtung. Selbst wenn man den Kollegen nichts zu sagen hat, versteht es sich von selbst, dass man sie mit Kuchen beglückt, um mit ihnen das neue Lebensjahr zu feiern. Und diejenigen, die den heiligen Charakter dieses Tages noch nicht ganz erfasst haben, werden seine Bedeutung spätestens verstehen, wenn sie ihre Kollegin vertreten müssen, die aus diesem Anlass Urlaub genommen hat. Diese germanische Geburtstagsbesessenheit findet sich auch in der Sprache wieder. Freunde und Kollegen werden Sie fragen, ob Sie rein-, raus- oder nachfeiern und ob es sich um einen runden Geburtstag handelt. Selbst das Liedrepertoire für diesen besonderen Tag ist vielfältiger als das klassische „Zum Geburtstag viel Glück“.
Für Kinder ist diese Tradition Gesetz. Es wäre undenkbar, sein Kind an diesem Tag ohne Kuchen und Kerzen zu wecken. Und seine Geburtstagsfeier muss in jedem Fall am Tag selbst stattfinden, egal, ob diese auf einen Wochentag fällt und der andere Elternteil – meist der Vater – nicht dabei sein kann. Heilige deutsche Mütter!
Ich muss Ihnen wohl nicht sagen, dass mir bisher noch kein Lehrer oder Chef zum Geburtstag gratuliert hat. Sie denken sicherlich, dass ich eine furchtbar unglückliche Jugend gehabt haben muss. Aber in meinem Land stellt sich wirklich niemand die Frage, ob man rein-, am Tag selbst, raus- oder nachfeiert und ob es ein runder oder quadratischer Geburtstag ist. Man feiert ganz einfach seinen Geburtstag, meist am folgenden Samstag. Was die Kollegen angeht, so denken sie mit etwas Glück daran und gratulieren Ihnen. Aber man darf eben nichts erwarten.
Dagegen ist das Ausscheiden aus einer Firma für Franzosen Anlass für ein wahres Bankett: Champagner, Petits Fours und Flirts, kurz, eine feuchtfröhliche Party, die oft bis in die Puppen geht. Und Sie wären neidisch, wenn ich Ihnen erzählen würde, dass man in Frankreich an seinem Namenstag, gemäß einer katholischen Tradition ein bedeutender Tag, herzliche Nachrichten von charmanten Unbekannten bekommen könnte. Seit ich in Deutschland lebe, habe ich jedenfalls mein Defizit in puncto Geburtstagsfeiern ausgeglichen. Aber manchmal wünsche ich mir doch, meine deutschen Freunde würden meinen Geburtstag vergessen …

Cécile Calla

KARAMBOLAGE

Magazin

Samstags, um 18.55 Uhr

Kategorien: November 2017