Kommunismus, Oktoberrevolution, russland, zar
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TOD EINER DYNASTIE

Die Oktoberrevolution besiegelt das Ende der Zarenherrschaft in Russland. Es folgt eine Epoche voller Umbrüche.

©Alamy

Lenins Bolschewiki hatten sich durchgesetzt. Der spätere Regierungschef der Sowjet­union und seine Revolutionäre übernahmen im Oktober 1917 endgültig die Macht in Russland. ­Nikolaus ­Romanow hatte wenige Monate zuvor, infolge der Fe­bruarrevolution, abdanken müssen und war zu dieser Zeit bereits interniert – in Jekaterinburg, mehr als 1.500 Kilometer östlich von Moskau, am Fuße des Urals. Streng bewacht harrten der vormalige Zar und seine Familie in der Villa eines enteigneten Industriellen ihres Schicksals.

Bis zum 17. Juli 1918 – als nachts gegen 1.30 Uhr der Bolschewik ­Jakow ­Jurowski mit einem Lastwagen und elf Genossen vorfuhr. Dem Hausarzt der ­Romanows, der die Türe öffnete, erklärte der Chef des Bewachungskommandos: „Die Lage in der Stadt ist unsicher, und so sehen wir uns zum Schutz der Familie genötigt, sie nach unten zu verlegen.“ Es dauerte eine halbe Stunde, bis sich alle angezogen und im Souterrain der Villa versammelt hatten: der letzte Zar, ­Nikolaus, 50, seine Frau ­Alexandra, 46, die Kinder ­Olga, 22, ­Tatjana, 21, ­Marija, 19, ­Anastasia, 17, und der einstige Thronfolger Sohn ­Alexei, 13. Sowie der Leibarzt, ein Diener, zwei Köche und ein Zimmermädchen. ­Jurowski verkündete ihnen: „Angesichts der Tatsache, dass Ihre Verwandten in Europa die Aggression gegen Sowjetrussland fortsetzen, hat das Ural-Exekutivkomitee verfügt, Sie zu erschießen!“ „Wie?“, rief ­Nikolaus. Im nächsten Moment schoss ihm ­Jurowski mit seinem Revolver ins Herz. Seine Gehilfen, größtenteils lettische und ungarische Genossen, feuerten mit ihren Revolvern auf die übrigen Romanows. In einem geheimen Bericht heißt es: „Auch die Zarin starb sofort nach ihrem Mann, und die anderen Familienmitglieder (insgesamt zwölf Personen) wurden in einer wilden Schießerei niedergemacht.“

Der 18. Zar aus der Familie der Romanows­ war tot – eines der vielen Opfer der Russischen Revolution, der chaotischen Jahre, die nach einem blutigen Bürgerkrieg in der Diktatur ­Stalins endeten. Nikolaus Romanow mag in seinen letzten Momenten an das grausame Ende seines Großvaters ­Alexander II. gedacht haben, den Anarchisten im März 1881 mit einer Bombe tödlich verletzt hatten. ­Nikolaus war damals zwölf Jahre alt und verfolgte den Tod des Großvaters „totenblass in seinem blauen Matrosenanzug“, so ein Augenzeuge. Ende 1894 war ­Nikolaus II. seinem Vater ­Alexander III. auf den Thron gefolgt. Geheiratet hatte er ­Alix von ­Hessen-­Darmstadt, die bei ihrer Großmutter Queen ­Victoria in England aufgewachsen war. Der 27 Jahre alte Zar fand ein anachronistisches politisches System vor, doch er machte nicht den Versuch, die Monarchie durch Modernisierung zu retten. Er hielt an der Autokratie fest und agierte als absoluter Herrscher über den rückständigsten Staat in Europa. Die Bauern, die rund vier Fünftel der Bevölkerung ausmachten, versanken in Dreck, Armut und Unwissen. Die Industrialisierung hatte Jahrzehnte später eingesetzt als in Westeuropa; in den Fabriken galt der Zwölfstundentag; Kinderarbeit war selbstverständlich. Als Arbeiter im Januar 1905 in Sankt Petersburg streikten, schossen die Soldaten des Zaren sie und ihre Frauen zusammen. Da es aber zu Aufständen im ganzen Land kam, musste ­Nikolaus dem Volk zunächst ein Parlament, die Duma, zugestehen, löste es allerdings bald wieder auf und erstickte die Demokratiebewegung mit Gewalt.

Tatort. Der Raum, in dem Lenins Bolschewiki Zar Nikolaus II. und seine Familie erschossen haben. © ULLSTEINBILD

Als die Generäle aller europäischen Armeen einen großen Krieg vorbereiteten, taten ­Nikolaus und sein Cousin ­Willy, der deutsche Kaiser ­Wilhelm II., viel zu wenig, um den Frieden zu retten. Schließlich saßen sie beide in den Hauptquartieren ihrer Generäle und gaben dem großen Schlachten des Ersten Weltkriegs ihren Segen. Pech hatte ­Nikolaus mit seinem einzigen Sohn ­Alexei, der Bluter war und dessen Blutungen nur der Wunderheiler ­Rasputin zu stoppen vermochte, dem die Zarin hoffnungslos verfiel. Bald sagte ­Rasputin ihr, welcher Minister entlassen und welche Offensive gestoppt werden sollten. ­Alix übermittelte es ­Nikolaus. Und der verfügte meist so.

Kriegsmüdigkeit wächst

Als Rasputin Ende Dezember 1916 ermordet wird, ist der Zar schon in Depressionen versunken. Im harten Winter wird in Petrograd der Brennstoff knapp, in anderen Städten die Lebensmittel. Die Kriegsmüdigkeit wächst. Als mehr und mehr Arbeiter in den Streik treten, weigern sich am 27. Februar 1917 die Soldaten der Pe­trograder Garnison, auf Arbeiter zu schießen. Sie schließen sich stattdessen den Streikenden mit ihren roten Fahnen an. Demonstranten besetzen die Peter-und-Paul-Festung, öffnen die Gefängnis­türen und stecken den Justizpalast in Brand. Soldaten laufen zu den Aufständischen über. Die Revolution ist nicht mehr aufzuhalten. „Der Charakter seiner Majestät war die Wurzel allen Unglücks“, hat ­Sergej ­Witte geurteilt, ­Nikolaus’ einziger wirklich fähiger Minister. „Sein Hauptfehler war sein bedauerlicher Mangel an Willenskraft.“ Schließlich erklärt der Zar den Generälen und zwei Vertretern der Duma am 15. März 1917, im Salonwagen seines Zuges, den Verzicht auf den Thron: „Ich möchte meinen Sohn bei mir behalten und danke in meinem und seinem Namen zugunsten meines Bruders, Großfürst ­Michail, ab.“

Nikolaus’ Bruder allerdings verspürte keine Neigung, ein solches Himmelfahrtskommando zu übernehmen. Mit dessen Abdankung sind – noch vor der Oktoberrevolution, der endgültigen Machtübernahme der Kommunisten – 304 Jahre Herrschaft der Familie
Romanow über Russland zu Ende. Weil ­Alexander ­Kerenski, der einflussreichste Minister der Übergangsregierung, fürchtete, dass sich ­Nikolaus zur Symbolfigur einer monarchistischen Gegenrevolution entwickeln könnte, verbannte er ihn samt Familie im August 1917 schließlich ins sibirische Tobolsk.

Nachdem die Bolschewiki im Oktober 1917 die Macht an sich gerissen hatten, beschloss der Sowjet von Jekaterinburg, dass Tobolsk für einen „derart gefährlichen Gefangenen“ kein geeigneter Aufenthaltsort sei, und holte die ­Romanows nach Jekaterinburg. Zunächst wollten ­die Bolschewiki den Zaren ob seiner Vergehen gegen das Volk öffentlich anklagen, so wie es mit ­Louis XV. in der Französischen Revolution geschehen war. Doch dann marschierten konterrevolutionäre tschechoslowakische Soldaten und Kosaken auf Jekaterinburg zu. Lenin und das sowjetische Staatsoberhaupt ­Jakow ­Swerdlow gaben daraufhin den Befehl, die Exekution der Zarenfamilie vorzubereiten.

„R-ows auslöschen.“

Am 16. Juli 1918 empfing der für die Staatssicherheit in Jekaterinburg verantwortliche Bolschewik ­Jurowski ein Telegramm, in dem es heißt: „R-ows auslöschen.“ Was nach dem Erschießen geschah, hielt ­Jurowski in einem geheimen Bericht fest: „Wir legten die Leiche in die Grube und übergossen die Gesichter und die Körper mit Schwefelsäure. Um sie unkenntlich zu machen und um Verwesungsgerüchen vorzubeugen. Wir bedeckten sie mit Erde und Reisig. Legten Bahnschwellen darauf und fuhren ein paar Mal drüber, von der Grube blieben keine Spuren zurück.“
Der Geheimbericht wurde erst im Jahr 1989 veröffentlicht. Wenige Tage nach den Morden gab das Zentral­komitee in Moskau ein Flugblatt heraus, in dem es hieß, es „wurde ein konterrevolutionäres Komplott aufgedeckt, das den gekrönten Peiniger aus den Händen der Sowjetmacht befreien wollte“. Daraufhin habe das Ural-Exekutivkomitee beschlossen, „­Nikolaus ­Romanow zu erschießen, was am 16. Juli erfolgte. Seine Frau und sein Sohn wurden an einen sicheren Ort verbracht.“ Im Juli 1991 gruben Soldaten und Geheimdienstleute auf Befehl des russischen Ministerpräsidenten ­Boris ­Jelzin die Überreste von ­Nikolaus und seiner Familie in einem Wald bei Jekaterinburg aus. Die Gebeine wurden 1998 nach Sankt Petersburg gebracht und in der Kathedrale der Peter-und-Paul-Festung beigesetzt. Zwei Jahre später sprach der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche ­Alexij II. den einstigen Zaren ­Nikolaus II. nebst Gattin und Kindern heilig  – als Märtyrer.

Michael Sontheimer

ARTE Schwerpunkt

Russland – Revolution und Revolten: Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution beleuchtet
ARTE den Umsturz und seine Folgen aus historischer, kultureller und gesellschaftlicher Perspek­tive. Der Schwerpunkt wird am 25., 28. und 31. Oktober im Abendprogramm von ARTE aus­gestrahlt. Weitere Sendungen im November.
arte.tv/russland

Der Untergang der Romanows, 28.10., 20.15 Uhr

Glanz und Elend deutscher Zarinnen, 28.10., 21.40 Uhr
bis 3.11. auf arte.tv verfügbar

Kategorien: Oktober 2017