Empört euch!, Frankfurter Buchmesse 2017, Stephane Hessel
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EIN ÄSTHET DER EMPÖRUNG

Lässig, gebildet und mit ironischem Understatement: Wieso „Empört Euch!“-Autor Stéphane Hessel auch heute noch Leitfigur der Jugend ist.

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„Doppelte Heimat“

Von Franz Hessel, dem Flaneur, Erzähler und Proust-Übersetzer, dem Vater von Stéphane Hessel, ist eine Anekdote überliefert, die einiges über vertrackte Liebesgeschichten mit zwei Ländern erzählt. In München bei strahlendem Sonnenschein unterwegs, spannte Hessel einen Regenmantel auf; als ein Freund sich nach dem Grund erkundigte, antwortete der Dichter: „Es regnet in Paris.“ Was bei Franz Hessel eine melancholisch grundierte Ambivalenz besaß, ging beim Sohn in einem heiteren Kosmopolitismus auf; denn Stéphane Hessel, der – anders als sein Vater – Résistance, Konzentrationslager und Folter überlebt hatte, machte es sich zur Lebensaufgabe, seine zwei Heimaten zu versöhnen.

„Kämpft selbst!“

Nach dem Ende des Kriegs beginnt er damit, als Diplomat und Attaché für ein friedfertiges Europa zu arbeiten, als einer der Autoren der UN-Charta für Menschenrechte, später als Botschafter, dazwischen als Opponent gegen de Gaulles Algerienpolitik. Und ganz spät, im hohen Alter, als leidenschaftlicher Anwalt für die Selbstbestimmung der Völker sowie, ganz im Nachklang der französischen Aufklärer, als eleganter Essayist, der seine jungen Zeitgenossen zu etwas eigentlich Selbstverständlichem aufruft: dem Vertrauen auf die eigene Vernunft und die eigene politische Fantasie.

Die Empfehlung lautet: Vertraut nicht denen, die glauben, über eure Wünsche und Ideen Bescheid zu wissen, sondern kämpft selbst für eure Ideale! Allesamt Imperative, die heute eigentlich zum inneren zivilisatorischen Inventar gehören, Selbstverständlichkeiten von demokratischen Gesellschaften. Dennoch erfuhr Hessels Pamphlet „Empört Euch!“ im Jahr 2011 eine gewaltige Resonanz. Der damals über 90-Jährige hatte im Handumdrehen eine Gebrauchsanweisung für jene moderne Gesellschaft geschrieben, die man gerne als postdemokratisch bezeichnet und die, statt an die bewährten Prinzipien der Freiheit und der Selbstbestimmung zu glauben, das Spiel mit dem Ressentiment der nationalistischen Hybris liebt.

Blick nach vorn

Stéphane Hessel, der Grandseigneur im Dreiteiler, hat eher in die Zukunft geschaut als die Gegenwart beleuchtet. Als in Frankreich der Front National zu einer Art nationalistischer Wohlfühlpartei für alle Schichten erfolgreich zu werden begann, war Hessel bereits gestorben. Als die AfD anfing, sich in Deutschland zur Stimme der vermeintlichen Kerndeutschen zu ernennen, hatte man eher Parolen und Twitter-Botschaften zur Hand als Hessels hellsichtigen Essay. Heute, da internationale Politik in Teilen zum Theater der Unvernunft geworden ist, könnte man den leidenschaftlichen Vernunftpolitiker Hessel ins Pantheon des klügeren Handelns überführen. In seiner Autobiografie „Tanz mit dem Jahrhundert“ beschreibt Hessel, was Arbeit an der Demokratie bedeutet: ständiges Verhandeln, unablässiges Argumentieren und die nie nachlassende Mühe des Vermittelns.

Humanistisches Erbe

Hessel verkörperte so etwas wie eine europäische Idealgestalt: Auf lässige Weise gebildet, elegant in der Erscheinung, mit ironischem Understatement geadelt, schien er in seiner Person noch einmal das große alte Frankreich zu repräsentieren. Dessen Grundwert war die „Civilisation“, die Gesamtheit aller zivilisatorischen Fertigkeiten einer Gesellschaft, die sich auf ihre Literatur beruft, auf ihre Höflichkeit, ihr gutes Essen und ihr humanistisches Erbe. Und er erinnerte die Deutschen daran, was sie dereinst verraten haben: jene Zivilisation, die in Deutschland vor allem der Gegenbegriff zur Barbarei ist. Möge Hessels Erbe dafür sorgen, dass auch in Paris manch Regenschirm aufgespannt wird, wenn es in München oder Berlin regnet.

Hilmar Klute

Zur Person: Hilmar Klute
Klute, 1967 in Bochum geboren, verantwortet „Das Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung. Der Redakteur und Autor hat Stéphane Hessel 2011 zum Gespräch über „Empört Euch!“ getroffen.

ARTE Highlight: Empört Euch! Engagiert Euch! – Stéphane Hessel

Leitfigur der Jugend: Im hohen Alter von 93 Jahren wurde Stéphane Hessel mit der Streitschrift „Empört Euch!“ zum Helden der jungen Generation und ihrer Protestbewegungen. Ein Porträt des außergewöhnlichen Intellektuellen.

Porträt

Sonntag, 15. Oktober, 22.45 Uhr

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Kategorien: Oktober 2017