Durch die Nacht mit, Frankfurter Buchmesse 2017, Kamel Daoud, Leila Slimani
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LIEBE ZUR EINSAMKEIT

In Frankreich mit dem Prix Goncourt prämiert – jetzt als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse: Die Schriftstellerin Leïla Slimani wirbelt derzeit die Literaturszene auf.

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Die Kinder sind tot. Erstochen von der eigenen Kinderfrau. Der Romanauftakt ist ein Schock. Wieso hat die so perfekt scheinende Babysitterin Louise dieses furchtbare Verbrechen begangen? In Rückblenden auf die Ereignisse und mit großem psychologischen Feingefühl beleuchtet die Schriftstellerin Leïla Slimani in ihrem aktuellen Thriller das Milieu des Pariser Bobo-Paares, das Louise engagiert hat, sowie die ihm unbekannte wie abgründige Lebenswelt des Kindermädchens.

Mit ihrem zweiten Roman „Chanson douce“ (zu Deutsch etwa „Sanftes Wiegenlied“) hat Slimani den Durchbruch geschafft. Im November 2016 hat die 1981 in Rabat geborene Wahlpariserin den Prix Goncourt und somit den renommiertesten Literaturpreis Frankreichs erhalten – als erst zwölfte Frau in der über 100-jährigen Geschichte des Preises. Für die bekennende Feministin Glück und Genugtuung zugleich. Unter dem deutschen Titel „Dann schlaf auch du“ ist der Roman im August im Luchterhand-Verlag erschienen. Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist Frankreich Ehrengast und Leïla Slimani freudig erwarteter Shootingstar. Dem ARTE Magazin gibt die Autorin aus diesem Anlass ein Interview und erzählt von ihrer Liebe zur Einsamkeit, zur deutschen Literatur sowie zu ihrer elsässischen Großmutter.

ARTE: Frau Slimani, Sie haben 2016 mit Ihrem Roman „Dann schlaf auch du“ den Prix Goncourt gewonnen, den prestigeträchtigsten französischen Literaturpreis. Hat dieser Preis alles verändert?

Leïla Slimani: Sagen wir mal so: Diese Auszeichnung hat alles intensiviert. Die besondere Aura des Preises hat es mir ermöglicht, eine große Leserschaft zu erreichen und das Interesse ausländischer Verleger zu wecken. Für mich der Beginn eines außergewöhnlichen Abenteuers.

Ihr Roman basiert auf einer wahren Geschichte über die Nanny einer wohlhabenden Familie in den USA, die ihre Schützlinge ermordet hat. Was hat Sie an diesem schrecklichen Ereignis inspiriert?

Ich wollte schon seit längerer Zeit einen Roman über ein Kindermädchen schreiben, tat mich aber mit der Erzählstruktur etwas schwer. Als ich von der Tragödie in den USA erfuhr, kam mir die Idee, ein Verbrechen in meine Geschichte einzubauen. Dennoch sind die Figuren und Ereignisse pure Fiktion.

Sind die von Ihnen beschriebenen Beziehungen und Dramen emblematisch für unsere Zeit?

Das denke und hoffe ich nicht. Im Grunde geht es um Schreckliches, Klassenunterschiede, Gleichgültigkeit sowie die komplexe Beziehung zu Kindern. Gefühle, die also sehr universell und altüberliefert sind. Aber es stimmt, dass ich dabei gleichzeitig die Lebensweise einiger Großstadtpaare unserer Zeit beschreibe.

Die französische Regisseurin Maïwenn Le Besco wird Ihren Roman auf die Leinwand bringen. Was erwarten Sie von der Verfilmung?

Leïla Slimani: Da lass ich mich von Maïwenn überraschen. Ich habe volles Vertrauen in sie.

Eine Zeit lang haben Sie sich der Schauspielerei gewidmet. Welche Rolle in „Dann schlaf auch du“ würden Sie gerne übernehmen?

Keine, ich bin eine ziemlich miserable Schauspielerin.

Sie sitzen sicherlich schon am nächsten Buchprojekt?

Natürlich, aber das ist noch geheim.

Schreiben bedeutet auch Isolation. Leiden Sie nicht unter der Einsamkeit?

Oh nein, von Leiden kann nicht die Rede sein. Im Gegenteil. Ich habe Spaß daran. Vielleicht bin ich aus Liebe zur Einsamkeit Schriftstellerin geworden.

Das Interview führte Jana Idris

ARTE Highlight: Durch die Nacht mit … LeÏla Slimani und Kamel Daoud

Mut des Schreibens: Zwei arabischstämmige Autoren tauschen sich in Paris aus.

Kulturdoku

Sonntag, 15.10., 23.40 Uhr

Bis 4. Oktober online verfügbar.

Kategorien: Oktober 2017