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ARMES EUROPA

Verhungern muss bei uns niemand. Doch Armut führt zu Ausgrenzung auf dem reichen Kontinent. Millionen Menschen ist jede gesellschaftliche Teilhabe verwehrt.

Bei vielen Europäern reicht das Geld nicht für genügend Wohnraum oder eine Waschmaschine © Getty Images

Armut hat viele Gesichter. Im wohlhabenden Europa gelten dabei andere Maßstäbe als etwa in Entwicklungsländern. In der EU ist arm, wer aufgrund seiner materiellen Lage vom Minimum der Lebensweise des jeweiligen Mitgliedsstaates ausgeschlossen ist. Relative Armut: Ein Armutsrisiko besteht für Menschen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens – ein errechneter Mittelwert – ihres Landes zur Verfügung haben. Von Deprivation spricht man, wenn sich Menschen eine Reihe definierter Grundbedürfnisse nicht leisten können, etwa die Miete, Heizungskosten, eine Waschmaschine oder regelmäßige Mahlzeiten mit Fisch oder Fleisch.

119 Millionen von 508 Millionen EU-Bürgern sind arm oder von Armut bedroht. Das Ziel der EU ist es, diese Zahl bis 2020 um 20 Prozent zu verringern. Diese Zahl soll um 20 Prozent gesenkt werden, dafür hat der europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss 2010 das Zehn-Jahres-Programm „Europa 2020“ aufgelegt.

Innerhalb der EU ist Bulgarien das ärmste Land: Hier gelten 42 Prozent der Bevölkerung als arm oder von Armut bedroht. In den Nachbarländern Serbien und Rumänien sind es 41 bzw. 37 Prozent. Demgegenüber sind in Norwegen nur 15 Prozent der Bevölkerung arm oder von Armut bedroht, es ist der geringste Wert in Europa. In Deutschland fällt immerhin jeder fünfte in diese Kategorie.

Der Weg in die Armut

Armutsgrund Nummer eins in Europa ist Arbeitslosigkeit, besonders gravierend wirken sich die hohen Quoten der Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa aus. Aber auch Menschen in Beschäftigung kann Armut drohen.

In der EU ist die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland am höchsten. Dort ist über die Hälfte (52 Prozent) der 15- bis 24-Jährigen ohne Job. Auch in Italien ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt für junge Menschen schwierig, 42 Prozent sind hier arbeitslos. In Deutschland liegt die Quote nur bei acht Prozent.

Wozu führt Armut?

Die Gesundheitsversorgung gilt in Europa als gesichert, bei der Säuglingssterblichkeit aber gibt es erhebliche Unterschiede. In der Türkei ist die Säuglingssterblichkeit in Europa am höchsten. Von 1000 Babys, die geboren werden, sterben durchschnittlich 11. Zum Vergleich: In Deutschland sterben nur drei von 1000 Babys kurz nach der Geburt.

Auch die Wohn- und Lebensverhältnisse klaffen auseinander. In Mazedonien lebt über die Hälfte der Bevölkerung in einem überfüllten Haushalt. In Italien ist es immerhin noch fast ein Drittel. In Deutschland wohnen 7 Prozent der Menschen in einer zu kleinen Wohnung, weil sie sich keine größere Unterkunft leisten können.

Oliver de Weert

ARTE Highlight: Armes Europa?

Gesellschaftsdoku

Dramatisch gestiegene Jugendarbeitslosigkeit infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 verschärft das Armutsrisiko in Teilen Europas. Die Gesellschaftsdoku geht zu den sozialen Brennpunkten und legt die Hilflosigkeit im Umgang mit den Problemen offen.

Dienstag, 26. September, 23.00 Uhr

Kategorien: September 2017