Das weiße Kaninchen, Drama, Interview, Philip Sichler
julien.wilkens@axelspringer.de

„DIE NATUR IST EIN IDEENGEBER DER EXTRAKLASSE“

Philipp Sichler stand für „Das weiße Kaninchen“ nicht vor, sondern hinter der Kamera. Im Interview spricht der Kameramann über seine Vorbilder und den fordernden Dreh.

Kameramann Philipp Sichler ©Hagen Keller

ARTE Magazin: Was hat Sie dazu bewogen, Kameramann zu werden?

Philipp Sichler:Ich bin erst relativ spät, mit 22 Jahren zum ersten Mal in Berührung mit Film gekommen. Davor wollte ich eigentlich die Musik zum Beruf machen, allerdings fehlte mir dafür leider das nötige Talent. Als Praktikant in einer kleinen Industriefilmproduktion durfte ich gleich ran an die Kamera und drehte am Wochenende mit anderen Praktikanten und Freunden eigene Kurzfilme. Dabei habe ich schnell gemerkt, wie leicht und intuitiv mir die Bilder von der Hand gehen
und wie viel Spaß und Befriedigung es mir bringt, mit der Kamera zu arbeiten.

Welche Filme haben Sie in der Anfangszeit besonders geprägt?

Besonders prägend in dieser Zeit waren damals die Filme von Jim Jarmusch, im speziellen „Dead Man“, für mich die perfekte Symbiose von wahnsinnig atmosphärischer Musik, Visualität und Geschichte. Das hat mich so beeindruckt, was Robby Müller da für eine Poesie in den Bildern hatte und das kombiniert mit der Musik von Neil Young, da war für mich klar: So etwas will ich auch machen. Dann ging alles ziemlich schnell, Bewerbungsfilm-Filmhochschule-Kameramann.

„Die Natur ist ein Ideengeber der Extraklasse

Wo verorten Sie heute ihre Einflüsse?

Ich lasse mich sehr von Kameramännern-, frauen und Regisseuren inspirieren, die sich immer wieder neu erfinden, die für die unterschiedlichen Geschichten jeweils eine spezielle Bildsprache finden. Das sind zum Beispiel Anthony Dod Mantle, Emmanuel Lubezki, Matthew Libatique, aber auch Meister wie Roger Deakens. Für mich versuche ich das ähnlich zu halten. Wenn ich die Wahl zwischen zwei Projekten habe, entscheide ich mich für das Projekt, in dem das mir noch Unbekannte steckt, welches es zu entdecken gilt. Es gibt aber außer Film auch andere Bereiche, die mich anregen und inspirieren. Ich bin sehr gern in der Natur und empfinde sie, im Kleinen wie im Großen, immer wieder als
Ideengeber der Extraklasse. Auch die Musik bringt mir oft sehr schnell Zugang zu Bildwelten, ebenso Fotografie und auch der Austausch mit Kollegen und die Auseinandersetzung mit deren Arbeit.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Kameramann oder eine gute Kamerafrau aus?

Ich glaube, vor allem neugierig sollte man sein und bleiben. Und man sollte es schaffen, egal in welchem Genre, der Geschichte eine Visualität zu geben, die sie dem Zuschauer am unmittelbarsten zugänglich macht. Dazu muss man die nötige Sensibilität haben, um dann die richtige Entscheidung zu treffen, aber auch das Handwerk in all seiner stilistischen Vielfalt beherrschen.

„Ich hatte das Gefühl, im Chat und nicht am Set zu sein

Wenn Sie frei wählen könnten: Mit welchem Regisseur oder welcher Regisseurin würden Sie gern einmal arbeiten?

Was mich sehr reizen würde, wäre mal einen Film zu machen mit Lars von Trier
oder Nicholas Windung Refn, oder Alejandro González Iñárritu, um nur ein paar zu nennen.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Dreharbeiten von „Das weiße Kaninchen“?

Ich erinnere mich an eine oft sehr gelöste Stimmung am Set, trotz oder vielleicht auch gerade wegen der zum Teil sehr heftigen Szenen. Dies hat für mein Empfinden etwas den Druck und die Schwere aus der Situation genommen. Lena Urzendowsky, unsere junge Hauptdarstellerin, hat mich da wahnsinnig beeindruckt. Sie hat gerade die emotional schwierigen Szenen so stark gespielt. Was mir auch sehr in Erinnerung blieb, sind die Szenen in den Chatrooms. Die Settings waren so artifiziell und abstrakt, dass ich durch den Sucher gesehen irgendwann selbst das Gefühl hatte, im Chat und nicht am Set zu sein.

An welchem Filmgenre würden Sie sich in Zukunft gerne einmal ausprobieren?

Da gibt es, zum Glück, noch zahlreiches zu entdecken: Horror, Science Fiction, Martial Arts, Western …

Komplettieren Sie den Satz: Wenn ich nicht Kameramann geworden wäre, wäre ich heute …

… hoffentlich auch irgendwo gelandet, wo ich Dinge machen könnte, die mich genauso erfüllen wie das Filmemachen.

Das Interview führte Lydia Evers

ARTE Highlight: Das weiße Kaninchen

Die 13-jährige Sara ist schüchtern und im Vergleich zu ihren Freundinnen eine Spätzünderin. Im Netz Kontakte zu knüpfen erscheint da verführerisch einfach. Sie lernt „Benny (16)“ kennen, hinter dem sich aber der Lehrer und Familienvater Simon Keller verbirgt. Der gibt vor, ihr Freund zu sein, und erschleicht sich Saras Vertrauen. Als der 17-jährige Kevin Sara die große Liebe vorspielt, um sie gefügig zu machen und sie anschließend mit Nacktbildern zu erpressen, bietet Keller dem verzweifelten Mädchen nicht uneigennützig seine Hilfe an.

Freitag, 22. September, 20.15 Uhr

Kategorien: September 2017