Bundestag, Macron, Marine le Pen, Martin Schulz, Merkel, Wahlkampf
julien.wilkens@axelspringer.de

TYPISCH DEUTSCH: AUF STREICHELKURS

Am 24. September ist Bundestagswahl. Die Debatten zur Innenpolitik lassen davon jedoch nichts erahnen. Es regiert Langeweile statt Leidenschaft.

© Martin Haake

Welch eine Langeweile! Ohne Unterbrechung muss ich gähnen, wenn ich deutsche Zeitungen und Magazine durchblättere und versuche, mehr über die Innenpolitik der Nachbarn zu lesen. Seit Monaten deutet leider kaum etwas darauf hin, dass im September eine richtungsentscheidende Bundestagswahl ins Haus steht. Deutschland wirkt vielmehr wie ein riesiger Ozeandampfer, der seine Route unverdrossen fortsetzt, als ob nichts wäre. Weder die anhaltende Flüchtlingskrise in Europa noch der aktuelle Skandal der Automobilbranche reichen für leidenschaftliche innenpolitische Kontroversen.

Man hat das Gefühl, alle sind auf Streichelkurs. Auch eine Studie stellte dazu unlängst fest: Die Wähler der großen deutschen Parteien ähneln sich immer mehr. Geht es den Deutschen tatsächlich so gut und sie finden vor der Wahl gar nichts zu bemäkeln? Nur zu Beginn des Jahres sah es kurzzeitig etwas anders aus. Da wurde ­Martin Schulz nominiert und es schien, als hätte er die Bundesrepublik aufgeweckt.

Neun Monate leidenschaftlicher Präsidentenwahlkampf

Zur gleichen Zeit in Frankreich: Die heiße Phase des Wahlkampfs war in vollem Gange und alle fragten sich, ob es Front-National-Chefin ­Marine le Pen nun wirklich schaffen würde, eine Mehrheit zu bekommen. Daneben gab es allerlei anderen mehr oder weniger dringlichen Stoff für Debatten: die Affäre ­Fillion, der Rauswurf ­Manuel Valls’ als Primat der Linken, die Liebesgeschichte von ­Brigitte und ­Emmanuel ­Macron, die rhetorischen Höchstformen ­Mélenchons.

Die Innenpolitik fütterte in Frankreich die Unterhaltungen im Büro, beim Bäcker und zu Hause bei der Familie und natürlich waren auch die sozialen Netzwerke voll davon. Neun Monate lang konnte man sich dem Präsidentenwahlkampf nicht entziehen. Kein Vergleich zum deutschen Wohlfühlwahlkampf jetzt, da der Schulz-Hype längst wieder abgeflaut ist.

Echter Schlagabtausch gewünscht

Ob es den Deutschen erst wieder richtig schlecht gehen muss, bis sich ihr Feuer für die Politik entfacht? Dass es auch anders geht, haben sie in der Vergangenheit ja oft genug bewiesen:
streitlustiger, leidenschaftlicher, mit echtem Schlagabtausch. Da kann ich mich nur mit Nostalgie an den Wahlkampf 2005 erinnern.

Zu diesem Zeitpunkt war Deutschland der kranke Mann Europas und ­Gerhard ­Schröder schreckte vor keinem Mittel zurück, um seine Kontrahentin ­Angela ­Merkel in Schach zu halten. Der Wähler erlebte ein Feuerwerk an Emotionen! Nur ein bisschen davon wünscht man sich wenigstens für den Endspurt bis zur Wahl am 24. September.

Zur Autorin: Cécile Calla

Die Französin lebt seit 2003 in Berlin, unter anderem als Korrespondentin von „Le Monde“. 2009 erschien ihre Erlebnisband „Tour de Franz“.

Karambolage

Magazin

Samstags um 18.55 Uhr

Kategorien: September 2017