Eine Taube sitzt auf einem zweig, kino, Roy Andersson, Schweden
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ROY ANDERSSONS SKURRILE WELT

„Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ – hinter dem Film mit dem ewig langen Titel stecken vier Jahre Arbeit und ein genialer Regisseur.

Jonathan (Holger Andersson, l.) und Sam (Nils Westblom, r.) präsentieren ihre Scherzartikel © Studio 24/Les films du Losange

So viel ist klar: Roy Andersson hat einen Hang zu skurrilen Figuren und Handlungen. Doch so absurd Setting und Charaktere seiner Filme manchmal anmuten, sie behandeln doch immer tiefgründige Fragen der menschlichen Existenz. „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ ist rein vordergründig ein Film über zwei ebenso depressive wie erfolglose Vertreter von Scherzartikeln. Im Kern allerdings geht es um die Frage, die sich wohl jeder schon mal gestellt hat: Was mache ich hier eigentlich? Der Film soll, so Andersson in einem Interview, „zur Besinnung über unser Leben anregen“.

Zum Titel inspirierte den schwedischen Regisseur das Gemälde „Die Jäger im Schnee“ des Malers Pieter Bruegel der Ältere aus dem Jahr 1556. Er habe, so Andersson, bei dem Gemälde besonders auf die Vögel geachtet, die von den Bäumen aus das Geschehen beobachten. Was sie wohl über die Menschen und ihr Treiben denken?

Trilogie über das menschliche Leben

Diese Außenperspektive auf unser Tun und Handeln wollte der Regisseur in seinen Film transportieren. „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ beschließt nach „Songs from the Second Floor“ (2000) und „Das jüngste Gewitter“ (2007) Anderssons Trilogie über das menschliche Leben.

Vier Jahre arbeitete Andersson an den nur 39 Einstellungen des Films. Dabei bewegte sich die Kamera kaum vom Fleck: Drehort des gesamten Films war nur ein Gebäude in Stockholm. Doch Andersson legte viel Wert aufs Detail: Alle Hintergründe und Sets wurden aus Holz oder Pappe gefertigt, was teilweise mehrere Monate dauerte.

Herausforderung von Sehgewohnheiten

Der 74-jährige Filmemacher ist für lange, künstlerisch gestaltete Einstellungen und damit auch für das Herausfordern von Sehgewohnheiten bekannt. Er habe den Anspruch, so Andersson, dass jede der 39 Szenen dem Publikum eine künstlerische Erfahrung vermitteln könne.

Nicht immer werden solche hohen Ansprüche eines Filmemachers auch vom Publikum honoriert. Doch „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ wurde von Kritikern hoch gelobt. Und auf dem Internationalen Filmfestival von Venedig 2014 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Carla Baum

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

Sam und Jonathan sind zwei ziemlich erfolglose Vertreter, was womöglich mit ihrer Ware zusammenhängt. Es handelt sich nämlich um Vampirzähne, Lachsäcke und Gruselmasken. Ihr Ziel ist es, mit den Artikeln Freude in das Leben anderer zu bringen. Allerdings sind auch sie selbst eher tragische Gestalten, die auf der Suche nach ihrem eigenen Glück sind. Sie streiten sich ständig über die richtigen Verkaufsstrategien und kommen doch zu keiner Lösung. Bei den Versuchen, ihre Produkte an den Mann zu bringen, begegnen sie äußerst skurrilen Menschen.

Mittwoch, 23. August, 20.15 Uhr

Online bis 30. August

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Kategorien: August 2017