Essay, Mode, Stil, Summer of Fish 'n' Chips, Twiggy
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MODISCHE HELDEN DER ARBEITERKLASSE

Freche Schnitte, bunte Farben: In den 1960er Jahren änderte sich einiges in Sachen Mode. Minirock-Ikone Twiggy über den British Style – und dessen Bedeutung für die Fashion-Szene.

Illustration © Sebastian Haslauer

Die Sixties waren eine ganz besondere Epoche, denn die Babyboomer pubertierten gerade. Das waren verdammt viele, und ich gehörte dazu. Wir suchten ein Ventil, um unsere aufgestaute kreative Energie zu nutzen. Aufgestaut in den Jahren der Kindheit in den 1950ern, als auch in England alles steif, konservativ und irgendwie unfrei war. Wer oder was letztlich die plötzliche Entladung ausgelöst hat, ist schwer zu sagen.

Vorbilder

Klar ist aber, dass die Popmusik eine entscheidende Rolle spielte. Beatles, Rolling Stones, Monkees – das waren die Bands, zu denen wir aufschauten, zu deren Songs wir tanzten, deren Texte wir auswendig kannten. Sie hatten uns zugehört; sie wussten, wie wir tickten, weil sie wie wir waren. Die Musiker waren jung und kamen aus Liverpool, Leeds, Sheffield: aus tristen Arbeitersiedlungen, in denen nur die penibel gepflegten Vorgärten an so etwas wie Natur erinnerten. In ihren Liedern mischten sie Protest mit Sehnsucht, Frust mit Hoffnung. Und fast immer war Liebe im Spiel – die uns zum Ende eines bewegten Jahrzehnts den revolutionären Summer of Love einbrachte.

Dürr wie ein Zweig

Mit der Musik änderte sich schlagartig die Mode. Zuvor kamen die Trends der Haute Couture aus Paris oder Mailand, wo die bekannten Designer saßen. Doch den Beatniks und Mods in Großbritannien war das egal. Sie bildeten eine Subkultur, die jungen Modeschöpfern als Nährboden diente, etwa Zandra Rhodes, Billy Gibb, Biba und Ossie Clark.
Mit der Mode, die Teenager und junge Erwachsene trugen, kam der Wunsch nach jüngeren Models, die diese Art von Kleidung glaubhaft präsentieren konnten. Eines Tages war ich, gerade 16 geworden, zur richtigen Zeit am richtigen Ort und wurde entdeckt – der Rest ist Geschichte. Die nicht erzählt werden kann, ohne den Minirock zu erwähnen, jenes knappe Stück Stoff, das Mary Quant erfand und das nur anziehen konnte, wer dürr wie ein Zweig war. Nicht umsonst nannten die Leute mich Twiggy, denn twig bedeutet Zweig.

Aus grau mach bunt

Auch die Jungs hatten auf einmal wieder Geschmack. Sie tauschten ihre grauen Hosen und braunen Tweeds gegen bunte Jacken und fantasievolle Hemden. Sie kleideten und schminkten sich wie ihre musikalischen Vorbilder. Worauf die Eltern oft mit Unverständnis reagierten. Man stelle sich vor: Der Vater hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft, die Mutter hat die deutschen Bomben überlebt. Alles mit großem Ernst, mit Aufopferung und für ein hehres Ziel. Und dann revoltieren die Kinder und zeigen mit ihrer Kleidung und ihrer Musik, dass sie keinen Respekt davor haben, was ihre Eltern bewahrt haben. Da war der Generationenkonflikt programmiert. Aus diesem Konflikt speiste sich der Motor der britischen Moderevolution. Und er läuft bis heute.

London Calling

Ende der 1970er läuteten Punk und später dann New Wave die nächste Umwälzung ein. „No Future“ – aber bitte mit Stil. Dass sich Bands wie die Sex Pistols nicht nur musikalisch gut vermarkten ließen, sondern auch innerhalb der Modebranche, hatten Vivienne Westwood und Malcolm McLaren erkannt. Sie stießen die bekannten Stilikonen vom Sockel: London Punk wollte nicht schön sein, sondern in erster Linie anders – und radikal. Der Minirock, der zehn Jahre zuvor für einen Aufschrei des Entsetzens gesorgt hatte, spielte im Zeitalter der abgewetzten, nietenbesetzten Lederjacken und löchrigen Jeans erst mal keine Rolle mehr. Er war ja auch – im Vergleich – ziemlich brav.

Rollen und Rebellion

Doch Punk und Westwood schafften noch mehr: Sie legten den Grundstein für das, was wir heute genderkonform nennen. Androgyne Kleidung ist zwar erst Ende des 20. Jahrhunderts auf den Laufstegen der großen Modemessen aufgetaucht. Ihre Pioniere aber waren Punks. Sie holten den Kilt, den traditionellen Schottenrock, aus den Highlands nach Kensington und Camden und brachten ihn auf die Seiten von „The Face“ oder „ID“, den damals angesagtesten Style-Magazinen der Welt.

Rollentausch in der Mode ist heute wieder sehr gefragt. Nicht im Sinne des Smokings, den ich ebenfalls gern anziehe. Es ist vielmehr das Außerkraftsetzen geltender Konventionen, das „Ich ziehe es trotzdem an“-Gefühl, die Rebellion. Genau dafür steht British Style seit mehr als 50 Jahren. Designer wie Westwood, aber auch Alexander McQueen, das viel zu jung verstorbene Enfant terrible der Modeszene, haben diese Haltung und Botschaft in die Welt hinausgetragen – und damit den britischen Modestil unsterblich gemacht.

Zur Person: Twiggy Lawson, geboren 1949 als Lesley Hornby, ist eine britische Schauspielerin und Sängerin. Entdeckt wurde sie mit 16 Jahren als Model und gilt bis heute als das Gesicht der Swinging Sixties in Großbritannien.

British Style

Kulturdoku

Uniformen, Aristokratie, Punk: ein Porträt des britischen Stils von den 1950er Jahren bis heute.

Sonntag, 20. August, 22.15 Uhr

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Kategorien: August 2017