islam, luise und mohamed
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„EIN BRUCH WAR KEINE OPTION“

Die Tochter wird Muslima, die Mutter ist dagegen. Statt sich zu entfernen, suchen Rita und Luise seither das Gespräch. Ein Besuch.

Rita (M.) mit Tochter Luise (2.v.r.), ihren Kindern und Shila Meyer-Behjat vom ARTE Magazin © Antonia Hrastar

Es ist Sommer, wenn auch ein verregneter. Im Garten des Häuschens in Bremens Stadtteil Hemelingen grünt und sprießt es. Ein Sandkasten, zwei Schaukeln, Fahrräder liegen im Gras. Auf der Veranda teilen sich die Geschwister Sainab, Ilyas und Hannan einen Pfirsich. Über 40 Grad Hitze haben sie in Algier hinter sich gelassen. Jetzt sind Ferien, die sie bei ihren Großeltern Rita und Martin „Mateng“ Frische verbringen. Vor sieben Jahren lief der erste Film über ihre Mutter im Kino und auf ARTE. Über Luise, die zum Islam konvertierte und seither streng nach den Regeln des Glaubens lebt. Und über Rita, die Mutter von Luise. Sie ist engagiert, organisiert Kulturevents, ist aus der Kirche ausgetreten. Jetzt nehmen beide am Esstisch Platz.

ARTE Magazin: Luise, wie ist es zu Hause für dich? Findest du noch etwas vom Mädchen in dir vor, das du hier einmal warst? 

Luise Frische-Boumaklouf: Dass ich mich verändert habe, wäre der rein äußere Blick auf mich. In mir, was meine Gefühlswelt angeht, bin ich dieselbe. Und wir untereinander sind so, wie wir eigentlich immer waren. 

Du hast dich als junge Frau entschieden, Muslima zu werden. In den Filmen, die Beatrix Schwehm über euch gedreht hat, zeigt ihr, wie nah euch die Situation als Mutter und Tochter geht. Und wie ihr beide bei euren Positionen bleibt: Luise hält an ihrer Entscheidung fest, Rita sieht sie kritisch. Gab es nie die Gefahr des Bruchs zwischen euch?

Rita Frische: Das wäre für mich nie eine Option gewesen. Diese Grundentscheidung habe ich sofort getroffen. Danach muss man das Ganze mit allen Wehs und Achs zu tolerieren lernen. Natürlich gab es auch viele Tränen und die Frage: Warum das? Und ich habe mich bei dem Gedankenspiel ertappt, was gewesen wäre, wenn Luise nicht unser einziges Kind gewesen wäre. Aber diese Frage stellte sich ja so nicht.

„Es knirscht manchmal, wenn es politisch wird“

Hat sich deine Sicht mittlerweile geändert? Zum Beispiel, was das Kopftuch angeht?

Rita Frische: Dinge wie das Kopftuch kann ich immer noch nicht nachvollziehen. Nur, dass Luise es eben irgendwann für schön befunden hat. Aber wir als Familie haben uns sehr verändert, auch weil es nun drei Enkelkinder gibt. Die Kleinen machen uns zu unserer Familie. Mit Mohamed, dem Vater der drei, ergeben sich mittlerweile ganz andere Gesprächssituationen. Ja, es knirscht auch mal, wenn es politisch wird. Aber er ist ein wenig geduldiger mit uns geworden. Und wir haben alle gelernt, dass man seine Position nicht ganz verlassen muss, um sich dem anderen zuzuwenden. Wir sind eine Familie, die viel diskutiert. 

Luise Frische-Boumaklouf: Daran musste sich Mohamed auch in unserer Ehe gewöhnen. Er darf erst schlafen, wenn alles geklärt ist. 

Und woran musstest du dich bei ihm in eurer Ehe gewöhnen?

Luise Frische-Boumaklouf: Manchmal stehe ich da und sage: Er beruhigt sich schon wieder. Und auch wenn ich algerische Ehen sehe und mitbekomme, wie es da manchmal abgeht – Mann! Da würde unsereins sich scheiden lassen. Interessanterweise ähneln unsere Streitthemen denen meiner Schwägerin und ihrem Mann. Sie ist in der Stadt Algier groß geworden und er auf dem Land. Da muss man sich genauso einander annähern. Zum Glück habe ich bei meiner Schwiegermutter einen Stein im Brett.

„Ich konnte gar nicht überblicken, was meine Hochzeit auslösen würde

Nimmst Du wahr, dass Rita heute mehr Verständnis für dich hat?

Luise Frische-Boumaklouf: Das ist gewachsen. Ich habe das damals einfach so gemacht. Das war rein egoistisch. Ich war 18. Und mit 19 Jahren habe ich geheiratet. Ich konnte gar nicht überblicken, was meine Konvertierung und die Hochzeit alles auslösten. Ich habe zum Beispiel einfach vom einen auf den anderen Tag Kopftuch getragen, weil ich das schön fand. In der Schule dachten alle, ich sei verrückt geworden. Und in der Öffentlichkeit kam mir daraufhin plötzlich eine ganz andere Atmosphäre entgegen. In der S-Bahn oder im Bus bekommt man einfach ganz andere Blicke zugeworfen. Andere Körpersprachen entgegengebracht. Vorher, als deutsches Blondchen, bekommt man davon doch gar nichts mit. 

Die Resonanz auf den Film „Luise – eine deutsche Muslima“ war 2009 riesig. Nun folgt der Dokumentarfilm „Luise und Mohamed“, in der die Familie bei ihrem Umzug 2014 nach Algerien begleitet wird. Dorthin wurde Familienvater Mohamed von seiner Bremer Firma entsandt, um das nordafrikanische Geschäft aufzubauen.

ARTE Highlight: Luise und Mohamed –Aufbruch nach Algier

Luise und Mohamed, ein junges deutsch-algerisches Ehepaar mit drei Kindern, entschließt sich nach einem durchaus konfliktreichen Leben in Deutschland, nach Algerien auszuwandern. Der Dokumentarfilm begleitet die Familie über zwei Jahre bei dem mutigen Versuch, in zwei grundverschiedenen Kulturen zu leben – ihrem täglichen Kampf mit Tradition und um Integration. Zweiter Teil einer Langzeitdokumentation, deren erster Teil „Luise – eine deutsche Muslima“ 2008 den Adolf-Grimme-Preis erhielt.

Dienstag, 22. August, 23.35 Uhr

Online bis 20. November

Kategorien: August 2017