Erster Weltkrieg, Indien, Kolumne, Soldaten, Vijay Singh
julien.wilkens@axelspringer.de

VERGESSENE GROSSVÄTER

Der Schriftsteller und Filmemacher Vijay Singh erinnert an ein unterrepräsentiertes Kapitel der Geschichte: Das Schicksal von Indiens Soldaten im Ersten Weltkrieg.

Singh während der Dreharbeiten ARTE © Silhouette Films

Wenn sich im kommenden Jahr das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährt, müssen wir uns alle wieder dem Ausmaß dieses Gemetzels stellen. Auch die Frage, wie es in Europa dazu kommen und wie nur kurze Zeit später ein erneuter Weltkrieg entbrennen konnte, wird wieder aufgeworfen. Der Erste Weltkrieg ist ein historisches Erbe, das bereits tausendfach aufgearbeitet wurde. Dennoch gibt es Etliches, was unbeantwortet geblieben ist – oder unbekannt. Dazu gehört auch die Rolle der indischen Soldaten.

Allein an der Westfront, in Belgien und Frankreich, fochten rund 140.000 von ihnen auf britischer Seite. Insgesamt riskierten knapp 1,4 Millionen Inder ihr Leben auf diversen Kriegsschauplätzen, etwa in Afrika, dem damaligen Mesopotamien und Italien. Die Kolonialmacht hatte sie zum Dienst verpflichtet; sie kämpften und starben in einem Krieg, der nicht ihrer war.

(Un-)Sichtbare Spuren

Ihr Einsatz hat in Europa Spuren hinterlassen und Familien geprägt. So wie die von Monique Soupart. 1966 musste die junge Frau ins Krankenhaus und bekam eine Bluttransfusion. Die Ärzte fanden heraus, dass sie eine in Frankreich sehr seltene Blutgruppe hat, die typisch für Menschen aus Asien ist. Niemand konnte ihr den Befund erklären – und niemand wollte es tun. Schließlich, nach Jahren der Verunsicherung, verriet Moniques Mutter ihr das Familiengeheimnis: dass ihr Vater der Sohn eines unbekannten indischen Soldaten war, mit dem die Großmutter während des Ersten Weltkriegs eine Liebelei gehabt hatte. Wie viele Familien eine ähnliche Geschichte mit sich tragen, ist nicht bekannt. Doch die Chancen sind groß, dass durch den einen oder anderen Europäer ebenso das Blut eines indischen Soldaten fließt.

Die Geschichte wiederholt sich

Moniques Geschichte wurde knapp 50 Jahre später gewissermaßen zu meiner eigenen. Nicht etwa weil ich Inder bin, der in Frankreich lebt. Sondern weil ich plötzlich eine schmerzhafte Parallele in der Geschichte erkannte: Hunderttausende von Flüchtlingen drängten auf der Suche nach Sicherheit und Frieden nach Europa. Die Medien berichteten über sie; die Politik kannte kaum ein anderes Thema. Und die Abneigung gegenüber den Fremden trat vielerorts offen zutage. Wussten die Menschen in Frankreich und Belgien denn nichts von jenen indischen Soldaten, die ihnen siegen halfen, als die Not am größten war?

Wie konnte Moniques Großvater aus dem Gedächtnis der Europäer verschwinden? Es ist an der Zeit, an ihn und seine Kameraden zu erinnern.

Zur Person: Vijay Singh stammt aus Delhi, Indien. Der Schriftsteller und Filmregisseur („Jaya Ganga“, 1996; „One Dollar Curry“, 2004) lebt und arbeitet seit den 1980er Jahren in Paris.

Leb’ wohl, mein indischer Soldat!

Dokumentarfilm

Die Dokumentation befasst sich mit einem wenig bekannten Kapitel der französischen Geschichte: Dem Schicksal der 150.000 indischen Soldaten, die in Frankreich und Belgien im Ersten Weltkrieg kämpften.

Dienstag, 15. August, 22.35 Uhr

Online bis 14. September

Kategorien: August 2017