Karajan, Mozart, Salzburg, Salzburger Festspiele
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DER PILGERORT

Die Salzburger Festspiele gehen diesen Sommer zum 98. Mal über die Bühne. Ein Rückblick auf ein knappes Jahrhundert voll Glamour und künstlerischer Dynamik.

Die Salzburger Festspiele blicken auf eine lange und bewegte Geschichte zurück © Peter Rigaud

Eine Weltattraktion“ nannte Stefan Zweig die Salzburger Festspiele Ende der 1930er Jahre in seinen Erinnerungen („Die Welt von Gestern“). Und: „die neuzeitlichen Olympischen Spiele der Kunst“, bei denen sich „Könige und Fürsten, amerikanische Millionäre und Filmdivas, die Musikfreunde, die Künstler, die Dichter und Snobs“ ihr Rendezvous geben, „um die besten Dirigenten, Sänger, Schauspieler“ zu erleben.

Man könnte meinen, der Dichter lebte heute noch in Salzburg, so aktuell klingt sein Kommentar. Zweig kannte die Gründerväter der Festspiele, waren sie doch oft zu Gast in seinem Salzburger Anwesen, einem kleinen Schlösschen am Kapuzinerberg, das er von 1919 bis 1934 bewohnte: darunter Max Reinhardt, der Theaterguru seiner Zeit, der Dichter Hugo von Hofmannsthal und der Komponist Richard Strauss. Mit Salzburg, Österreichs barocker Seele und „Herz vom Herzen Europas“ (Hofmannsthal,­ 1919) sowie Geburtsstadt Mozarts, schien der Ort gefunden, um ihr Festspiel-Ideal zu verwirklichen. Ein Festival, das sich von dem damals dominanten Berliner Theaterleben abgrenzen wollte und auch von den seit 1876 veranstalteten Bayreuther Festspielen. Aber auch, um die „Not der Schauspieler und Musiker, […] die im Sommer brotlos waren“, abzumildern, so Zweig.

Mozart wurde davongejagt

Am 22. August 1920 war es so weit: Mit der Freilichtaufführung von Hofmannsthals­ „Jedermann“ auf dem Domplatz schlug die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele. Zwei Jahre später standen bereits Opern von Mozart, dem Genius Loci, auf dem Spielplan. Ironie des Schicksals: Mozart war 1781 mit einem Tritt in den Allerwertesten aus ebenjener Stadt gejagt worden, weil er sich dem autoritären Gebaren seines Dienstherren Fürsterzbiscxhof Colloredo widersetzt hatte.

Nun ist in der Heimat eines Genies kein Festival ohne seine Musik zu machen. Ab 1926 wird Mozart also auch auf einer zweiten Freilichtbühne gespielt, der Felsenreitschule. Ihren Namen verdankt sie einem Steinbruch am Mönchsberg, der im 17. Jahrhundert durch die Arbeiten am Dom entstanden war. In die Wände des aufgelassenen Felsens hatte man seinerzeit übereinander gelagerte Arkaden schlagen lassen, um von hier aus Reitvorführungen und Tierkämpfe beobachten zu können. Nun dienten sie als Natur-Bühnenbild für die Inszenierungen von Max Reinhardt. Der Boden bestand aus gestampfter Erde. Das Publikum, mitunter auch eine Marlene Dietrich, saß auf Holzbänken und verfolgte das Geschehen auf einer „Pawlatschenbühne“, einer Bretterbühne. Komfortabler wurde es erst in den 1960er Jahren, als ein wetterfestes Rolldach in die Felsenreitschule eingezogen und eine Unterbühne eingerichtet wurden. Ebenso ein Orchestergraben und eine Scheinwerferrampe sowie ein Zuschauerraum mit Logen und Rampen.

Beste Sicht von jedem Sitz

Mit dem Großen Festspielhaus kam an der Hofstallgasse ein zweites Opern- und Konzerthaus dazu. Für den Neubau waren 55.000 Kubikmeter des Mönchsbergs abgetragen worden, um Platz zu schaffen für das Gebäude, dessen Anlage und technische Ausstattung auch heute noch international höchsten Ansprüchen gerecht wird: Etwa 2.200 Gäste finden Platz in dem riesigen Auditorium, bei erwiesenermaßen bester Sicht von jedem Sitz aus.

Beteiligt an den Planungen war ein Mann, den manche Zeitgenossen „den letzten absolutistischen Herrscher“ nennen: ­Herbert von ­Karajan. Am 26. Juli 1960 wird er das Große Festspielhaus mit dem „Rosenkavalier“ von ­Richard Strauss eröffnen. 852 Kritiker, 101 Fotografen aus 41 Ländern sind akkreditiert, die Premiere wird verfilmt. Ein Medienspektakel schon damals und auch ein Vorgeschmack auf das, was in der ­Karajan-Ära noch kommen wird.

Rückkehr des Jetsets

Der Salzburger Karajan, der „gerne 20 Jahre später geboren wäre“, war ein Mann mit Visionen. Er läutete die digitale Revolution der Klassik ein. Zudem gelang es ihm, den internationalen Jetset zurückzuholen, der im Dritten Reich ferngeblieben und ersetzt worden war durch Tausende deutscher Arbeiter, die ab 1938 mit subventionierten Festspielkarten im Rahmen des „Kraft durch Freude“-Programms an die Salzach gebracht worden waren.

Es heißt, dass der Geist vor dem „Anschluss“ 1938 mit seinem mondänen Lebensgefühl, seinem Stil, seiner Eleganz, seinem Geistreichtum und Intellekt und seinem jüdischen Liberalismus danach nie wieder einkehrte. Dennoch wurde Salzburg unter ­Karajan zum internationalen „place to be“ für Stars wie ­Elisabeth ­Schwarzkopf, der führenden Mozart- und Richard-Strauss-Primadonna der 1950er und 1960er Jahre. Und für jene, die dann Stars wurden, wie ­Plácido ­Domingo und ­José ­Carreras, ­Cecilia ­Bartoli und ­Anna ­Netrebko. Zum Medienhype führt bis heute die Verkündung der Schauspielerin, die die Buhlschaft im „Jedermann“ spielt – auch wenn die Rolle kaum Text hat. Achtmal hatte allein ­Senta ­Berger die Ehre. Unter ­Karajan avancierten die Salzburger Festspiele auch zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor der Region.

Weltoffene Festspiele

Gleichzeitig etablierte sich ein einzigartiges Sponsorensystem. 2016 bestreiten die Festspiele ihren Etat von über 60 Millionen Euro zu drei Vierteln aus Kartengeldeinnahmen und Sponsoren. Nur etwa 16 Millionen Euro kommen vom Steuerzahler. Zum Vergleich: In Bayreuth sind es 40 Prozent.

Max Reinhardts Warnung von 1917, dem zufolge die Festspiele nicht „Luxusmittel für die Reichen und Saturierten, sondern ein Lebensmittel für die Bedürftigen“ sein sollen, hat man dabei nicht vergessen. Im Rahmen der Jugendabos werden in diesem Jahr 6.000 Karten mit einer Ermäßigung von bis zu 90 Prozent abgegeben. Zu den 192 Veranstaltungen der Festspiele von 2016 kamen 259.018 Besucher aus 81 Ländern. Nur die Hälfte davon stammte aus Europa. Ihre Weltoffenheit verdanken die Festspiele auch ­Karajans Nachfolger, ­Gerard ­Mortier, der das Repertoire erweiterte und modernisierte. Eine neue Generation von Regisseuren etablierte sich und auch neue Konzertreihen, wie „Zeitfluss“, die seinerzeit ­Markus ­Hinterhäuser mitbegründete, seit 2016 Intendant der Festspiele.

Tilgung der eurozentrischen Sichtweise

Wenn sich nun die Bronzetüren des Großen Festspielhauses zur 98. Ausgabe öffnen, dann wird es unter anderem fünf Neuproduktionen geben, darunter Giuseppe­ ­Verdis „Aida“. Erst einmal wurde sie in Salzburg aufgeführt: 1979, von ­Karajan selbst dirigiert und inszeniert. Und 2017? Nicht nur das Rollendebüt von ­Anna ­Netrebko als Aida wird mit Spannung erwartet, sondern auch die Inszenierung von ­Shirin ­Neshat. Die in New York lebende iranische Künstlerin, die sich in Filmen und Fotos mit der Rolle der Frauen in der muslimischen Welt auseinandersetzt, spürte eine enge Verbindung zur Figur der Aida. „Die Erzählungen und Themen des Stücks haben einen ähnlichen Fokus wie meine bisherigen Arbeiten. Es geht um die Dynamik, die Politik, Religion und Fanatismus bei Menschen auslösen, die Opfer der Mächtigen werden“, sagt ­Shirin ­Neshat im Interview mit dem ARTE Magazin.

Eigene Akzente setzt sie allein schon durch die Tilgung der eurozentrischen Sichtweise: „Meine Interpretation von ,Aida‘ zeigt die Kulturen Ägyptens und Äthiopiens weniger barbarisch, als sie ursprünglich dargestellt wurden. Identitäten, Ethnien und Religionen sollten naturgemäßer wirken und nicht romantisiert oder orientalisiert.“

Um Neshats „Aida“ live sehen zu können, benötigt man nicht nur eines der raren Tickets, sondern auch: Lust auf Ausnahmezustand. Den beschrieb schon Chronist Stefan Zweig: „In den Hotels kämpft man um Zimmer, die Auffahrt der Automobile zum Festspielhaus ist so prunkvoll wie einst jene zum kaiserlichen Hofball, der Bahnhof ständig überflutet. Salzburg ist der künstlerische Pilgerort Europas.“ Und sollte es bis heute bleiben.

Teresa Pieschacón Raphael

ARTE Highlight: Salzburger Festspiele 2017, Aida

Festspiel-Höhepunkt: Die versklavte Königstochter Aida (Anna Netrebko) verliebt sich in den feindlichen Heerführer Redamès (Francesco Meli). Verdi-Kenner Riccardo Muti dirigiert die Wiener Philharmoniker. Die Inszenierung übernimmt
die iranische Künstlerin Shirin Neshat. ARTE überträgt die Aufführung leicht zeitversetzt.

Samstag, 12. August, 20.15 Uhr

Online bis 11. September

Kategorien: September 2017