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julien.wilkens@axelspringer.de

WIR MÜSSEN UNS EINE BESSERE WELT VORSTELLEN

Regisseur John Webster hat einen filmischen Brief an seine Urenkelin Dorit verfasst, die in den 2060er Jahren geboren wird. Hier beschreibt er, warum wir trotz Klimawandel und Donald Trump optimistisch in die Zukunft schauen sollten.

Szene aus „Little Yellow Boots“: Dorit an einem zukünftigen Strand © Tuomo Hutri

Jedes Frühjahr wird auf Kühlschranktüren in ganz Europa ein feierliches Versprechen gemacht: Dieses Jahr – ja, dieses Jahr ganz bestimmt – werden wir einige Kilos purzeln lassen, bevor wir uns am Strand zeigen.

Einige von uns werden nun tatsächlich leichteren Schrittes den heißen Sand betreten, mit einem neuen Selbstbewusstsein und lockererem Hosenbund. Andere, wie ich, werden hoffen, dass das weit sitzende, geblümte Hawaii-Shirt der neue Inbegriff des Sommertrends wird.

Die glücklichen Sonnenanbeter haben die Versprechung an sich selbst nicht nur durch rigorose Selbstverleugnung und kalorische Berechnungen gehalten, sondern dadurch, dass sie sich diesen Moment vorgestellt haben, dieses glückliche Ergebnis. Sie haben daran geglaubt und es so sehr gewollt, dass sie durchgehalten haben. Die Fähigkeit, sich eine positive Zukunft vorzustellen, ist zentral für jede Form menschlicher Anstrengung. Wenn wir einem Freund ein Geschenk kaufen, stellen wir uns seine Freude darüber vor. Wenn wir einen Kredit aufnehmen, stellen wir uns vor, was wir mit dem Geld erreichen können.

Gefühl eines unaufhaltbaren Verlustes

Was passiert aber, wenn wir uns eine schlechtere Zukunft vorstellen? Der Mai 2017 war der 389. Monat in Folge, in der die weltweite Durchschnittstemperatur über der des 20. Jahrhunderts lag. 2016 war das heißeste Jahr, das jemals gemessen wurde. Auf der anderen Seite des Atlantiks regiert ein Präsident, dessen Feindseligkeit gegenüber der Umwelt nur durch die Größe seines Egos übertroffen wird und der willens ist, den Planeten für eine Kohleindustrie zu opfern, die weniger Menschen beschäftigt als Disney World. Es gibt jeden Anlass zur Sorge. Es gibt Grund dazu, sich eine schlechtere Zukunft vorzustellen.

Dieses Gefühl eines unaufhaltbaren Verlustes war der Startpunkt für meinen Film „Little Yellow Boots“, einen filmischen Brief an mein zukünftiges Großenkelkind Dorit. Ich habe sie nicht kennengelernt, ich werde sie auch wahrscheinlich nicht kennenlernen, aber ich habe Hoffnung für sie. Und natürlich mache ich mir auch Sorgen.

„Indem du deiner Verzweiflung nachgibst, verletzt du die, die du liebst“

Während einer Reise traf ich Carl Anthony. Im Alter von 75 Jahren blickte er optimistisch in die Zukunft. Als unser Zug durch die Canyons von Colorado zuckelte, erzählte er nur von seinem Leben, das er damit verbracht hatte, für die Rechte der Afroamerikaner zu kämpfen und Sklaverei, Rassismus und Hass zu überwinden. „Indem du deiner Verzweiflung nachgibst, verletzt du die, die du liebst“, sagte er. „Wenn einer meiner Vorfahren sich seiner Verzweiflung hingegeben hätte, wäre ich heute nicht hier. Ich wäre nicht einmal am Leben. Irgendwie haben sie in sich selbst die Hoffnung gefunden, unsere Communitys aufrechtzuerhalten, von einer Generation zur nächsten. Und heute, Jahrhunderte später, habe ich diese Hoffnung geerbt und die Stärke, für etwas Sinnvolles zu arbeiten.“

Wir können nicht in die Zukunft blicken, wir können die Konsequenzen unserer Handlungen nicht sehen. Aber wir wissen, dass unsere Handlungen Konsequenzen haben werden. An eine bessere Zukunft zu glauben, gerade angesichts harter Zeiten, ist deshalb keine Verleugnung der Realität. Wir müssen uns eine zukünftige Generation vorstellen, die auf einem besseren, glücklicheren Planeten wandelt. Dann kann diese Vision Wirklichkeit werden.

John Webster

Trailer Little Yellow Boots from ma.ja.de. filmproduktions GmbH on Vimeo.

ARTE Highlight: Little Yellow Boots

Der Filmemacher John Webster hat einen filmischen Brief an seine Ur-Enkelin Dorit verfasst, die in den 2060er Jahren geboren wird und deren kleine gelbe Gummistiefel an einer ganz anderen Küste entlang wandern werden, als die, die wir kennen. Seine Geschichte erzählt von persönlichem Verlust, von Familie und von dem Unterschied, den jeder von uns in der Welt machen kann.

Dienstag, 1. August, 23.00 Uhr

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Kategorien: August 2017