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STRESS IN HIPPIELAND

Mehr als 600.000 Menschen kamen 1970 zum Isle of Wight Festival, die Organisation lief völlig aus dem Ruder. Nun zeigt ARTE einen legendären Film über das chaotische Event.

Woodstock-Spirit: Hunderttausende kamen zum Isle of Wight Festival 1970 ©dpa Picture Alliance

Dass die Isle of Wight vor der Küste Englands nur per Boot erreicht werden kann, ist Hunderttausenden jungen Menschen im Spätsommer 1970 kein Hindernis. Sie wollen ein zweites, noch größeres Woodstock, wollen Stars wie Jimi Hendrix, The Doors und The Who sehen. Sie wollen den Hippie-Geist leben und Gleichgesinnte treffen.

Die blutjungen Hippies vor der Kamera sprechen von einem alten System, das wegmuss, von neuen Werten, Gemeinschaft, von Poesie, Natur und Liebe. Hinter den Kulissen geht es weniger kuschelig zu: Da müssen eitle Künstler schon vor dem Auftritt in bar bezahlt werden, da wird gestritten, weil viel mehr Menschen kommen als erwartet– und nicht alle von ihnen bezahlen.

Die Stimmung kippt

Ähnlich wie der bereits legendäre Woodstock-Dokumentarfilm begleitet Murray Lerner in „Message to Love“ alle möglichen Menschen, die in das Isle of Wight Fesitval involviert sind – Organisatoren, Künstler, Besucher, Gegner. Ein älterer Herr mit Pfeife im Mund spricht von den Hippies als dem Bösen schlechthin, dem Kommunismus in Person. Auf der Wiese vor der Bühne gehen derweil die Joints rum. Die Aufnahmen sind heute Gold wert und für alle, die die damalige Zeit miterlebt haben, ein Garant für pure Nostalgie.

Doch der Film ist nicht nur eine Quelle für das Schwelgen in Erinnerungen. Er zeigt auch auf äußerst komische Art und Weise, wie das Event immer mehr aus dem Ruder läuft. Rikki Farr, der Hauptorganisator des Isle of Wight Festivals, ist am Anfang noch ganz entspannt. Doch seine Stimmung kippt im Laufe der Zeit. Immer mehr Menschen kommen ohne Ticket rein, reißen die Barrieren nieder. Die Besucher sorgen sich um die „Vibes“ des Festivals, weil viele Menschen draußen bleiben müssen. Die Menschen vor den Zäunen werden wütend, weil sie Teil des Riesenevents werden wollen. Ein Besucher tritt vor das Mikrofon auf der Bühne und sagt: „Was bedeuten denn Frieden und Liebe, wenn da draußen Polizeihunde sind!“

„Wir haben ein Jahr für euch Schweine gearbeitet!“

Farr wird immer wütender. Irgendwann bricht es aus ihm heraus. Wütend ruft er der Menge zu: „Wir haben dieses Festival auf die Beine gestellt, ihr Idioten, mit sehr viel Liebe! Wir haben ein Jahr für euch Schweine gearbeitet. Und ihr wollt unsere Zäune einreißen und es zerstören? Dann fahrt zur Hölle!“

Es gehört eben alles dazu: das Chaos, der Müll, die Massen von Hippies – aber eben auch und vor allem die großartigen Bands, die beim Isle of Wight Festival Musikgeschichte schreiben. Aus dem Material, das Lerner auf der Isle of Wight sammelte, sind mittlerweile zahlreiche Konzert-DVDs entstanden, etwa von Leonard Cohen, Miles Davis und Jethro Tull. Das Chaos des Festivals und der Stress der Organisatoren sind längst verflogen – die Musik ist geblieben.

Carla Baum

ARTE Highlight: Message to Love: The Isle of Wight Festival 1970

Obwohl bereits 1968 ins Leben gerufen, ist das Isle of Wight Festival 1970 wohl die bekannteste Ausgabe der frühen Jahre. Es gilt als das europäische Woodstock. Ähnlich wie bei Woodstock ist die Bekanntheit des Isle of Wight Festivals 1970 der Tatsache zu verdanken, dass es gefilmt wurde. Bis heute sind diverse Konzertfilme dazu erschienen. Der wohl bedeutendste Beitrag ist der zweistündige Dokumentarfilm von Murray Lerner: „Message to Love: The Isle of Wight Festival“, der erst 25 Jahre nach dem Ereignis zum ersten Mal aufgeführt wurde.

Freitag, 4. August, 22.55 Uhr

Kategorien: August 2017