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GRUSS VOM BLAUEN PLANETEN

Die Voyager-Raumsonden verraten viel über uns. Astrobiologe Lewis Dartnell fragt, was Außerirdische auf der Erde suchen könnten.

© Andi Meier

Als vor 40 Jahren Voyager 1 und 2 ins All aufbrachen, begann eine der größten Entdeckungsreisen der Menschheit. Die Raumsonden sollten zu den fernsten Orten unseres Sonnensystems vorstoßen – und darüber hinaus. Voyager 2 passierte unterwegs Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun und funkte Bilder der weit entfernten Welten zur Erde. Inzwischen sind die Sonden am Rand des Sonnensystems angelangt und fliegen in den interstellaren Raum.

Beide Voyager haben eine schallplattengroße goldene Scheibe an Bord mit Informationen über die Menscheit, deren Kulturen und Geschichte sowie über die Position unseres Sonnensystems und der Erde. Ob die irdische Flaschenpost jemals von Außerirdischen gefunden und entziffert wird, ist indes fraglich. Realistisch gesehen ist die Chance gleich null.

Nehmen wir dennoch einmal an, Aliens erführen, dass es uns gibt: entweder von einer goldenen Scheibe oder, was wahrscheinlicher ist, indem sie Radiowellen von der Erde empfangen. In Literatur, Film und Fernsehen führt der Kontakt mit Extraterrestrischen meist zu Konflikten. Dabei ist kaum anzunehmen, dass sie herkommen, um den Planeten in Schutt und Asche zu legen.

Als Wissenschaftler finde ich das Gedankenexperiment spannend: Welche Gründe könnten Aliens haben, uns einen Besuch abzustatten?

Um die Menschheit zu versklaven? Eine Spezies, die interstellar reisen kann, hat vermutlich keinen Bedarf an Arbeitssklaven. Sie wird eher auf Roboter setzen, auch weil Lebewesen anfälliger sind als Maschinen – und Nahrung brauchen. Die Vorstellung, Aliens könnten die Erde kolonisieren, um Menschen als Fortpflanzungspartner zu nutzen, ist ebenfalls absurd: Zum einen ist ungewiss, ob sie dieselbe Erbgutsubstanz wie wir haben – DNA; zum anderen können Menschen sich nicht einmal mit ihren nächsten Verwandten paaren, den Schimpansen.

Um Menschen als Nahrungsmittel zu nutzen? Unser Verdauungstrakt zerlegt komplexe Moleküle wie Proteine oder Stärke in kleine Häppchen wie Aminosäuren und Zucker. Um sich von uns oder anderen irdischen Säugetieren ernähren zu können, müssten Außerirdische einen sehr ähnlichen Stoffwechsel haben. Zwar sind Aminosäuren und Zucker auch auf vielen Meteoriten zu finden – und womöglich gibt es Aliens, deren Stoffwechselorgane sie verwerten können. Die Vorstellung aber, Außerirdische kämen quasi, um sich am Buffet zu bedienen, ist sehr weit hergeholt.

Um das Wasser der Ozeane abzusaugen? Vieles deutet darauf hin, dass Aliens ebenso wie wir auf Wasser angewiesen sind. Würden sie uns die Ozeane abpumpen, wenn auf ihrem Planeten das Wasser knapp wird? Wohl kaum: In unserer Galaxie gibt es überall Oasen, etwa Kometen, die in vielen Sonnensystemen entdeckt wurden. Ganz zu schweigen vom enormen technischen Aufwand, der nötig wäre, um unsere Meere gegen die Kraft der Gravitation in den Orbit zu saugen.

Um andere Ressourcen zu plündern? Wenn sie nicht der Nahrung oder des Wassers wegen kommen – vielleicht wollen sie unsere Rohstoffe haben? Dann müssten sie sehr tief graben. Kostbare Metalle wie Wolfram, Platin, Nickel oder Gold sind auf der Erde nur in einigen Kilometern Tiefe zu finden. Viel besser für den Erzabbau eignen sich Asteroiden: Bodenschätze lagern dort direkt an der Oberfläche.

Um eine neue Heimat zu finden? Wenn der Lebenszyklus einer Sonne endet, wird es für Bewohner der Planeten, die sie umkreisen, ungemütlich: Entweder der Stern explodiert und verwandelt im Umkreis von Millionen Kilometern die Umgebung in ein flammendes Inferno. Oder er erkaltet und macht aus den Planeten kosmische Gefriertruhen. Grund genug für Aliens, sich nach einem neuen Domizil umzusehen. Allein in den vergangenen 20 Jahren haben Forscher rund 4.000 erdähnliche Planeten in unserer Galaxie aufgespürt. An Auswahl mangelt es obdachlosen Außerirdischen jedenfalls nicht. Dass sie die Erde als ihre nächste Heimat wählen, ist abwegig, weil sie bereits bewohnt ist. Es wäre viel einfacher, einen unbewohnten Planeten zu kolonisieren.

„Keine Angst vor Aliens: Sie sind vermutlich eher neugierig als feindselig“

Unterm Strich halte ich es wegen der zu überwindenden Distanz und der Beliebigkeit des irdischen Ressourcenangebots für nahezu ausgeschlossen, dass Aliens die Erde oder ihre Bewohner ausbeuten wollen. Denkbar ist eher, dass sie uns besuchen, weil sie neugierig sind. Vielleicht interessieren sie unsere Kultur, Philosophie oder auch Religion.

Insofern verstehe ich die Voyager-Missionen als Einladung: Kommt vorbei, macht euch ein Bild von uns. Wir beißen nicht – und haben viel zu erzählen.

Zur Person: Lewis Dartnell
Dartnell ist Professor für Astrobiologie an der University of Westminster in London und Wissenschaftsautor. Zuletzt erschienen ist sein Buch: „Das Handbuch für den Neustart der Welt“.

Voyagers Reise in die Unendlichkeit

Nacht der Sterne: Außer Emer Reynolds’ Film über die Voyager-Mission zeigt ARTE im Rahmen eines Thementags am 29. Juli zahlreiche weitere Dokus über die Erforschung des Weltalls.

Dokumentarfilm

Samstag, 29.Juli, 11.20 Uhr

Kategorien: Juli 2017