Aktivurlaub, DEUTSCHLAND, Ferienzeit, FRANKREICH, Typisch Deutsch
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TYPISCH DEUTSCH: HAUCH VON NICHTS

Im Juli blickt das ARTE Magazin auf die Ferienzeit. Viele Deutsche lieben es aktiv – ein Graus für so manchen Franzosen.

© Martin Haake

Ach ja, die Ferien: Meer, Sand, Sonne. Viel mehr braucht es nicht, dachte ich – bis wir uns in einem Sommer entschieden, mit deutschen Freunden in die Bretagne zu fahren. Auf dem Weg dorthin träumten wir von schnuckeligen Granithäuschen mit blauen Fensterläden, Crêpes, Cidre und langen Sandstränden. Sehr schnell verstand ich jedoch, dass es eine andere Art von Urlaub werden würde.

Am ersten Morgen informierten mich meine Freunde über das anstehende Tagesprogramm. Schon in voller Montur und perfekt organisiert waren sie bereit, das Haus zu verlassen: Ausflüge, Fahrradtouren, Besichtigungen von Kirchen – sie hatten offenbar nicht bemerkt, dass ich, noch im Schlafanzug, mir alles andere als einen durchorganisierten Tag vorgestellt hatte. Es ist nämlich so: Wenn meine Landsleute und ich etwas in den Ferien hassen, dann ist das, zu planen. Der Sommer ist eine Zeit fürs Nichtstun und die schönen Dinge im Leben. Den Kaffee trinkt man morgens sehr langsam, nachmittags zieht sich der Aperitif über mehrere Stunden. Dazwischen gilt es, gemeinsam um einen Tisch zu sitzen, das regionale Essen zu kosten und endlos darüber zu diskutieren. Wohl aber nicht in diesem Urlaub. Denn wenn eine Gruppierung sich für den Begriff „Aktivurlaub“ begeistern kann, dann sind es wohl die Deutschen. Damit aber nicht genug.

Die unterschiedliche Auffassung von Erholung setzte sich am Strand fort: Kaum angekommen, stürzten sich meine Freunde ins Wasser, als erblickten sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer. Zurück aus den Wellen zog sich meine Badebegleitung dann kurzerhand splitterfasernackt aus, als wäre es das Normalste der Welt, bevor sie sich wie nach dem Duschen abtrocknete und wieder anzog. Nichts da mit langsam in der Sonne trocknen lassen und bräunen!

Dann wollte auch ich mich ins Wasser wagen. Ich schlang das Handtuch um die Taille, um darunter meinen Badeanzug anzuziehen. Doch mein ausgeklügeltes System war völlig dahin, als ein plötzlicher Windstoß das Handtuch abheben und mich ebenfalls hüllenlos am Strand stehen ließ. Anders als meine pragmatischen Freunde lief ich rot an und holte mir postwendend die Retourkutsche: „So kompliziert in den Ferien, die Franzosen!“ Vermutlich ist wohl manchmal auch dieser Sinn fürs „Handeln ohne Umschweife“ angebracht, vor allem bei wechselhaftem Wetter. Aber was den Rest betrifft: Meine sommerlichen Gewohnheiten habe ich kein bisschen geändert, nein, ich optimiere sie sogar noch.

Zur Autorin: Cécile Calla
Die Französin lebt seit 2003 in Berlin, unter anderem als Korrespondentin von „Le Monde“. 2009 erschien ihr Erlebnisband „Tour de Franz“.

Karambolage

Magazin

Samstags, um 18.55 Uhr (Sommerpause bis 2. September 2017)

Kategorien: Juli 2017