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EIN RIESENGROSSER SKANDAL

Clare Rewcastle Brown wuchs in Borneo auf und engagiert sich heute als Journalistin gegen die Zerstörung des Regenwalds. Mit ihren Recherchen über Korruption macht sie sich nicht nur Freunde in der Region.

1989: Protest der Urvölker gegen die Abholzung © BMF/Jeff Libmann

Als jemand, der in Borneo aufgewachsen ist, war ich mir des Problems der Zerstörung des Regenwalds immer bewusst. Doch als ich 2006 in das Land zurückkehrte, begriff ich erst, wie akut und desaströs die Situation sich entwickelt hatte. Diese Tragödie hatte bereits die Leben vieler indigener Völker zerstört, die die rechtmäßigen Besitzer der mittlerweile komplett rasierten und baumfreien Landstriche waren.

Hinter diesem Leid stecken die lokalen politischen Machthaber, die mit ihren Kumpanen bei den Palmölfirmen gemeinsame Sache machen.

Der Dschungel in Borneo ist nicht nur magisch und wunderschön, er ist auch die Region mit der höchsten Biodiversität auf der ganzen Welt. Er ist Ursprung des Wissens, das Forscher über Evolution gewinnen konnten, und Quelle vieler Medikamente und Materialien der Zukunft. Leider haben die Zerstörer Zehntausende Arten vernichtet, bevor sie überhaupt die Chance bekommen haben, entdeckt zu werden. Das ist ein Desaster epischen Ausmaßes.

Illegale Bereicherung

Die Zerstörung ist unnötig. Sie hat keinen anderen Zweck als den, die Profitgier der mächtigen Familien aus der Region zu stillen und sie innerhalb von kürzester Zeit so reich wie möglich zu machen.

Als ich 2006 wieder nach Sarawak kam, hörte ich bald vom Chief Minister Taib Mahmud, der sich durch die Abholzung still und heimlich zu einem der reichsten Männer der Welt gemacht hatte. Als Journalistin konnte ich nicht anders, als mich in die Recherche zu stürzen. Nur durch die Aufdeckung dieses Skandals würde es eine Chance geben, das, was vor sich ging, zu stoppen. Eine große Hilfe war mir dabei das Internet – so ließen sich die zensierten Mainstream-Medien Malaysias umgehen.

2010 ging meine Website Sarawak Report online. Dort legte ich fortan mit der Hilfe vieler anderer den Immobilienbesitz des Chief Ministers Taib in Europa, Australien und den USA offen. Niemals hätte Taib nur durch den Sold seines politischen Amtes einen solchen Reichtum aufbauen können. Also richtete ich auch ein Auge auf die Banken, Offshore-Zentren und Finanzexperten, die diese Form der illegalen Bereicherung unterstützten.

Vom Minister zum Staatsfeind erklärt

Innerhalb weniger Jahre wurde die Seite zu einer lokalen Legende in Malaysia. Ich bekam Morddrohungen, es gab Cyber-Attacken auf die Website sowie Onlinekampagnen gegen uns. Gemeinsam mit einem Team aus Freiwilligen gründete ich Radio Free, einen Sender, der in indigener Sprache über die Machenschaften der Palmöl-Industrie informiert. Wir wurden vom Minister Taib zum „Staatsfeind“ erklärt, nachdem seine Wahlergebnisse 2011 in den Keller gerutscht waren. Ging es nach ihm, waren wir daran schuld – nur dass er uns nicht verklagen konnte, da alles, was wir über ihn berichteten, stimmte.

Die Filmemacher von „The Borneo Case“ verfolgten unsere Bemühungen mit dem Projekt. Doch bald sollte mich diese Geschichte noch sehr viel weiterbringen. 2014 verstand ich, warum trotz all meiner Enthüllungen über Taib Mahmud und seinen Nachbarminister von Sabah, Musa Aman (der jetzt in der Schweiz dank unserer Enthüllungen vor Gericht steht), nichts unternommen worden war, um die Zerstörung zu stoppen. Ich fand heraus, dass der Premierminister selbst, Najib Razak, in Korruption verwickelt war und damit nicht in der Position war, gegen seine Untergebenen vorzugehen.

Tief in Korruption verstrickt

Ich vertiefte mich in die Recherche über den Schmiergeldfonds 1MDB. Dieser sogenannte Entwicklungshilfefonds wurde gemelkt, um Wählerstimmen zu erkaufen und um den Lifestyle von Najib, seiner Familie und seiner Verschwörer zu finanzieren. Unter den Extravaganzen, die von 1MDB finanziert wurden, war der Film „Wolf of Wall Street“, der von Najibs Stiefsohn produziert worden war, Villen in Hollywood, New York und London, Privatjets, Yachten, teure Kunstwerke und zahlreiche Partys in Las Vegas und Saint Tropez.

Nach meinen Enthüllungen stieß das US-Justizministerium globale Ermittlungen gegen 1MDB an, der bis dato größte Fall dieser Art. Es wird geschätzt, dass der malaysischen Bevölkerung sieben Milliarden Dollar gestohlen wurden – „The Borneo Case“ endet mit einer Szene, in der Tausende Malaysier auf der Straße Gerechtigkeit fordern.

Der Kampf ist noch nicht zu Ende

Für mich geht die Geschichte noch weiter. Der Kampf ist noch lange nicht zu Ende. Malaysias Premierminister und seine korrupten Kollegen reagieren mit Verhaftungen, Razzien und neuen Gesetzen, die ihre Kritiker zum Schweigen bringen sollen. Auch gegen mich liegt ein Haftbefehl in Malaysia vor, mir werden „Aktivitäten, die der parlamentarischen Demokratie schaden“ sowie das „Verbreiten falscher Nachrichten“ vorgeworfen. Meine Website wurde in Malaysia gesperrt, der malaysische Polizeichef wandte sich an Interpol, um einen internationalen Haftbefehl gegen mich auszusprechen – der im vergangenen Jahr zurückgewiesen wurde.

Trotzdem werde ich Korruption weiter recherchieren und bekämpfen. Es geht um den Regenwald und seine Menschen – und die gehen uns alle etwas an.

Zur Person: Clare Rewcastle Brown

Clare Rewcastle Brown wuchs auf Borneo auf und arbeitet heute als Journalistin in England. Der Dokumentarfilm „The Borneo Case“ begleitet ihre investigativen Recherchen über die Zerstörung des Regenwalds und die Verstrickung der lokalen Politik mit der Palmölindustrie.Ihre Arbeit wird regelmäßig durch Cyberattacken gestört, sie selbst erhielt schon mehrere Morddrohungen.

The Borneo Case – Das dreckige Geschäft mit dem Regenwald

Jahrzehntelang wird die Insel Borneo um ihren Regenwald beraubt. Durch die Interessen von Banken und korrupten Politikern verkommt der Regenwald Borneos zur Ware. Die Dokumentation „The Borneo Case“ berichtet von diesem dreckigen Geschäft, seinen Profiteuren sowie verschiedenen Aktivisten, die sich dem Kampf gegen die hungrige Holzindustrie verschrieben haben. Können sie den Kampf David gegen Goliath gewinnen?

Dienstag, 25. Juli, 22.10 Uhr

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Kategorien: Juli 2017